Konklave Eine quälende Prozedur steht bevor


Bald treffen die Kardinäle in Rom ein, um das Ritual der Papstwahl abzuhalten. Doch 2005 ist vieles anders, weil sich die Gewichte innerhalb der Kirche stark verschoben haben. Ein Inder ist genauso möglich wie ein Afrikaner.

Schweigen ist eine Kardinalstugend. Wenn die Purpurträger aus aller Herren Länder demnächst in Rom zur Papstwahl zusammenkommen, müssen sie gleich drei Mal schwören, dass kein Sterbenswörtchen an die Außenwelt dringt. Trotzdem hat beim letzten Mal einer geplaudert. Mit 99 von 111 Stimmen sei Karol Wojtyla damals am 16. Oktober im achten Urnengang gewählt worden - dabei hätte das Ergebnis "auf ewiglich" ein Geheimnis bleiben sollen.

Schon deshalb üben sich die Kardinäle, die derzeit in Rom eintreffen, in Diskretion. Kameras und Mikrofone versuchen sie tunlichst zu meiden. Gleichsam geräuschlos quartieren sie sich ein, in Ordenshäusern und Hospizen oder auch gleich im Vatikan - um die großen Hotels in Rom machen sie einen Bogen. Der Aufenthalt in Rom könnte länger dauern als vielen lieb ist.

Einer der schwierigsten Wahlen der neuen Kirchengeschichte

Denn schon bevor die Kardinäle gemessenen Schrittes die Sixtinische Kappelle betreten, bevor das geheimnisvolle und uralte Ritual seinen Lauf nimmt, meinen viele Vatikanisten: Es dürfte eine der schwierigsten Wahlen der neuen Kirchengeschichte werden. Im 20. Jahrhundert dauerte das Konklave in aller Regel lediglich ein paar Tage - diesmal könnte es zur langen Prozedur werden, zur quälenden gar.

Beginn einer neuen Ära? Ganz bestimmt. Revolutionäre Veränderungen? Womöglich auch das, immerhin hat erstmals in der neueren Kirchengeschichte ein Nicht-Europäer berechtigte Chancen auf den Stuhl Petri. "Im Augenblick beschäftige ich mich noch nicht mit dem Thema. Das tue ich, wenn ich in das Konklave gehe", sagt Kardinal Oscar Andres Roderiguez Maradiaga aus Honduras ausweichend. Maradiaga gilt selbst als heißer Kandidat.

Einer der Probleme bei der Berechenbarkeit der Wahl: Die Gewichte innerhalb der Kirche haben sich in den vergangenen Jahrzehnten so gründlich, so nachhaltig verschoben, dass alle Prognosen nur Stochern im Nebel sein können. Die weitaus meisten Katholiken leben derzeit in Lateinamerika, die Kirchen in Asien wachen beständig - in vielen europäischen Ländern sind die Kirchen stattdessen angekränkelt vom Schwund der Gläubigen. "Das Konklave wird diesmal von der Dritten Welt bestimmt", sagt ein Kirchenmann in Rom. Auf diese Entwicklung müsse das Konklave reagieren, fordern auch Außenstehende. Der anglikanische Erzbischof Desmond Tutu aus Südafrika sagt, er hoffe, dass die Kardinäle den ersten afrikanischen Papst wählen würden.

Unerwartet kommt ein Inder ins Spiel

Da ist etwa seit einigen Wochen ziemlich plötzlich und unerwartet ein Inder ins Spiel gekommen, der Bischof von Bombay, Ivan Dias. Er habe in seiner Heimat erhebliche Erfahrungen beim Umgang mit Muslimen und dem Islam gesammelt - was ganz entscheidend sein könnte für die Weltkirche in den nächsten Jahren. Dieselben Erfahrungen hätten auch schon einige Afrikaner gemacht, etwa Kardinal Francis Arinze aus Nigeria. "Weißer Rauch für einen schwarzen Papst", schreibt die Turiner Zeitung "La Stampa" bereits. Mit Interesse wird dieser Tage darauf hingewiesen, dass selbst der deutsche Kurienkardinal Joseph Ratzinger sich schon einmal für einen Afrikaner als Papst stark gemacht habe.

Mehr denn je fühlt sich die Kirche gegenwärtig als Weltkirche - dazu hat vor allem der "Reisepapst" Karol Wojtyla beigetragen. Auch das gewaltige Echo seiner Todesnachricht in der ganzen Welt hat das "Gefühl der Globalität" nochmals gestärkt. Wenn nicht alles täuscht, könnte dies die Wahl eines Mannes aus "einem fernen Land", weitab von Rom, Italien und dem alten Europa durchaus ein bisschen wahrscheinlicher machen.

"Ich glaube nicht, dass der nächste Kandidat direkt mit der Kurie verbunden sein wird", sagte ein Kirchenmann im Vatikan. Dies würde auch die Wahlchancen des deutschen Kardinals Ratzinger verschlechtern - aber der hat nach Jahrzehnten der Arbeit in der Kurie eher den Wunsch sich zurückzuziehen als Papst zu werden. Nur eines steht fest: Das Konklave wird schwierig. Wenn er daran denke, meint der spanische Kardinal Carlos Amigo Vallejo ganz offen, "schlottern mir die Knie".

DPA DPA

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