Kommentar Wir sind nicht Papst


"D'r Papst kütt!" Hunderttausende Pilger fieberten diesem Moment entgegen. Nun ist Papst Benedikt XVI. da und doziert auf einem Schiff über den Sinn von Reliquien. Die Reaktionen sind verhalten.
Von Lutz Kinkel

Gibt es einen Star, der in der Lage ist, bis zu vier Millionen Menschen an einem Ort zu versammeln und zu begeistern? Es gab ihn zumindest: Johannes Paul II., den legendären Menschenfischer und Medienmeister. Er hat den Weltjugendtag ins Leben gerufen, er wusste die Herzen seiner Anhänger zu erreichen. "Seine Stimme, sein Auftreten!", schwärmt Pater Florian aus Wien, der schon beim WJT in Toronto dabei war. Nun wartet er am Rheinufer auf das Schiff, von dem Benedikt XVI. zu den Pilgerscharen sprechen soll.

Im Vorfeld hatte sich die Boulevardpresse wechselseitig mit Willkommensgrüßen überboten. "Papa Colonia", titelte der Kölner Express mit lokalpatriotischer Emphase, "Benedikt, Dich hat Gott geschickt", reimte die "Bild". Überall in der Stadt war bereits sein Konterfei zu sehen: auf dem hausgroßen Poster am Bahnhof, auf Plakaten, T-Shirts, Schlüsselanhängern, Bierhumpen, eigentlich auf allem, was sich bemalen lässt. Niemand wusste mehr so recht, wem das Motto des Weltjugendtages eigentlich gelten sollte: "Wir sind gekommen, um IHN anzubeten"- war damit nun Gott oder der Papst gemeint?

Die Heimat, das Schicksal

Doch der inszenierte Starrummel fiel schon bei der Ankunft von Papst Benedikt XVI. auf dem Flughafen Köln-Bonn in sich zusammen. Er wartete auf der Gangway nicht den Jubel ab, er küsste nicht den Boden, er kam einfach und machte einen eher schüchternen Eindruck. Es sei eine "Geste des Schicksals", dass ihn sein erster Besuch auf den Boden der deutschen Heimat geführt habe, sagte der Papst. Und er setzte den Halbsatz "Ich habe es nicht gewollt" dazu, der wohl soviel heißen sollte wie "Ich habe das nicht veranlasst", der aber genauso klang wie er es gesagt hatte.

Nach seiner Rede schritt er die Reihen der Besucher ab und schüttelte einigen Rollstuhlfahrern die Hand. Seine linke Hand legte er dabei auf den Arm seines Gegenübers, was den Eindruck besonderer Herzlichkeit vermitteln sollte. Es blieb indes der Eindruck, dass ihm nichts so fremd ist wie die Körperlichkeit mit fremden Menschen.

Vom Sichtbaren und Unsichtbaren

Stunden später zeigt er sich das erste Mal den Pilgerscharen. Und das Bild, das alle vor Augen haben, ist magisch: Der in Weiß gewandete Papst sitzt auf dem Sonnendeck eines Schiffes, an der Reling flattern bunte Fahnen im Wind, im Hintergrund glühen die Rheinbrücken. Es ist, als käme eine moderne Arche Noah den Fluss herauf, die den Hunderttausenden, die das Ufer säumen, eine neue Welt bringt. Dann hält das Schiff an und der Papst spricht.

Über Jesus sagt er: "In ihm ist der Ewige in die Zeit eingetreten, indem er den Abgrund überbrückte, der zwischen dem Endlichen und dem Unendlichen, zwischen dem Sichtbaren und Unsichtbaren besteht; in ihm hat sich das Geheimnis zu erkennen gegeben, indem es sich in den zarten Gliedern eines kleinen Kindes an uns auslieferte." Zu den Reliquien der drei Könige, die im Kölner Dom aufbewahrt werden, bemerkt er: "Wenn uns die Kirche einlädt, die sterblichen Reste der Märtyrer und der Heiligen zu verehren, vergisst sie nicht, dass es sich letztlich zwar um armselige menschliche Gebeine handelt; aber diese Gebeine gehörten Menschen, die von der transzendenten Macht Gottes durchdrungen worden sind."

"Benedetto!"

Die Pilger, die am Ufer stehen, auf die Großbildschirme starren und den Lautsprechern lauschen, haben Mühe, den gewundenen Sätzen zu folgen. Sie lauern auf etwas, sie hungern förmlich danach, sie brauchen eine Emotion, einen Slogan, eine kraftvoll vorgetragene Botschaft, die sie in Schwingungen versetzt. Aber die hohe Stimme, die sie vernehmen, doziert im besten Kirchendeutsch über Christus und den Sinn von Reliquien.

Der Effekt ist überall zu sehen und zu hören. Die italienischen "Benedetto"-Stimmchöre bleiben blass, der Applaus spärlich, einzeln hervorgestoßene "Viva Papa"-Rufe verhallen in der Weite. Selbst die südamerikanischen Pilgergruppen, die in der Innenstadt gerne musizieren, tanzen und eine lebensfrohe Spiritualität zelebrieren, bleiben ruhig. Das Schiff steht einsam auf dem Rhein, es ist keine moderne Arche Noah, es ist die Fähre eines hoch gebildeten Intellektuellen, der auch aufgrund der Sicherheitsgefahr Abstand halten muss.

Theoretiker und Popstar

Pater Florian war vor seiner Stippvisite am Rheinufer in den Messehallen. Neun Stunden lang hat er dort jungen Menschen die Beichte abgenommen. "Es war schön zu sehen, mit welchem Frieden sie wieder gegangen sind", sagt er. Nun wollten sie diesen Frieden mit der Freude krönen, ihren Star zu bejubeln. Aber Benedikt XVI. ist nicht Johannes Paul II. Der Theoretiker des Glaubens ist kein Popstar der Gläubigen.

Und er sträubt sich, sich so zu inszenieren, dass sich Menschen und Medien an ihm laben können. Vielleicht liegt gerade darin die Stärke des neuen Papstes. Ganz sicher aber macht dies die Schwäche des ersten Tages aus. Der Funke, der die Menschen anstecken könnte, ist noch nicht übergesprungen.


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