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Reportage der Woche

Nachhaltigkeit: Im Stuhlkreis gegen den Klimawandel - wie ein Seminar die persönliche Energiewende lehrt

Lässt sich das Klima noch retten? Ein Seminar im Hamburger Umweltzentrum will Mut machen: Jeder kann etwas tun. Doch daneben lehrt das Seminar eine Kernbotschaft, die die meisten Teilnehmer in der Art nicht erwartet hatten.

Von Florian Schillat und Annina Metz

In einem Seminarraum sitzt sin Mann mit übergschlagenen Beinen auf einem Stuhl, vier Zuhörer ihm gegenüber im Halbkreis

"Warum heißt das eigentlich 'Umwelt'?" Michael Liebert, 56, stellt sich die Frage bis heute. Beziehungsweise seine Tochter, die ihn darauf hinwies: "In einer WG wohnt man ja auch nicht mit seinen Umbewohnern, sondern mit seinen MITbewohnern." Liebert wirkt elektrisiert, als er von dem heilsamen Schock erzählt. Es müsste doch Mitwelt statt Umwelt heißen! Das wäre doch viel logischer, oder? Es könnte auch der Titel für das Seminar an diesem Mittwoch in Hamburg sein. Liebert leitet das Ganze– und es geht auch um unsere Umwelt. Und geht es nach Liebert, dann sollte sie für uns zu einer Mitwelt werden. 

Im Gut Karlshof, dem Hamburger Umweltzentrum, ist die Mitwelt noch in Ordnung. Besucher der grünen Oase gehen zum "Frühstück für die Schafe", machen "Waldfondue" unter freiem Himmel oder lernen "Fridolin der Frosch und seine Freunde" kennen. Die "Natur- und Erlebnispädagogik" im Hamburger Nordosten, wie Liebert die rund 1000 Veranstaltungen im Jahr zusammenzufassen versucht, erstreckt sich auf über zwölf Fußballfelder. Streuobstwiesen, Schafweiden und Bauerngärten brauchen nun mal Platz. Seit neun Jahren ist er dort Fachreferent für Klimaschutz. Und, wie er genannt werde: "Michael, das wandelnde schlechte Gewissen."

An diesem Abend will er "Medium" sein, oder, wie er sagt, "Experte in Klammern". Was er will: Mut machen. Zum sechsten Mal lädt Liebert zum Seminar "Energiewende selber machen!", wobei er darauf Wert legt: "Selber machen bedeutet nicht alleine machen." Es soll um die "persönliche Energiewende" gehen, um Ansätze für "ein gutes Leben für alle" und den "Glauben an eine gute Zukunft". Früher hätte er all das mit "Nachhaltigkeit" überschrieben, aber die Schlagzeile erscheint ihm mittlerweile zu abgehangen. Und zu ungenau.

Ab jetzt ist er einfach Michael

"Heute ist ein Experiment – aber ich freue mich darauf", begrüßt Liebert die neun Teilnehmer, wahlweise Mitstreiter, die sich in der KinderForscherWerkstatt eingefunden haben. Der von Licht durchflutete Dachstuhl im Stallgebäude des Guts Karlshöhe ist genau das: Eine Kreativwerkstatt, in der sich normalerweise kleine Hobby-Forscher von vier bis zwölf Jahren den Themen Natur, Ernährung und Klimaschutz nähern – an kleinen Gruppentischen, einer kleinen Schultafel und einer kleinen Einbauküche.

Michael Liebert, Fachreferent für Klimaschutz am Gut Karlshöhe

Michael Liebert, Fachreferent für Klimaschutz am Gut Karlshöhe

Liebert will das Klein-Klein groß denken. Er hat sein Seminar für heute umstrukturiert. Pappschilder statt Powerpoint-Präsentation, Stuhlkreis statt Frontalunterricht. Die persönliche Energiewende soll gemeinsam erarbeitet werden. Mitwelt statt Umwelt eben.

Das "Experiment" beginnt mit einer Vorstellungsrunde, wobei das wörtlich zu nehmen ist: Wer bist Du – und was stellst Du Dir von diesem Abend vor? Zuvor haben sich die Teilnehmer Namensschilder aus Kreppband gebastelt. Auch Liebert klebt sich ein Namenschild an seinen blauen Pullover. Ab jetzt ist er einfach Michael.

Pia möchte etwas in ihrem Alltag verändern.

Sabrina fühlt sich machtlos: Was lässt sich im Alltag tun, um dem Klimawandel – diesem großen Thema – gerecht zu werden?

Ewa möchte etwas Praktisches mitnehmen.

Veith wünscht sich eine Anleitung, was er in seinem Privatleben ändern kann.

Anna hat sich schon immer für Nachhaltigkeit interessiert und will dazulernen.

Florian will auch Nischenbereiche kennenlernen.

Christel will das, was das Seminar verspricht: die "Energiewende selber machen".

Joachim will wissen: Was kann ich tun?

Und Martin meint, das etwas passieren muss – was, will er heute erfahren.

Michael Liebert, also Michael, sitzt an einem Ende des Stuhlkreises. Unscheinbar, lediglich bewaffnet mit rundbunten Pappschildern, auf denen die Themen des heutigen Abends stehen: Wohnen, Ernährung, Mobilität, Konsum, Arbeit und Finanzen – das sei sie, die persönliche Energiewende. Die Summe aller Teile und Probleme. Michael pinnt sie mit Magneten an die Tafel. Dann sitzt er wieder da, die Beine über Kreuz geschlagen. Und stellt "die zentrale Frage" des Abends: "Worauf habt ihr Lust?"

