HOME

Kommentar: Bildungsföderalismus? Abschaffen!

Jetzt ist die Reform - oder besser gesagt: das Reförmchen - der Rechtschreibung vollends zum Spielball landespolitischer Interessen geworden. Bayern und NRW haben die Umsetzung erstmal verschoben. Die Dummen sind die Schüler.

Von Carsten Heidböhmer

Im Juli 1996 war die Welt in Deutschland noch in Ordnung - zumindest bildungspolitisch. Damals einigten sich die 16 deutschen Bundesländer, Österreich, die Schweiz und Liechtenstein darauf, die neue Rechtschreibreform verbindlich zum 1. August 2005 einzuführen. Während die Einführung der neuen Reform in den Nachbarländer größtenteils reibungslos vonstatten ging, wurden die neuen Regeln hierzulande mit einem Getöse begleitet, als stünden nicht geringfügige Änderungen, sondern gleich die Abschaffung der deutschen Sprache zur Disposition. Ähnlich wie beim sensiblen Thema Tempolimit auf Autobahnen regte sich der deutsche Freiheitsgeist spontan: "Wir lassen uns von denen da oben nicht vorschreiben, wie wir zu schreiben haben", erklang es allerorten - als müssten die Urlaubspostkarten an Tante Erna künftig von staatlicher Stelle abgesegnet werden.

Die Stunde der Populisten

Populistische Landespolitiker haben diese Stimmung gleich zu ihren Gunsten genutzt und sich zu Fürsprechern der alten Rechtschreibung gemacht. So verdankt der niedersächsische Ministerpräsident Christian Wulff seinen kometenhaften Aufstieg zum beliebtesten Politiker Deutschlands auch seinem Feldzug gegen die neuen Regeln. Und der damalige CDU-Oppositionsführer Jürgen Rüttgers durfte Anfang des Jahres bei "Sabine Christiansen" unter donnerndem Applaus des Publikums seine Ablehnung der Reform zum Besten geben - mit Aussagen, die einen erschreckenden Mangel an Sachkenntnis offenbarten.

Während Wulff schließlich doch noch eingeknickt ist, hat Rüttgers im Tandem mit dem bayerischen Ministerpräsidenten die Reform zum 1. August erst einmal verhindert - obwohl Stoiber der verbindlichen Einführung 1996 zugestimmt hatte. Wie es nun weitergeht, ist völlig unklar. Die Leidtragenden stehen aber jetzt schon fest: Es sind die Schüler, auf deren Rücken die Landesfürsten Rüttgers und Stoiber ihre selbstherrlichen Hahnenkämpfe austragen.

Kleinstaaterei richtet großes Chaos an

Dass zwei profilierungssüchtige Regionalpolitiker überhaupt einen derartigen, weit über ihr Territorium gehenden Schaden anrichten können, hat seine Ursache in dem dringend reformbedürftigen föderalen Bildungssystem. Erst die Kleinstaaterei in der Schulpolitik macht das Rechtschreibchaos möglich. Schon jetzt stellt der Umzug in ein anderes Bundesland Schüler vor große Probleme: jedes Land hat seine eigenen Lehrpläne, sodass Schüler in verschiedenen Ländern verschiedene Kenntnisse besitzen. Nicht erst seit Pisa ist dieser Zustand bekannt. Zu diesem Problem gesellt sich aber ab dem kommenden Schuljahr auch die unterschiedliche Rechtschreibung. Wer von einem der übrigen Bundesländer nach Bayern oder Nordrhein-Westfalen zieht, muss sich künftig auch an eine abweichende Rechtschreibung zu gewöhnen - umgekehrt gilt das Gleiche.

Die Politiker aller Parteien täten gut daran, die an der Bildungspolitik gescheiterten Gespräche über die Föderalismusreform wieder aufzunehmen und dabei gleich den großen Wurf anzustreben: Nicht nur in der Hochschul-, sondern vor allem in der Schulpolitik sollten die entsprechenden Kompetenzen dringend dem Bund übertragen werden. Der Bildungsföderalismus, den die Alliierten aus der Erfahrung mit dem nationalsozialistischen System verordnet hatten, hat seine Schuldigkeit getan. Deutschland ist als Demokratie gefestigt genug, um die Bildungsziele zentral zu steuern - wie dies übrigens in den meisten europäischen Nachbarländern mit Erfolg geschieht. Nur so wird vermieden, dass ähnliche Possen wie die um die Rechtschreibreform auch künftig auf den Rücken der Schwächsten - der Schüler - ausgetragen werden.