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Leben mit Hartz IV: Eine Überdosis Armut

Schlecht ausgebildet, alleinerziehend und angewiesen auf Hartz IV: Familie Heller ist arm. Bitterarm im Vergleich zum durchschnittlichen Wohlstand in Deutschland. Einblicke in ein Familienleben, für das die Mutter sich schämt.

Von Kety Quadrino

Die Rechnungen, die täglich ins Haus kommen, stopft sie zu den anderen Papieren im Schrank, der längst überquillt. Das hat jahrelang ganz gut funktioniert. Doch jetzt bekommt Kerstin Heller* es mit der Angst zu tun. Das Gericht in Mannheim hat einen Haftbefehl gegen sie erlassen, wegen unbezahlter Telefonkosten bei der Telekom. Der Name Heller ist seitdem vom Klingelschild verschwunden.

Drei Kinder, zwei Männer, null Alimente

Kerstin Heller, 35, ist genau der Mensch, den der aktuelle Armutsbericht der Bundesregierung beschreibt: Seit Jahren arbeitslos, alleinerziehend, gering qualifiziert. Sie bekommt Hartz IV seit sie 18 ist (damals gab es Sozialhilfe), sie ist alleinerziehende Mutter von drei Kindern, hat einen Hauptschulabschluss, jedoch keine Ausbildung. "Ich hab viel Scheiße gebaut im Leben" sagt sie. Mit 18 wurde sie das erste Mal schwanger, von einem Alkoholiker. Der Mann war erstmal weg, tauchte aber wieder auf, als die Tochter Alexa zur Welt kam.

Als das zweite Kind geboren wurde, verschwand der Vater auf immer. Seine heute zehnjährige Tochter Leah hat er nie kennengelernt und Unterhalt hat er auch nie bezahlt. Irgendwann verliebte sich Kerstin Heller in einen anderen Mann. "Er war meine große Liebe" schwärmt sie. Ein wenig war er wie ihr Vater, sehr zuverlässig aber auch sehr dominant. Sohn Felix kam, der Mann ging. Alimente zahlt er keine, weil er selbst an der Einkommensgrenze lebt. Alle zwei Wochen besucht er seinen Sohn. Dann setzt er sich ins Wohnzimmer und liest die Bild-Zeitung. Felix wäre es lieber, er würde gar nicht mehr kommen.

Poster sollen das Elend verdecken

Die vierköpfige Familie teilt sich eine 71 Quadratmeter große Sozialwohnung in Ludwigshafen. Den abblätternden Putz an den Wänden versucht Kerstin Heller mit großen Postern und Familienfotos zu überdecken. Die Räume haben keine Deckenlampen, weil Kerstin Heller nicht weiß, wie man eine Lampe anschließen kann. Die Möbel sind Geschenke von Verwandten oder auf dem Flohmarkt ersteigert. Die 15-jährige Alexa teilt sich ein Zimmer mit ihrer kleineren Schwester Leah. Sie schläft auf einer Couch, die Schwester auf einem Bett, dessen Lattenrost durchgebrochen ist. Nachts rollt sie seitlich in die Mulde. Sohn Felix hat ein eigenes Zimmer, die Glastür ist durchbrochen und wegen den offenen Scherben notdürftig mit einer Wolldecke abgedeckt.

Kerstin Heller schläft auf der Couch im Wohnzimmer - jede einzelne Feder sticht ihr in den kaputten Rücken. Sie hat psychosomatisches Rheuma. Seit ein paar Wochen schläft dort auch ihre 76-jährige Mutter auf einem durchgebrochenen Sofa, weil sie Angst hat, nachts allein im Haus zu sein. Ihr arbeitsloser Sohn, der mit ihr zusammen gelebt hat, ist kürzlich mit 43 Jahren an einer Leberzirrhose gestorben - er war Alkoholiker.

Kein Geld für den Arztbesuch

Der Druck auf die Familie wächst. Nachts liegt Kerstin Heller oft wach. Dann beginnt sie zu rechnen, ob das Geld noch bis zum Monatsende reicht. Zum Leben bleiben ihr rund 800 Euro im Monat. Die Miete und Nebenkosten übernimmt die Gesellschaft für Arbeitsmarktintegration (GFA). Wenn sie die monatlichen Ausgaben für Schulbedarf, Fahrkarten, Kleidung, Medikamente, Zahnspange und Kabelfernseher abzieht, dann bleiben der Familie 480 Euro übrig. Das sind pro Kopf und pro Tag vier Euro zum Essen. Andere "Katastrophen" wie Kindergeburtstage, eine kaputte Waschmaschine oder der kürzlich kaputt gegangene Herd sind darin nicht berechnet. Leah leidet unter dem Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom und braucht Ritalin, Alexa hat Asthma und braucht Asthmaspray. Die Medikamente sind frei. Wenn jemand aber eine Erkältung hat, dann überlegt sich Kerstin Heller zehnmal, ob sie die Praxisgebühr zahlen kann. Dann muss eben Paracetamol ausreichen. Zum Zahnarzt geht Kerstin Heller schon lange nicht mehr. "Ich habe Angst davor, was er sagt" erzählt sie. Wenn sie eine Brücke oder eine Krone bräuchte, dann wäre das der Horror.

