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Kommentar: Besser Niemandskind als tot

Babyklappen und anonyme Geburten, behaupten Kritiker, seien überflüssig. Es gebe bei uns viele andere Hilfsangebote für verzweifelte Schwangere. Zudem würden Findelkinder produziert, die nie erfahren, woher sie kommen. Nur: Tote Kinder können Fragen nach ihrer Herkunft gar nicht mehr stellen.

Von Werner Mathes

Babyklappen und die Möglichkeit einer anonymen Geburt retten Kinderleben

Babyklappen und die Möglichkeit einer anonymen Geburt retten Kinderleben

Sabine Schüssler* hatte, bevor sie vor drei Jahren ihr Baby heimlich gebar und es dann erstickte, mit der Telefonseelsorge und mit der Caritas telefoniert, hatte sich über Babyklappen und die Möglichkeit einer anonymen Geburt informiert. "Das hätte mir ein paar Wochen Zeit gegeben, in denen ich mich wieder hätte melden und sagen können, ob ich das Kind selbst großziehen möchte," hat sie stern-Mitarbeiter Manfred Karremann gesagt, der sie für seinen stern-Report "Weggeworfen" im Gefängnis befragte. Aber irgendwann war es zu spät gewesen, "weil die Zeit mir das Messer auf die Brust gesetzt hat". Vielleicht, sagt die Mutter, könnte das Kind noch am Leben sein, wenn es so was wie einen Babynotruf gegeben hätte, "dass einen jemand abholt, zur anonymen Geburt fährt und wieder heim - oder eben das Baby mitnimmt, ohne Fragen".

Nur: Den Baby-Notruf gab es schon vor drei Jahren - er war ihr bloß nicht bekannt gewesen. Hätte sie ihr Kind tatsächlich anonym gebären können oder in einer Babyklappe abgelegt, hätte Sabine Schüssler in der Tat acht Wochen Zeit gehabt, sich wieder zu melden und den Säugling wieder zu sich holen können, bevor er zur Adoption freigegeben worden wäre.

Grundrecht auf Kenntnis der Abstammung

Es gibt etwa 80 Babyklappen in Deutschland, und in rund 130 deutschen Kliniken ist es möglich, dass Mütter in Not dort ihre Kinder anonym zur Welt bringen - obwohl die anonyme Geburt bei uns, anders als in Frankreich etwa, nicht legal, also eigentlich verboten ist. Warum? Weil, so das Bundesverfassungsgericht, jeder Mensch ein Grundrecht auf Kenntnis seiner biologischen Abstammung hat. Außerdem sind Eltern gesetzlich zur Pflege und Erziehung ihres Kindes nicht nur berechtigt, sondern auch verpflichtet.

Kritiker von Babyklappen und anonymen Geburten monieren vor allem, dass die Zahl ausgesetzter und getöteter Kinder seit Einrichtung der Klappen und seit Ermöglichung vertraulicher Entbindungen nicht abgenommen habe. Was allerdings voraussetzen würde, dass die jährlich 25 bis 26 tot aufgefundenen und die 6 bis 14 lebend geborgenen Säuglinge tatsächlich alle Babys sind, die ausgesetzt oder umgebracht worden sind. Fachleute wie der Duisburger Kripo-Mann Heinz Sprenger vermuten allerdings, dass die registrierten Babys "nur ein paar von Hunderten pro Jahr sind, die niemals entdeckt werden".

Das Kinderhilfswerk "terres des hommes", das entschieden gegen Klappen und anonyme Geburten ist, fragt, was man im Jahr 2018 einem jungen Menschen erzählen will, der seine biografischen Spuren bestenfalls bis zu einer Babyklappe in irgendeiner deutschen Stadt zurückverfolgen kann, der wissen will, weshalb er zum Niemandskind gemacht worden ist in einem Land, das eine Vielzahl von Hilfen für Schwangere und Familien vorhält.

"terre des hommes" verweist auch auf die Deutsche Gesellschaft für Psychosomatische Frauenheilkunde und Geburtshilfe (DGPFG), die nachdrücklich bezweifelt, dass Angebote wie Babyklappen und anonyme Geburten Schwangere, die in Gefahr stehen, ihre Neugeborenen zu töten oder auszusetzen, überhaupt zu erreichen vermögen. Eine Verallgemeinerung, die so nicht zulässig und haltbar ist.

Missbrauch kann nicht ausgeschlossen werden

Schaut man sich die gemeldeten Zahlen an, sind es mindestens 143 Babys, die innerhalb von sieben Jahren in Babyklappen abgelegt wurden. Ende vergangenen Jahres berichtete der Verein SterniPark, der vermutlich die meisten anonymen Geburten in Deutschland vermittelt, dass er rund 300 solcher Geburten arrangiert habe - innerhalb von acht Jahren. Über 150 dieser Mütter haben sich dann allerdings doch für ein Leben mit ihrem Kind entschieden, was innerhalb von acht Wochen nach der Geburt möglich ist. Was beweist, dass man sich sehr wohl um die verzweifelten Frauen kümmert, sie berät und betreut. Nur 20 der knapp 150 Mütter, die ihre Kinder zur Adoption frei gaben, beharrten auf Anonymität, die anderen trafen Vorkehrungen, dass ihr Nachwuchs später weiß, woher er stammt. Auch Kinder aus Babyklappen werden innerhalb der Acht-Wochen-Frist vielfach von ihren Müttern wieder abgeholt.

Natürlich kann ein Missbrauch dieser Angebote nicht ausgeschlossen werden, können sich Mütter, die ihr Kind nicht wollen, damit den etwas mühsameren Weg zur legalen, aber gleichwohl diskreten Adoptionsfreigabe ersparen. Aber das dürften Einzelfälle sein, denn keiner Mutter fällt es leicht, sich von einem Kind zu trennen, das sie zur Welt gebracht hat.

Dass Babyklappen und die Möglichkeit einer anonymen Geburt überflüssig sind, wie es die Kritiker behaupten, ist Unsinn. Wir brauchen diese niederschwelligen Angebote, vor allem die zwar illegale, aber weithin geduldete anonyme Geburt - weil gerade Mütter in scheinbar ausweglosen Situationen auf ärztliche Hilfe und Beistand angewiesen sind. Wer sein Kind selbst heimlich entbinden muss, irgendwo und irgendwie, bringt sich selbst und das Baby in Todesgefahr.

Wenn Babyklappen und anonyme Geburten Kinder retten, die sonst weggeworfen werden würden, müssen diese Angebote bleiben. Auch wenn damit Kinder am Leben bleiben, die nicht wissen, woher sie kommen und weshalb ihre Mütter sich gegen sie entschieden haben. So schmerzhaft das auch ist: Sie können sich später diese Fragen wenigstens noch stellen.

Tote Kinder nicht mehr.

*) Name geändert