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Kommentar: Religion Light

Du lieber Gott, was waren das für Schlagzeilen. Unisono kürte die Boulevardpresse Professor Joseph Ratzinger zum "Papst der Herzen". Und das Fernsehen lieferte die Jubelbilder hinterher. Würde man dem folgen, müsste man glauben, Benedikt XVI. würde demnächst "Nur die Liebe zählt" moderieren. So kuschelig, so süß, so barmherzig!

Von Lutz Kinkel

Der Erste, der sich gegen diese Interpretation wehren würde, ist Ratzinger selbst. Er verweigert sich ostentativ dem Starkult. In der Regel verzichtet er auf gefühlige, medial wirksame Gesten und Slogans. Er dreht sich nicht noch mal in die Kamera und badet im Applaus, sobald die Messe auf dem Marienfeld beendet ist. Ratzinger bewegt sich in einem Set von Inszenierungen, aber inszeniert sich nicht selbst. Der Gelehrte will theologische Botschaften vermitteln.

Dafür sind die Universitäten und die Katholikentage der richtige Platz. Nicht aber der WJT. Die Veranstaltung, erfunden vom Medienprofi "J.P. II", ist ein Showcase, eine Art Love-Parade der Katholiken. Es geht um das Erlebnis, um den gefühlten Katholizismus, der sich in der riesigen Gemeinschaft und im Beisein des Stars bis zur Ekstase steigern kann. So war es, wenn Johannes Paul II. in Toronto, Paris oder Gottweißwo auftrat. So war es nicht in Köln. Dieser WJT war - vergleichsweise - nüchtern.

Kölsche Lösung

Dennoch hat Benedikt XVI. zweifellos bei der Jugend punkten können. Aber er zahlt auch einen hohen Preis dafür. Denn die Begeisterung für ihn speist sich aus einer "kölschen Lösung": Den Papst sehen ist geil, aber in Religionsfragen kann er ja auch mal irren. So ist et eben.

Das ist zu hören und zu spüren, wenn man mit jungen Pilgern ins Detail geht. Sollten Frauen zum Priesteramt zugelassen werden? Muss man in Afrika Kondome verteilen, damit nicht noch mehr Menschen an Aids sterben? Sind Homosexuelle wirklich Sünder? Leben Sie selbst sexuell enthaltsam, bevor Sie heiraten? Existiert eine Hölle, in der die Sünder ewig leiden müssen? Sollte man Bewegungen wie die lateinamerikanische Befreiungstheologie aus der Kirche ausgrenzen?

Benedikt, der Abräumer?

Manche jungen Menschen sind von solchen Fragen verständlicherweise überfordert. Andere erklären rundweg, sie seien nicht hier, um über Theologie zu diskutieren. Der größte Teil jedoch tischt Antworten auf, die ein paar Kilometer neben der päpstlichen Linie liegen. Das gilt vor allem für junge Katholiken aus Deutschland, weil sie in einem relativ liberalen Klima aufwachsen. Da ist es eben normal, eine eigene Meinung zu haben.

War also Papst Benedikt wirklich der Abräumer des WJT? Ersichtlich ist bislang, dass er in einem dreifachen Dilemma steckt. Er muss eine Rolle spielen, die ihm nicht geheuer ist. Er wird als Person geliebt, aber nicht als unumschränkte geistige Autorität akzeptiert. Und unterm Strich kommt die "kölsche Lösung" raus: Religion light.

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