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Kriegsverbrecher in Haft: Serben fassen Ratko Mladic

16 Jahre war er auf der Flucht, jetzt hat das Versteckspiel des Ratko Mladic ein Ende: Der "Schlächter von Srebrenica" ist festgenommen worden - und soll bald in Den Haag auf die Anklagebank.

Der wegen tausendfachen Mordes als Kriegsverbrecher gesuchte bosnisch-serbische Ex-General Ratko Mladic ist nach mehr als 15 Jahren auf der Flucht gefasst worden. "Im Namen der Republik Serbien teile ich mit, dass Ratko Mladic verhaftet wurde", sagte Serbiens Präsident Boris Tadic am Donnerstag in Belgrad. Der auf einem Bauernhof in Serbien gefasste 69-Jährige werde bald an das UN-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag überstellt. Jetzt könne Serbien "ein unrühmliches Kapitel seiner jüngeren Geschichte" abschließen, erklärte Tadic.

Mladic wird unter anderem für das Massaker von Srebrenica verantwortlich gemacht. Im Sommer 1995 hatten serbische Soldaten nach der Eroberung der UN-Schutzzone Srebrenica in Bosnien rund 8000 muslimische Männer und Jugendliche ermordet und in Massengräbern verscharrt. Auch die jahrelange Belagerung von Sarajevo und die vielen Toten in der bosnischen Hauptstadt werden Mladic angelastet, ebenso wie "ethnische Säuberungen" und Gräuel in Internierungslagern.

"Großes Hindernis auf Serbiens Weg zur EU ist beseitigt"

Die jahrelang ausbleibende Festnahme Mladics galt als eines der größten Hindernisse bei den Bemühungen Belgrads um eine Mitgliedschaft in der Europäischen Union. Entsprechend stellte Tadic klar, dass Belgrad nun als Gegenleistung für die Verhaftung des 68-Jährigen einen zügigen EU-Beitritt erwarte. "Ich hoffe, dass jetzt die Türen offen stehen", sagte der Präsident.

Die EU lobte Serbien für die Verhaftung, fordert aber weitere Reformen vor dem Beginn von Beitrittsverhandlungen. "Ein großes Hindernis auf dem Weg Serbiens zur EU ist beseitigt", sagte Erweiterungskommissar Stefan Füle in Brüssel. Nun müsse das Land die Arbeit an Reformen intensivieren, damit die Kommission im Herbst eine positive Stellungnahme abgeben könne. "Das ist ein wichtiger Schritt nach vorne für Serbien und die internationale Justiz", erklärte auch EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso am Rande des G8-Gipfels in Deauville. "Die Verhaftung Mladics ist ein gutes Signal in Richtung der EU und Serbiens Nachbarn."

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) bezeichnete die Festnahme als überfällig und gute Nachricht für ganz Europa. "Mladic hat große Schuld für besonders dunkle und tragische Ereignisse in den Balkankriegen auf sich geladen." US-Präsident Barack Obama gratulierte der serbischen Regierung zur Festnahme: "Auch wenn die Ermordeten dadurch nicht wieder lebendig werden, Mladic wird nun den Opfern und der Welt und dem Gericht Rede und Antwort stehen müssen." UN-Generalsekretär Ban Ki Moon sprach von einem wichtigen Schritt im Kampf gegen Straflosigkeit politischer Verbrechen.

UN-Strafgerichtshof warnt vor Vorverurteilung

Mladics Verhaftung öffne auch die Türen für eine Versöhnung auf der Balkanhalbinsel, betonte Tadic. "Die Verhaftung ist wichtig für die Versöhnung". Serbien schließe damit ein Kapitel seiner Geschichte und befreie sich von einer schweren Last. "Die Gerechtigkeit hat gesiegt", sagte Semir Guzin, Rechtsvertreter der Vereinigung "Mütter von Srebrenica", in einem Interview des britischen Senders BBC. Guzin vertritt die Hinterbliebenen des Massakers im Sommer 1995.

Der UN-Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien (ICTY) warnte vor einer Vorverurteilung Mladics. "Obwohl ihm schwerste Verbrechen vorgeworfen werden, gilt Mladic, wie alle anderen Angeklagten vor dem Tribunal, als unschuldig bis eine Schuld bewiesen ist", heißt es in einer Stellungnahme des ICTY.

Details zur Festnahme wollte Tadic nicht preisgeben. "Das werden die Vertreter der Sicherheitsbehörden tun", sagte er. Der Geheimdienst habe den Gesuchten beim Besuch eines Verwandten in dem Dorf Lazarevo bei Zrenjanin im Norden Serbiens verhaftet, schrieb die Tageszeitung "Blic". Davor hatten serbischen Medien berichtet, der Geheimdienst habe am Donnerstagmorgen einen Mann mit dem Namen Milorad Komadic festgenommen, der auffällig viele biografische Merkmale des ehemaligen bosnisch-serbischen Generals aufweise.

Unterstützung von den serbischen Behörden?

Mladic war nach Kriegsende 1995 untergetaucht. Zuletzt war in Serbien ein Kopfgeld von 10 Millionen Euro ausgesetzt, die USA hatten zusätzliche 5 Millionen Dollar für seine Ergreifung ausgelobt. Der ehemalige Bosnien-Beauftragte Christian Schwarz-Schilling argwöhnte, Mladic sei die ganzen Jahre von den serbischen Behörden unterstützt worden. "Das wäre ohne ein Netzwerk innerhalb der serbischen Autoritäten nicht möglich gewesen wäre", sagte er der "Mitteldeutschen Zeitung". Aus Sicherheitskreisen sickerte durch, Mladic sei schwer krank. Er habe etwa einen Schlaganfall erlitten, in dessen Folge eine Hand steif geblieben sei.

"Der Prozess der Auslieferung läuft bereits mit seiner Festnahme", erklärte Präsident Tadic zur baldigen Überstellung des Ex-Generals an das UN-Kriegsverbrechertribunal. Ein Bericht des Staatsfernsehens, nach dem Mladic schon am Nachmittag im Flugzeug nach Den Haag saß, wurde offiziell nicht bestätigt. In Den Haag sitzt schon Mladics ehemaliger "Vorgesetzter", Serbenführer Radovan Karadzic, seit seiner Festnahme 2008 ein. Karadzic hatte jahrelang in Belgrad als Kräuterdoktor und esoterischer Heilpraktiker unter falschem Namen gelebt.

mad/fw/ben/DPA / DPA