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Konrad Thurano: Drahtseilakt mit 96 Jahren

Er ist seit 1924 auf den Zirkusbühnen der Welt zu Hause. Auch mit 96 Jahren denkt Konrad Thurano, der älteste Artist der Welt, noch längst nicht ans Aufhören - und stellt noch immer so manchen Jungspund in den Schatten.

Von Julia Lutz

Klein, dünn und unscheinbar kommt Konrad Thurano daher: Ein alter, fast blinder Mann in einem gepflegten braunen Nadelstreifenanzug. Am Revers des Anzugs ein Bundesverdienstkreuz, daneben der Düsseldorfer Radschläger - nicht nur Symbol für seine Herkunft. Denn Konrad Thurano ist mit Leib und Seele Artist, und das schon seit mehr als 82 Jahren. Mit seinen 96 Jahren ist er der älteste, noch aktive Artist der Welt.

Weltberühmt wurde er aber nicht im dunkelbraunen Zweiteiler sondern in seinem schwarz-weiß karierten Bühnenanzug. In dem vollführt er noch immer Klimmzüge mit zwei Fingern und legt auf dem Drahtseil tänzelnd einen Mini-Striptease hin.

Mit seinen Kunststücken hat Konrad Thurano schon die ganze Welt begeistert. Seit 1924 bereist er die Variétés von London bis Tokio, von Paris bis Las Vegas. Dabei ist er mit Stars wie Charlie Chaplin, Zarah Leander, Freddy Quinn, Sammy Davis Jr., Hans Albers und Jerry Lewis gemeinsam aufgetreten.

Gute Bekanntschaften sind dabei entstanden; von Freundschaft wagt Konrad Thurano aber nicht zu sprechen. Zumindest nicht im herkömmlichen Sinne: "Wir sind immer auf Achse. Freundschaften auf die Distanz können wir nicht groß erhalten. Aber wenn man sich nach Jahren wieder sieht, genießt man einfach das Zusammensein", sagt er.

Für viele ist die ständige Veränderung nichts

Aber anders geht es nicht: "Für viele ist das nichts, die ständige Veränderung. Das sieht man ja auch an den 'Superstars'", sagt Konrad Thuranos Sohn John. Die hielten es einen Monat aus und würden dann wieder verschwinden, weil ihnen dann bewusst werde, "was das Leben auf der Bühne überhaupt heißt".

Thurano dagegen hat das ständige Reisen immer genossen. Und er kann es sich gar nicht vorstellen, längere Zeit an einem Ort zu leben, ohne sich zu langweilen. "Jedes Land hat seine Spezialitäten. Mir hat es überall gefallen", sagt er und wirkt auf der Bühne, als hätte er sich aus aller Herren Länder die besten Spezialitäten einfach mitgenommen: Sein französischer Charme bringt das weibliche Publikum dazu, ihm auch heute noch Küsschen zuzuwerfen, mit englischem Humor weist er seinen Sohn und Bühnenpartner zurecht und mit südamerikanischem Temperament zieht er sich auf dem Drahtseil lässig das Jackett aus.

Neben all den Eigenschaften, die er über die Jahre in der Welt "gesammelt" hat, tritt die für seine Geburtsstadt Düsseldorf typischste immer wieder hervor: die rheinische Fröhlichkeit. Nicht zuletzt deshalb ist und bleibt Düsseldorf seine Heimat - auch wenn er dort nur einen kleinen Teil seines Lebens verbracht hat.

Am Rhein hat 1924 auch die Karriere von Konrad Thurano begonnen. In einem Strandbad tobte der damals 15-jährige mit Freunden herum, als Artisten des Apollo-Theaters sein Talent und seine Freude am Turnen entdeckt und damit den Grundstein für Konrads Artistenleben gelegt haben.

Groß überreden mussten ihn die Artisten nicht, um den jungen Thurano in den Zirkus zu locken. Schon von Kindesbeinen an, war er vom "fahrenden Volk" fasziniert: Auf dem Zirkusplatz neben dem elterlichen Haus war Konrad von klein auf Dauergast. Inmitten all der Akrobaten, Jongleuren und Dompteuren fühlte er sich wohl.

"Der Beruf lag in mir", sagt Thurano, der seine Entscheidung für das Artistenleben nie bereut hat: "Wenn ich noch einmal lebe, würde ich dasselbe wieder machen", sagt er. Konrad Thurano liebt seinen Beruf auch heute noch genauso wie zu Beginn. Noch immer stahlt er Abenteuer, Vitalität und grenzenlosen Optimismus aus.

Körperlich ist er auch nach 82 Berufsjahren noch immer in Topform: Abend für Abend stellt er seine Fitness im Hamburger Dinner-Zirkus zur Schau. Höhepunkt im kulinarischen Zirkus ist die legendäre Comedy-Nummer zusammen mit Sohn John auf dem Drahtseil: Als sei es die normalste Sache der Welt, schwingt sich der 96-Jährige ganz leicht an zwei Fingern am Drahtseil empor.

"Das Größte ist, die Menschen zu unterhalten"

Thurano hat Spaß daran, die Menschen zum Lachen zu bringen: "Für mich ist es das Größte, wenn der Vorhang aufgeht und ich die Leute unterhalten kann. Was kann es besseres geben als in fröhliche Gesichter zu sehen?" Seine Sprüche mit Entertainer-Qualität sorgen für Gelächter, seine körperliche Vitalität für beeindrucktes Staunen. Das Publikum dankt es ihm mit minutenlangen Standing Ovations.

Die Show im Dinner-Zirkus soll seine Abschieds-Tournee sein. Am 26. Februar ist die letzte Vorstellung. Doch Konrad Thurano denkt nicht im Traum daran, die Turnerei mit dem letzten Auftritt aufzugeben. Er sieht seiner Zukunft gelassen entgegen: "Ich lass das auf mich zukommen."