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Kurzfilm über einen Obdachlosen: Haben Sie Alex gesehen?

Sie sind aufdringlich, sie betteln, sie stinken. Bei Obdachlosen nehmen wir am liebsten Reißaus. Doch es geht hier um Menschen. Alex ist einer von ihnen. Ein Kurzfilm und was daraus werden kann.

Von Sophie Albers Ben Chamo

Am liebsten habe er eine Decke um die Schultern, sagt Alex im warmen Kölschen Dialekt. "Da fühlt man sich ein bisschen geborgen. Ich mag es nicht, wenn man mich einschließt. Da werde ich klaustrophobisch. Ich brauche Freiheit." Alex ist obdachlos. Seit wahrscheinlich zehn Jahren lebt der Mann mit den auffälligen blauen Augen auf der Straße. In ist er einer von geschätzten 5000, die irgendwie überleben, die auf mildtätige Mitbürger und Einrichtungen wie die Bahnhofsmission am Bahnhof Zoo und Kältebusse angewiesen sind. Sonst würden sie sofort verhungern, an unbehandelten Krankheiten zugrunde gehen und erfrieren. Einigen passiert das trotzdem.

Im Herbst 2012 hat Nikolas Migut Alex zuletzt gesehen. Der Autor und Videojournalist war für den NDR in Berlin, um eine Sendung der Reihe "7 Tage..." zu drehen. Es sollte um den Alltag von Obdachlosen gehen.

Dem Menschen begegnen

Eines Nachts sei Alex in die Bahnhofsmission am Zoo gekommen, erzählt Migut, und er sei ihm sofort aufgefallen. "Sein Blick war fesselnd, traurig, seine Ansprache sehr höflich und so nett, obwohl es ihm dreckig ging. Er war kaputt, aber er hatte so strahlende Augen." Migut folgte dem Mann, nachdem er um Erlaubnis gefragt hatte, ihn zu filmen. Alex stimmte zu. "Er war gesprächig, wusste sich auszudrücken. Klar war er verwirrt, aber trotzdem so menschlich und humorvoll. Die üblichen Fragen - warum er auf der Straße lebt, wo seine Familie ist und wo er herkommt - habe ich nicht gestellt. Ich wollte Alex als Mensch begegnen", sagt Migut. "Ich wollte ihn - wenn das geht - kennenlernen."

So ist das knapp 13-minütige Porträt eines Menschen entstanden, "dem man dabei zusieht, wie er sich auflöst", beschreibt Dieter Puhl, der Leiter der Berliner Bahnhofsmission, den Film. "Alex - halbes Vertrauen" heißt er und läuft gerade im Wettbewerb des Online-Filmfestivals Viewster.

Die halbe Nacht ist Migut mit Alex um den Bahnhof gelaufen. Sie unterhalten sich, sie gehen zu McDonalds, weil Migut Alex lieber zum Essen einladen möchte, als ihm einfach nur Geld zu geben. Schließlich verschwindet Alex in die U-Bahn.

Ein Weg in ein besseres Leben

"Irgendwann sagte er 'Ich gehe jetzt die Treppen runter', und ich meinte 'Da unten habe ich keine Dreherlaubnis, da kann ich nicht mit'", erzählt Migut. "Alex ging weiter und meinte nur 'Ja, ja. Tschüss!'. Um 6 Uhr 30 ging die Sonne auf, und der Zauber war weg - und Alex war weg. Ich habe ihn nie wiedergesehen."

Das würde Nikolas Migut gern ändern. Er sucht Alex, der mittlerweile in Hamburg sein soll. Das hat er von zwei Menschen gehört, die sich bei ihm gemeldet haben. "Er soll noch schlechter aussehen als damals. Ich will Alex finden, um ihm zu helfen. Mithilfe von Dieter Puhl von der Bahnhofsmission Berlin will ich versuchen, ihn in einem Projekt unterzubringen. 'Mobile Einzelfallhilfe' heißt das. Finanzieren will ich Alex' Weg in ein neues Leben mithilfe der Unterstützer-Plattform Betterplace.org", sagt Migut.

Und am liebsten möchte er einen zweiten Film drehen. "Ich möchte Alex meinen zeigen, und wenn er mir den nicht um die Ohren haut, können wir vielleicht einen darüber machen, wie er ein besseres Leben findet. Damit die Leute sehen, dass es geht."

Wenn Sie Alex gesehen haben, würde Nikolas Migut sich über jeden Hinweis freuen: Sie erreichen ihn unter kontakt@nikolas-migut.com. Herzlichen Dank!

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