Die Kinder sagen nichts, aber sie leiden unter der Situation. "Wenn meine Freundinnen in der Schule ein neues Handy bekommen oder neue Klamotten, dann ist das schon hart", sagt Leah, die auf die Realschule geht. Kleidung wird in der Familie Heller nur beim Discounter Kik gekauft. Da gibt es Hosen für 2,90 Euro. Wenn eine Schuhsohle abgeht, dann wird sie festgetackert oder mit der Heißklebepistole repariert. Alte Kleider werden neu eingefärbt oder mit Pailletten aufpoliert. Weggehen ist für die älteste Tochter selten drin. Am Wochenende ziehen ihre Freunde meistens ohne sie los. Sie hat zwar einen Mofaführerschein in der Schule gemacht, die 60 Euro dafür hat sie mit Babysitten eisern gespart, jedoch kein Geld für ein Mofa. Alexa ist Tanzmariechen im Karnevalsverein. Jetzt muss die Familie 85 Euro für ein neues Kostüm aufbringen. Wenn sie bis zum Ende des Monats nicht zahlt, fliegt sie aus dem Verein raus. Die Kinder können nicht ins Kino, ins Theater, zum Konzert oder ins Hallenbad. Wenn der Frust zu groß wird, brüllen sie sich abends zu Hause gegenseitig an.

Die Fassade muss erhalten bleiben

Das dauernde "Nein, geht nicht" macht Kerstin Heller fertig. "Manche sagen, man könnte mit Hartz IV noch sparen - ich weiß nicht, wie das gehen soll" sagt sie. Die mollige Frau mit den rötlichen Haaren springt immer wieder auf und schaut aus dem Fenster. Kommt der Gerichtsvollzieher? Der dünne Anstrich Bürgerlichkeit darf nicht bröckeln, der Kinder wegen. Die Nachbarn wissen nicht, dass sie von Hartz IV lebt. Sie erzählt ihnen, sie sei geschieden. Einmal im Monat geht sie mit den Kindern zum Supermarkt Rewe, um einen "Angeber-Einkauf" zu machen. Sie stellt sich an die Fischtheke und sobald ein Mitschüler vorbeiläuft sagt Leah "Ach Mama, nicht schon wieder Scampi, ich kann die nicht mehr sehen!". Die Kinder müssen ordentlich gekleidet und frisiert sein. Schulmaterial darf nicht fehlen. Und man erzählt auch mal, dass man am Wochenende verreist ist, obwohl es nicht stimmt. Wenn die Polizei vor der Haustür stehen würde, dann wäre der letzte Rest an Selbstachtung verloren. Dann würde Kerstin Heller vor Scham freiwillig in den sozialen Brennpunkt Mannheims ziehen. "Wenn die Fassade stürzt, dann ist alles vorbei", sagt sie. Gegen Ende des Monats wird das Geld schon mal knapp und es gibt nichts mehr zu essen. Da muss sie manchmal die Mutter um ein paar Kartoffeln anbetteln. Zum "Kindermittagstisch" nach Mannheim will sie nicht. "Ich würde tot umfallen, wenn mich eine Mutter von Leahs Mitschülern dort in der Schlange stehen sieht", sagt sie. Und außerdem: Die Fahrt dorthin kostet Geld.

Als alleinerziehende Mutter fühlt sich Kerstin Heller ständig auf dem Präsentierteller. Sobald der siebenjährige Felix mal ausrastet zeigen alle Finger auf sie. Typisch Hartz-IV-Empfänger, sagen sie. Wenn sie zu einem Termin in die GFA gehen, werden sie von wildfremden Menschen als "Schmarotzer" beschimpft, "asozial" und "zu faul zum Arbeiten". Für Kerstin Heller ist die Ausbildung ihrer Kinder daher wichtig. Sie sollen es einmal besser haben. Die älteste Tochter Alexa besucht nach ihrem Hauptschulabschluss die Berufsfachschule für Hauswirtschaft und Sozialpädagogik, wo sie die mittlere Reife macht. Die jüngere Tochter Leah hätte sogar auf das Gymnasium gekonnt, aber die längere Ausbildung wäre finanziell eine zu große Belastung gewesen. Leah besucht daher die Realschule, sie soll bald auf eigenen Füßen stehen können. Und der kleine Felix geht noch in die zweite Klasse.

Sehnsucht nach Arbeit - und dem Meer

Irgendwann will Kerstin Heller wieder arbeiten, am liebsten im Hospiz. Vor vier Jahren hat sie eine Ausbildung zur Altenpflegerin gemacht, das Anerkennungspraktikum fehlt ihr aber. "Mit den Kindern geht das nicht, ich kann sie nicht allein lassen" sagt sie. Es könnte auch sein, dass sie von Hartz IV nie ganz wegkommt. Bei ihrer Qualifikation.

Familie Heller hat einen Traum: Einmal ans Meer - am liebsten an die Ostsee. Für die Kinder wäre das der erste Urlaub im Leben.