Die KinderForscherWerkstatt im Stallgebäude des Gut Karlshöhe

Die KinderForscherWerkstatt im Stallgebäude des Gut Karlshöhe

PRO-BLEM-LOS

Das soll die Selbstgruppehilfe in der Diskussion herausfinden, frei von jeder "Agenda", wie Michael sich das wünscht. Schnell wird im Stuhlkreis über vegane Ernährung gestritten, über Ökostrom debattiert, die Verkehrswende herbeigesehnt und resigniert wieder verworfen, energieeffizientes Heizen durchbuchstabiert und der (Wahn-)Sinn des Kapitalismus hinterfragt. Es sind die Reizthemen, die seit Monaten den öffentlichen Diskurs bestimmen, wenn es um Klimaschutz geht.

Zwischen den Fingern von Seminarleiter Michael tänzelt ein Stück Kreide. Eigentlich, um einige der Gedanken an der Tafel festzuhalten. Er wird es während des zweistündigen Seminars kaum benutzen. Stattdessen hebt er die entscheidenden Schlagworte aus der Diskussion mit begeisterter Stimme hervor, während er sie mit seinen Händen in die Luft malt, wie ein Dirigent, der seinem Orchester hilft, den Takt zu halten.

WÄR-ME-WEN-DE

SO-LI-DA-RI-TÄT

VER-BIND-LICHE NOR-MEN

PRO-BLEM-LOS

SO-LAR-OFFEN-SIVE

Kummer, Sorgen, Lösungsvorschläge – all das verhandelt der Stuhlkreis, wie eine Art Selbsthilfegruppe für Klimasünder, die es nicht mehr sein wollen. Natürlich sind sie keine Klimasünder, höchstens unfreiwillig, und das hier ist keine Beichte. Sie sind die "mächtigste Waffe gegen den Klimawandel", wie Michael sagt. "Menschen, die sagen: Ich will eine gute Zukunft für alle haben." Hier sitzen Überzeugungstäter, die etwas ändern wollen. Pia würde gern beim Generalstreik der "Fridays for Future"-Bewegung mitmachen, um Flagge zu zeigen. Veith würde sich am liebsten eine eigene Erdgasanlage auf dem Balkon bauen, um Selbstversorger zu werden. Und Seminarleiter Michael will genau das: einen "positiven Spirit".

Die Streuobstwiese auf dem Gut Karlshöhe

Die Streuobstwiese auf dem Gut Karlshöhe

"Energiewende selber machen" – das bedeutet, sich selbst zu wenden. Ein unmotivierter Klimaschützer ist kein guter Klimaschützer. Und wie Newton schon gesagt habe: "Energie wirkt immer." Auch die eigene. Es sind Sätze wie diese, die Michael seinen Mitstreitern in den Block diktiert und auch dankbar notiert werden – weniger konkrete Anweisungen, was denn nun zu tun sei.

Der ökologische Handabdruck

Natürlich wird auch über Maßnahmen gesprochen, wie der eigene ökologische Fußabdruck verkleinert werden kann. Etwa, indem man im Winter ausnahmsweise einen Pulli trägt, statt die Heizung auf Höchstleistung aufzudrehen. Oder bei Google nur nach Dingen sucht, die man wirklich nicht weiß und wissen muss – denn jede Suchanfrage wirft Server an, respektive wird Strom und Energie verbraucht.

Eine Geländeführung auf dem Gut Karlshöhe

Eine Geländeführung auf dem Gut Karlshöhe

Wichtiger sei aber, so Michael, den eigenen Handabdruck zu vergrößern. "Es geht nicht um Perfektionismus", sagt er. "Versucht das zu tun, das euch erfüllt. Dann habt ihr auch Lust und behaltet diese bei." Das sei gewinnbringender. Für einen selbst und für alle anderen, die das Klima schützen wollen. "Nichts steckt mehr an als ein positiver Geist." Und diesen Geist will Michael beschwören.

Ist es ihm gelungen? Das will Michael, nun wieder etwas mehr Seminarleiter Michael Liebert, nach zweieinhalb Stunden wissen.

Pia hat ein paar interessante Anreize mitgenommen.

Sabrina lobt die Anregungen, in die sie sich weiter rein denken will.

Ewa spricht von einem guten Anfang, sie will weitermachen.

Veith hätte sich noch mehr Dialog gewünscht und eine konkrete Anleitung, wie die persönliche Energiewende angegangen werden soll.

Anna hat mehr praktische Tipps erwartet, etwa zur Selbstversorgung, aber fühlt sich informiert.

Florian hätte gern mehr über Konsum gesprochen.

Christel hätte gern länger über Werte und Normen gesprochen.

Joachim nimmt ein paar Sachen für sich mit, die er im Alltag gebrauchen kann und umzusetzen versucht.

Und Martin hat der Rundumschlag gefallen, auch wenn der in Kürze der Zeit etwas oberflächlich ausgefallen sei.

Das Feedback fällt facettenreich aus, doch in einer Sache ist der Stuhlkreis geschlossen: Das Seminar sollte einen ganzen Tag dauern. Zweieinhalb Stunden seien zu wenig. Michael Liebert hat sein Ziel erreicht: Die Selbsthilfegruppe ist motiviert.

Es werden E-Mail-Adressen ausgetauscht, Literaturtipps gegeben. Dann verabschiedet sich Liebert von seinen Mitstreitern. Und gibt ihnen seinen wichtigsten Tipp für die persönliche Energiewende mit auf den Weg: "Ich glaube, nur mit Liebe geht’s." Damit unsere Umwelt zur Mitwelt wird.

Lesen Sie mehr zum Thema Klimawandel und was dagegen zu tun ist in der aktuellen Ausgabe des stern: