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Kommentar: Danke, Eva!

Eva Herman gebührt Dank. Nicht für ihre Erkenntnisse zu Familienpolitik und Autobahnbau - sondern dafür, dass sie eine Debattte über unseren Umgang mit dem Nationalsozialismus angestoßen hat. 25 Prozent der Deutschen finden, dass das Dritte Reich auch gute Seiten hatte. Dagegen hilft kein Redeverbot, da hilft nur Aufklärung.

Von Stefan Schmitz

Reden wir also über Nazis. Bevor wir damit beginnen, bedanken wir uns herzlich bei Eva Herman. Dafür, dass sie damit angefangen hat.

Okay, es lief alles ein wenig aus dem Ruder an jenem Abend, an dem die Ex-Tagesschau-Sprecherin bei Johannes Kerner in der Sendung saß. Wirklich klüger wurde durch das Fernsehschauspiel niemand. Herman sagte, dass sie die Nazis ganz schrecklich fände, aber keinen Grund sehe, sich von früheren Aussagen über deren Familienpolitik zu distanzieren, denn die seien nur falsch verstanden worden. Dann sagte sie noch was über Autobahnen, und am Ende flog sie raus.

Der Skandal sorgte für Quote und hinterlässt ein merkwürdiges Gefühl. Wie darf man über den Nationalsozialismus sprechen? Helfen Tabus und Verbote? In einer Forsa-Umfrage für den stern sagten 25 Prozent der Befragten, das Dritte Reich habe auch gute Seiten gehabt. Also jeder Vierte. Das ist dramatisch. Der Bau der Autobahnen, die Förderung der Familie, die Beseitigung der Arbeitslosigkeit - offenbar finden nicht nur rechte Skinheads, sondern Millionen Deutsche, das Regime habe nicht alles falsch gemacht.

Alles für den großen Krieg

Geredet wurde darüber lange nicht öffentlich, sondern höchstens bei der Familienfeier, wenn Oma einen Eierlikör zuviel hatte. Da ist etwas falsch gelaufen. Denn so wichtig es ist, die Volksverhetzer und Holocaust-Leugner zu bekämpfen, so wichtig ist es auch, die Ahnungslosen zu informieren. Bei näherem Hinsehen bleibt von den vermeintlichen Errungenschaften der Nazis nämlich nichts übrig: Es stimmt, dass sie tausende Kilometer Autobahn gebaut haben. Auch richtig, dass sie das Millionenheer der Arbeitslosen in die Fabriken holten - vornehmlich in solche, die Waffen herstellten.

Nur wurde das alles auf Pump finanziert und diente von Anfang an einem Zweck: Dem großen Krieg, der schon deshalb kommen musste, weil der Staat sonst pleite gegangen wäre. Ähnliches gilt für die Familienförderung. Die war dazu da, arische Herrenmenschen zu züchten, die später die unterjochten Gebiete in Osteuropa besiedeln sollten. Zwangssterilisationen, Euthanasie, KZ, schließlich der Holocaust - das ist die andere Seite dieses Rassenwahns. Sie gehört dazu, wenn man heute die NS-Familienpolitik bewertet.

Redeverbote verhindern Aufklärung

Trotz der erschreckend hohen Zahlen in der repräsentativen Forsa-Umfrage, gibt es keinen Grund, jetzt mit erhobenem Zeigefinger rumzufuchteln. Denn lange hat niemand Interesse daran gehabt zu erklären, wie das Regime seine Bürger gekauft hat: Es gab neue Sozialleistungen wie die gesetzliche Krankenversicherung für Rentner oder steuerfreie Nacht- und Sonntagszuschläge (auch das sollten letztlich die späteren Sklavenvölker bezahlen). Für Millionen ließ es sich lange gut unter den neuen Herren leben. Als alles vorbei war, hat auch die Zeitgeschichtsschreibung über viele Jahre lieber betont, wie das System seine Macht ausübte, wie repressiv und brutal es gewesen ist. Das war es auch. Aber eben nicht nur.

Die andere, die werbende Seite des Nationalsozialismus passte nicht ins Konzept. Und vom ersten Nachkriegstag an, war die Beschäftigung mit den zwölf Hitler-Jahren auch Politik. Es ging darum, die eigenen Biografien zu retten; es ging um die Meinungs- und Deutungshoheit. In den langen Debatten entstand ein Dickicht von Tabus und Sprachregelungen, die nicht verletzt werden durften. Offenbar hat das nicht nur vor Zumutungen und unerträglicher Hetze geschützt - die Redeverbote verhindern auch Aufklärung und Austausch. Was nach Fernsehrausschmissen und Boulevardschlagzeilen bleibt, ist eine einfache Regel: Wenn sich die Klassensprecher der Ahnungslosen zu Wort melden, sollten wir ihnen zuhören und antworten.