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Lea-Sophie: "Sie fühlen sich als Opfer eines bösen Kindes"

Der Tod der kleinen Lea-Sophie hat die Öffentlichkeit schockiert. Für den Hamburger Kinderpsychiater Peter Riedesser liegt eine Erklärung in der Kindheit der Eltern. Im stern.de-Interview erklärt er, wie solche Taten verhindert werden können und wann der Staat eingreifen soll.

Herr Riedesser, wie lässt es sich erklären, dass Eltern ihr Kind verhungern lassen?

Ein solches Verhalten fällt nicht vom Himmel. Ohne im aktuellen Fall aus Schwerin spekulieren zu wollen, lässt sich sagen, dass sich so ein Verhalten nur im Zusammenhang mit der Kindheit dieser Eltern erklären lässt. In deren Kindheit müssen massive Traumatisierungen vorliegen.

Das was mir als Kind widerfuhr, gebe ich an meine Kinder weiter? Das hat immer etwas Entschuldigendes. Ist es so einfach?

Das ist nicht einfach, das ist hochkomplex. Das geht über mehrere Generationen, es fängt oft bereits bei den Urgroßeltern an, deren Beziehungsstile sich über die Generationen hinweg tradieren. Man muss nicht das weitergeben, was man als Kind erlebt hat, aber man ist in Gefahr, es weiterzugeben. Gott sei Dank gibt nur ein Bruchteil der misshandelten Kinder ihre Erfahrungen als misshandelnde Eltern weiter.

Wie funktioniert diese Tradierung?

In jedem Mensch gibt es eine Entwicklungslinie zur eigenen Elternschaft, und die beginnt in der eigenen Kindheit. Und es hängt von den Erfahrungen mit den eigenen Eltern ab, welche Beziehungsmuster in einem Kind eingeschrieben sind. Es kann zu Traumatisierungen kommen, die ein inneres Beziehungsbild in einem Menschen festlegen, wie man in einer Familie miteinander umgeht. Diese Traumatisierungen werden oft vergessen oder sogar idealisiert, nach dem Motto: ich wurde zwar geschlagen, aber ich war auch frech, und es hat mir nicht geschadet, offensichtlich brauchen Kinder Schläge.

Die Liebe zu Kindern ist biologisch im Wesen eines Menschen verankert ...

Das ist richtig, es gibt eine angeborene, biologisch fundierte Sensitivität bei Primaten, also auch bei uns Menschen, nehmen Sie etwa das Kindchenschema, das uns quasi zwingt ein Baby beschützen zu wollen. Wir haben mehrere solcher Mechanismen wie wir mit Kindern umgehen. Diese gelten in allen Kulturen und in allen Zeiten. Bei den Eltern des toten Mädchens muss traumatisch sehr viel zertrümmert worden sein, dass es zu solchen sadistischen Exzessen kommen konnte. Kinder, die schlecht behandelt wurden, haben als Erwachsene oft einen großen Wunsch: eine heile Familie zu gründen.

Gerade Heimkinder wünschen sich, in der eigenen Familie alles nachzuholen, es anders zu machen. Schon während der Schwangerschaft entwickeln sich Fantasiebilder vom eigenen Kind. Und dann tritt das reale Kind auf eine Bühne, die vielleicht schon Generationen vorher gebaut worden ist. In diesem Moment entscheidet sich, ob die biologisch fundierte Sensitivität bei diesen Eltern gegenüber ihrem Kind zum Tragen kommt.

Das Muster versagt, wenn das reale Kind dem erträumten Wunschkind nicht entspricht?

Das ist häufig die Ursache für Misshandlung von Kindern im Säuglingsalter. Etwa, wenn das reale Kind, verglichen mit dem Fantasiekind für die Eltern eine Enttäuschung ist. Etwa, weil es sie negativ an jemanden erinnert oder einen negativen Selbstanteil verkörpert, das heißt, dass sie in dem Kind etwas bekämpfen, was sie an sich selbst hassen. Dass es bei den Eltern den Eindruck erweckt, es wolle sie quälen, wenn es schreit.

In dem Kind wird ein kleiner Teufel gesehen, das den Eltern den Schlaf raubt. Ein schreiendes Kind weckt bei solchen Eltern enorme Affekte. Und wenn es nicht gelingt, so ein Kind zur Ruhe zu bringen, dann fangen Eltern häufig an, das Kind zu schütteln. Und zu schlagen. Sie bekommen eine Riesenwut, weil das Kind ihnen scheinbar die heile familiäre Welt zerstört, in der ein Kind als Sonnenschein lebt und die Eltern gute, heile Eltern sind.

Verspüren diese Eltern Schuld?

In der Regel nicht. Sie kommen sich nicht als Täter vor, sondern als Opfer eines bösen Kindes. Sie haben das Gefühl, das Opfer des Psychoterrors des Kindes zu sein. Und dann kommt oft die Unkenntnis zentraler entwicklungspsychologischer Tatsachen hinzu, etwa, dass sie nicht wissen, dass ein Säugling aus vielen Gründen schreien kann, dass er noch gar keine Vorstellung und gar kein Willen von Bösartigkeit haben kann, dass er vielleicht einfach Hunger hat oder volle Windeln. Das realisieren diese Eltern nicht, sie züchtigen das Kind, es schreit noch mehr, und ein Teufelskreis kommt in Gang. Das ist ein häufiger Weg. Oft werden auch Essstörungen oder Wutanfälle oder Eifersuchtsreaktionen auf jüngere Geschwister dämonisiert. Der Dialog, der "Tanz", wie es der Säuglingsforscher Daniel Stern genannt hat, der gute Tanz zwischen Mutter, Vater und Baby, fängt an zu entgleisen. Und wenn diese Eltern psychisch belastet sind oder suchtkrank, dann können irgendwann alle Sicherungen durchbrennen.

Wie lässt sich erklären, dass dem kleinen Bruder kein Härchen gekrümmt wurde?

Da kann man nur spekulieren, und das mache ich ungern. Man kann spekulieren, dass die Beziehung zu dem Mädchen von Anfang an gestört war und dann, als das Brüderchen kam, das Mädchen noch weiter in den Hintergrund gedrängt wurde. Dass das Mädchen für die Eltern vielleicht auch schwieriger wurde, weil es einen kleinen Rivalen in der Gunst der Eltern bekommen hat und dadurch die eigene Rolle in der Familie als böses Mädchen noch weiter verstärkt wurde. Das eine Kind wird als Sonnenschein wahrgenommen, das andere als Teufel.

Ist die Verwahrlosung von Kindern ein Schichtenproblem?

Im Prekariat ist die Gefährdung am höchsten. In der Unterschicht finden sich die meisten Hochrisikoeltern.

Was sind Hochrisikoeltern?

Der Begriff setzt sich aus mehreren Faktoren zusammen. Eigene, schwer belastete Kindheiten der Eltern, bestimmte, schwere Suchterkrankungen wie etwa Alkoholismus, sonstige psychische oder charakterliche Probleme, die mit Kontrollverlust und Impulsivität einher gehen, speziell bei den Vätern, auch Arbeitslosigkeit ist ein Faktor. Wobei Arbeitslosigkeit natürlich per se keine Ursache von Gewalt ist, vielmehr ein Symptom der anderen Faktoren sein kann.

Wie sehen Sie die Arbeit der Jugendämter in Deutschland, die Fälle wie den in Schwerin eigentlich verhindern sollen?

Da ist viel Bemühen, aber es gibt große Probleme. Die Mitarbeiter in den Jugendämtern sind häufig überlastet und überfordert, weil sie zu viele Problemfamilien betreuen müssen. Und dann kommt auch noch hinzu, dass sie zum Teil nicht hinreichend ausgebildet sind, um die Risikokonstellationen rechtzeitig zu erkennen.

In Schwerin wurden zuerst Warnhinweise nicht ernst genommen, und als die Eltern dann nur mit dem gut versorgten Bruder des Mädchens zum Beratungsgespräch erschienen, gab man sich zufrieden mit der Aussage, das Mädchen sei bei Bekannten.

Wir müssten in den Ämtern Mitarbeiter haben, die auf dem neuesten Stand des internationalen Wissens über Kindeswohlgefährdung und Risikokonstellationen sind. Im Ausland, etwa in Frankreich oder in den skandinavischen Ländern, werden die Qualifikationen systematischer gefördert. In Deutschland ist man in etwa auf dem Stand, auf dem Forschung vor zwanzig Jahren war. Bei uns muss sich dringend etwas tun.

Wann sollte die staatliche Aufsicht ansetzen?

Hilfen sollten bereits in der Schwangerschaft angeboten werden. Ab diesem Zeitpunkt muss, am besten durch Frauenärztinnen, analysiert werden, in welches Umfeld ein Kind hineingeboren wird, eine potenzielle Hochrisikofamilie muss auch nach der Geburt begleitet und betreut werden. Dafür brauchen wir die Zusammenarbeit der Frauenärzte, die als erste Kontakt mit solchen Familien haben.

Die Frauenärzte müssten ihr Wissen weitergeben an Familienhebammen, Sozialarbeiter und gut geschultes Personal in Kindergärten und Kitas. Das Wissen um Gefahren muss wie ein Staffelstab von einem zum anderen gegeben werden, und alle zusammen müssen sich für die Familie zuständig fühlen, sich abstimmen. Nur so können wir verhindern, dass sich Fälle wiederholen, wie der in Schwerin. Er ist die Spitze eines Eisberges.

Interview: Oliver Link

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