Kolumne Gipfel-Dämmerung


Europa wird 50! "Das ist ja der Gipfel", könnte man denken - und hätte sogar Recht. Schließlich steigt das europäische Familienfest pünktlich zum Höhepunkt der deutschen Ratspräsidentschaft. Hurra!
Von Angelika Dehmel

Das alte Europa hat Geburtstag. Die Einladungen sind lange schon verschickt und am Samstag geht die Party los. Dann versammelt sich die EU-Führungsriege zu einem Konzert der Berliner Philharmonie. Im Hauptprogramm: Die Schicksalssinfonie. "Der Wechsel von C-Moll zu C-Dur im vierten Satz symbolisiert den Weg durch die Nacht zum Licht und damit den Grundgedanken der Europäischen Union", erklären die Organisatoren im Kanzleramt.

Ach. Wie schön! Angesichts der immer noch fehlenden Verfassung und einer leicht verdaulichen, da substanzlosen Berliner Erklärung, stellt sich die Frage: Wo sind wir denn nun? Immer noch in der tiefsten Mitternacht? Mir dämmert da jedenfalls nichts, höchstens graut es mir, dann aber vielleicht sogar vor dem eigentlich ersehnten Morgen.

Thomas Reiter zum Festbankett

Da kommt dann zum Festbankett am Abend der rettende fliegende Engel, Astronaut Thomas Reiter, gerade recht. Im Schloss Bellevue wird er den Gästen schöne Geschichten von Raumfahrttechnik und Zukunftschancen erzählen. Vielleicht sind wir doch schon durch die Nacht durch? Als Astronaut hat man ja einzigartige Perspektiven. Eventuell weiß einer, der die Welt schon von ganz oben gesehen hat, ja eine Antwort drauf, ob die Türkei nun ein Teil von Europa ist oder nicht. Abstand soll bekanntlich helfen.

Während die Oberhäupter sich also huldvoll darum bemühen, jahrzehntelang liebevoll gepflegte Unstimmigkeiten gemeinsam zu ignorieren, haben die Ehefrauen der Staatspräsidenten vielleicht etwas mehr Spaß. Unser Kanzlerinnengatte Joachim Sauer wird als Hahn im Korb die weiblichen Anhänge schon einmal vorab im "Hotel de Rome", der Gipfel-Location empfangen (Anglizismen sind beim EU-Gipfel ausdrücklich erlaubt. Das versteht sogar die Union). Die Wahl des Hotels ist natürlich symbolträchtig ausgeklügelt, schließlich waren die Römischen Verträge damals der Anfang von allem. Der große Ballsaal bleibt allerdings der Führungsriege vorbehalten.

Freuen wir uns jetzt!

Wenn dann am Sonntag die groß geschriebene, aber klein gebliebene Berliner Erklärung feierlich unterschrieben wird, zerrt man wieder den armen Beethoven hervor. Die Ode an die Freude scheint doch eher eine Beschwörung, als eine Anbetung zu sein. Wir sind 50, freuen wir uns jetzt! Die nachfolgenden Programme dürften den meisten Gästen auch wie eine Wiederholung vorkommen: Familienfoto vorm Brandenburger Tor, dann Mittagessen im "Hotel de Rome" (immer noch getrennt von den Frauen, die mit dem einfachen Hotelrestaurant vorlieb nehmen müssen).

Zum Schluss wird dann einem alten Freund "Tschüß" gesagt. Damit ist jedoch nicht der EU-Veteran Helmut Kohl gemeint, denn der laboriert noch am Knie und sagte der Feier genauso ab wie Genschers Geburtstag. Nein, verabschiedet wird Jaques Chirac, der beste Handküsser aller Zeiten. Ganz am Ende wird es noch einmal romantisch: Frau Merkel und Herr Barroso lassen am Sonntagabend auf dem Pariser Platz 5000 Luftballons in den Frühlingshimmel steigen. Und zeigen damit endlich ein wenig von dem Geist, was Europa wirklich bedeutet: Der Wunsch, vereint in vollkommener Freiheit in ungeahnte Höhen zu fliegen, um dann doch in alle 27 Himmelsrichtungen verweht zu werden.


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