Kommentar Marxismus wäre gut für Katholiken


Nach fast 21 Jahren tritt Karl Kardinal Lehmann vom Vorsitz der Deutschen Bischofskonferenz zurück. Damit beginnt für die Katholiken und Deutschland eine neue Ära. Es könnte bald Marx statt Lehmann heißen - sicher kein Rückschritt.
Von Frank Ochmann

Ein besserer Zeitpunkt ist kaum denkbar, auch wenn Karl Lehmann ihn nicht ganz freiwillig ausgesucht hat. Krankheit vor allem, so versichert er nach Klinik- und Kuraufenthalten in seinem Schreiben an die Brüder im Amte, zwinge ihn zum Rücktritt vom Vorsitz der Deutschen Bischofskonferenz - "Herz-Rhythmus-Störungen mit Folgen". Auch eine Folge: Die katholische Kirche hierzulande, aufgrund vieler Neubesetzungen von Bischofsstühlen ohnehin im Umbruch, steht nun auch an ihrer Spitze vor einer neuen Ära. Und der Neue steht bereit. Denn wenn nicht alle Anzeichen trügen, wird diese neue Ära eine stramm "marxistische" sein. Stramm ist jedenfalls schon das Tempo, mit dem sie beginnt.

Marx muss sich vor Lehmann nicht verstecken

Am 2. Februar erst nimmt Reinhard Marx, derzeit noch Bischof von Trier, auf der Kathedra im Münchner Liebfrauendom Platz, auf dem Thronsitz also, auf dem auch der amtierende Papst einst gesessen hat. Es wird nicht viel Zeit vergehen, bis Reinhard Marx auch den Kardinalstitel zwischen Vor- und Zunamen tragen darf und damit zum kirchlichen Hochadel zählt. München ist schließlich nicht irgendein Bistum. Und dass der neue Erzbischof ganz und gar nach dem Geschmack Papst Benedikts ist, kann nicht bezweifelt werden, hat der ihm doch seine Heimat anvertraut.

Das allein schon wäre ein starkes Argument für einen Vorsitzenden Marx. Ein anderes, nicht weniger gewichtiges, ist er selbst: Kein residierender Bischof zwischen Sankt Marien in Flensburg und der Pfarrkirche Maria Himmelfahrt in Garmisch-Partenkirchen hat auch nur annähernd das Charisma, mit dem Reinhard Marx eine Runde von Firmeltern ebenso für sich einnehmen kann wie das Millionenpublikum einer Sonntagabend-Talkshow. Überzeugen kann er nicht nur durch seinen unerschütterlichen Optimismus, den er vom lieben Gott persönlich haben muss. Auch mit seiner Bildung und Geistesschärfe muss er sich vor der Kardinal Lehmanns, des überaus gelehrten früheren Professors, nicht verstecken. Marx statt Lehmann wäre also sicher kein intellektueller Rückschritt.

Und Marx müsste auch nicht die Lehmannsche Krankheit fürchten. Die besteht nämlich nicht nur aus messbaren Herzproblemen. Der Mainzer Mittler mit der Engelsgeduld hat in den gut zwei Jahrzehnten seiner Amtszeit an der Spitze der Bischofskonferenz Kompromiss und Konsens auch da noch gesucht, wo beim besten Willen keiner mehr zu finden war. Das hat ihm neben Respekt, ja Bewunderung auch den Ruf des Zagenden und Zaudernden eingebracht. Mancher, auch in seiner Nähe, hat sich gefragt, wie es einer mit Lehmanns Verstand über zwanzig Jahre zwischen den Meisners und Mixas in der Bischofskonferenz aushalten kann. Karl Lehmann konnte. Und dafür allein verdient er den aufrichtigen Dank seiner Kirche.

"I'll do my very best"

Aber er hat in diesen Jahren interner Kämpfe, für die der heftige und für Lehmann schließlich peinlich verlorene Streit um die Schwangerschaftskonfliktberatung ein herausragendes Beispiel ist, einen hohen Preis gezahlt. Dass er sich im Geist des Zweiten Vatikanischen Konzils für einen zeitgemäßen und weltoffenen Glauben einsetzte, wurde vom rechten Flügel verächtlich als "Lehmann-Kirche" abgetan, als lau und lasch. Dass er sich dann im April 2005 in gewohnter Treue zum neuen Papst bekannte, der ihm das Leben zuvor als Präfekt der Glaubenskongregation wahrlich nicht leicht gemacht hatte, hielten ihm Liberalere als Einknicken vor. Oft, vermutlich zu oft, hat Karl Lehmann der Loyalität den Vorzug gegenüber der Vernunft und eigener Einsicht gegeben. Kein Wunder also, wenn das Herz vielleicht auch deshalb nicht mehr so recht will.

So wird nun ein anderer an seine Stelle treten. Am 11. Februar kommt die Deutsche Bischofskonferenz in Würzburg zur ersten Vollversammlung in diesem Jahr zusammen. Und es wäre wirklich erstaunlich, wenn Reinhard Marx dort nicht bald Gelegenheit bekäme, den Satz zu wiederholen, mit dem er bei der Ernennung zum Münchner Erzbischof gewitzt und gewappnet für künftige Herausforderungen vor die Kameras trat: "I'll do my very best."


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