Krawalle am 1. Mai "Bis es den ersten Toten gibt"


Allein die Berliner Polizei hatte 6000 Sicherheitskräfte im Einsatz, die sich stundenlange Straßenschlachten mit Randalierern lieferten. Zu wenig Beamte, sagt die Gewerkschaft der Polizei: Die heftigen Krawalle zum 1. Mai hätten die Lücken im Personalbestand offenbart. Auch angesichts der zunehmenden Gewalt seien Menschenleben gefährdet.

Die Polizeigewerkschaften fordern nach den schweren Krawallen zum 1. Mai mehr Polizisten in Deutschland. Der Chef der Polizeigewerkschaft GdP, Konrad Freiberg, wies gegenüber "Bild am Sonntag" darauf hin, dass es in Deutschland seit dem Jahre 2000 insgesamt 10.000 Polizeibeamte weniger gebe. Die Lücken würden bei Tagen wie dem 1. Mai sichtbar.

Zugleich nehme die Gewalt auch gegen Polizeibeamte zu. "Bei dieser Welle zunehmender bundesweiter Gewalt brauchen wir endlich mehr Planstellen für die Polizei", sagte Freiberg.

Angesichts der Gewaltausbrüche rechter und linker Demonstranten sieht Freiberg eine neue Qualität der Krawalle erreicht. "Es ist nur eine Frage der Zeit, bis es den ersten Toten dabei gibt", sagte er der Deutschen Presse-Agentur DPA. Wer Pflastersteine auf Polizisten werfe und massiv Beamte angreife, nehme tödliche Verletzungen billigend in Kauf. Die Aggressionen im links- wie rechtsextremen Lager seien deutlich gestiegen.

Das Risiko für die Polizei bei solchen Einsätzen werde immer größer. Freiberg verwies darauf, dass es fast immer mehr verletzte Polizisten als Demonstranten gebe. Besondere Sorge mache der Polizei auch, dass in mindestens sechs Städten am diesjährigen 1. Mai Polizisten und Gewerkschafter gezielt von rechten Schlägertrupps angegriffen worden seien. "Die Rechten haben sich die Polizei als neues Hassobjekt ausgeguckt, sie jagen Polizisten und suchen die gewalttätige Auseinandersetzung."

Rüdiger Reedwisch, Chef der Gewerkschaft der Bundespolizei (bgv), sagte der "Bild am Sonntag": "Wir stehen an Tagen wie dem 1. Mai am Rande unserer Kapazität." Dies sei ein politischer Offenbarungseid. "Für uns ist besonders erschreckend, dass in der letzten Zeit stets mehr Polizisten als Gewalttäter verletzt werden. Der Staat muss trotz der Wirtschaftskrise mehr Polizisten einstellen", so Reedwisch.

Tränengas, Schlagstöcke und Pfefferspray

Tatsächlich war es am Abend des 1. Mai in Berlin und Hamburg zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen Linksautonomen und Sicherheitskräften gekommen. Besonders im Berliner Stadtteil Kreuzberg eskalierte die Gewalt früher und heftiger als in den Vorjahren. Über Stunden attackierten betrunkene Randalierer und vermummte Linksautonome die Polizei mit Flaschen und Steinen. Auch mindestens zwei Brandsätze mit Benzin wurden auf Beamte geschleudert. Die Sicherheitskräfte setzten Tränengas, Schlagstöcke und Pfefferspray ein.

Insgesamt soll es laut Sicherheitskreisen rund 200 Festnahmen gegeben haben. Rund 6000 Polizisten waren allein in Berlin im Einsatz. Es gab zahlreiche Verletzte auf beiden Seiten.

Einige Straßen der Hauptstadt boten ein Bild der Verwüstung. Nicht nur Pflastersteine, auch Platten wurden aus Gehwegen als Wurfgeschosse herausgerissen. Ein unbeteiligter Fußgänger ging getroffen zu Boden. Müllcontainer brannten. Die U-Bahn-Station Kottbusser Tor wurde geschlossen. An diesem Samstag wollen Innensenator Ehrhart Körting (SPD) und Polizeipräsident Dieter Glietsch eine Bilanz vorlegen.

Auch im Hamburger Schanzenviertel ist es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Linksautonomen und der Polizei gekommen. Etwa 20 Randalierer wurden vorläufig festgenommen. Die Autonomen bewarfen die Beamten über mehrere Stunden hinweg mit Flaschen und Steinen, auch ein Auto habe gebrannt, sagte ein Sprecher des Lagezentrums. Die Polizei ging mit Wasserwerfern gegen die Randalierer vor. Erst gegen 3.00 Uhr beruhigte sich die Lage in dem Szeneviertel. Ob es bei den Auseinandersetzungen Verletzte gab, war auch am frühen Samstagmorgen noch nicht bekannt.

Die Gewalt in Berlin hatte sich zugespitzt, nachdem die Polizei die sogenannte revolutionäre 1. Mai-Demonstration mit rund 5000 Teilnehmern vorzeitig beendet hatte. Aus dem Zug, der gegen die Krise und den Kapitalismus protestieren wollte, waren schon zu Beginn Steine geflogen.

In Dortmund waren Teilnehmer einer DGB-Kundgebung laut Polizei schon Freitagnachmittag massiv mit Holzstangen und Steinen attackiert worden. "Der 1. Mai ist bunt und nicht braun. Die Gewalttäter müssen zur Verantwortung gezogen, die NPD endlich verboten werden", erklärte DGB-Chef Michael Sommer.

"In Zukunft noch härtere Auseinandersetzungen"

"Das hat schon eine neue Qualität", sagte auch der Chef der Gewerkschaft der Polizei, Konrad Freiberg. "Es ist deutlich spürbar in den letzten Monaten, dass Rechtsextreme gezielt die gewalttätigen Auseinandersetzungen suchen, besonders auch mit der Polizei. Das lässt für die Zukunft härtere Auseinandersetzungen befürchten." Besonders die 400 Mitglieder der Autonomen Nationalisten zielten darauf ab, sich mit solchen Angriffen Respekt in der rechtsextremen Szene zu verschaffen.

Bereits in der Walpurgisnacht hatte es in Berlin vereinzelt Gewaltausbrüche gegeben. Laut Polizei wurden 57 Personen festgenommen. 48 Beamte wurden leicht verletzt.

Vor allem in der Hauptstadt war es in den Vorjahren stets erst im Dunkeln zu Gewaltausbrüchen gekommen. Doch in diesem Jahr war der schwarze Block mit rund 400 Störern laut Augenzeugen größer als in der Vergangenheit. Im Vorjahr hatte es bei einem vorwiegend friedlichen 1. Mai 162 Festnahmen gegeben, 103 Polizisten waren verletzt worden.

DPA/Reuters DPA Reuters

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