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Liebesregeln in Südkorea: Zahlen, Daten, Infos

Das Wort "Liebe" gibt es seit dem 19. Jahrhundert. Wenn die Eltern nicht den Richtigen finden, hilft vor allem das Internet weiter.

Von Ruth Hoffmann

Wer klärt auf?

Den meisten Koreanern ist es unangenehm, über Sex zu sprechen, erst recht mit ihren Kindern. Von ihren Töchtern erwarten sie, dass sie bis zur Hochzeit Jungfrau bleiben. Auch in der Schule erfahren die Jugendlichen wenig: Viele Lehrer weigern sich, den von der Regierung entwickelten Sexualkundelehrstoff zu unterrichten und vermitteln stattdessen die im Konfuzianismus begründeten traditionellen Geschlechterrollen. Inzwischen sind Fernsehen und Internet aber die wichtigsten Informationsquellen in Sachen Sex. Der Moderator einer TV-Aufklärungssendung wurde sogar zur nationalen Berühmtheit.

Wie lernt man sich kennen?

Zunehmend in Internetchatrooms, Internetcafés oder in einem der Tausenden von Spielsalons für Onlinegames, in denen oft "Loveseats" stehen - extra breite Sessel für zwei. Daneben bieten Videotheken, sogenannte Bideo Bangs, Rückzugsraum für Verliebte: Man schaut dort die Filme in dämmrigen Separees. Viele wenden sich auch an Heiratsvermittlungen. Vor allem Bauern hoffen, auf diese Weise eine Partnerin zu finden, meist koreanischstämmige Frauen aus den Nachbarländern.

Wann haben Koreaner ihr erstes Mal?

Landesweit relevante Statistiken gibt es nicht. Bei einer Umfrage der koreanischen Vereinigung für Aidsprävention unter Oberschülern in Seoul gaben insgesamt 47,9 Prozent an, Sex vor der Hochzeit sei für sie kein Problem. Acht Prozent hatten bereits sexuelle Erfahrungen, meist mit mindestens zwei verschiedenen Partnern. Bei ihrem ersten Mal waren sie im Schnitt 15,2 Jahre alt.

Wann und wie wird geheiratet?

Noch bis vor Kurzem heirateten Frauen mit Anfang 20, bekamen spätestens Mitte 20 ihr erstes Kind, kündigten und widmeten sich fortan nur der Familie. Heute sind sie bei der Hochzeit durchschnittlich schon Mitte 20 und oft gut ausgebildet, Männer knapp unter 30. Ob sich die Partner lieben, ist für das Zustandekommen der Ehe nicht maßgeblich, handelt es sich nach konfuzianischer Auffassung doch in erster Linie um die Verbindung zweier Familien. Eltern nehmen immer noch Einfluss auf die Partnerwahl. Sehr wichtig ist der Wert der Geschenke: Fallen sie in den Augen der Brautfamilie zu mickrig aus, kann die Verbindung platzen.

Welche Rituale gibt es?

Der traditionelle Phallus-Kult, bei dem Penisse aus Holz oder Stein verehrt werden, ist in manchen Landesteilen noch lebendig. Manche Frauen beten vor den Statuen für die Geburt eines Sohnes. Jungen werden mit etwa zwölf Jahren beschnitten. Das gilt seit den 50er Jahren als fortschrittlich und wird nicht mehr hinterfragt - vielleicht, weil viele koreanische Ärzte behaupten, Beschneidung schütze vor praktisch allen Übeln, von Impotenz über vorzeitigen Samenerguss bis Krebs.

Welche Rolle spielt Prostitution?

In Korea ist ein Antiprostitutionsgesetz in Kraft mit harten Strafen für Bordellbesitzer und -besucher. Das Geschäft hat sich dadurch in die Hinterzimmer der zahlreichen Massagesalons verlagert oder auch ins Ausland: Der Sextourismus nach China, Thailand oder Kambodscha nimmt stetig zu. Onlinereisebüros haben sich bereits darauf spezialisiert, sogar Teenager kaufen Sex in ärmeren Nachbarländern. Kiribati, ein kleiner, sehr armer Inselstaat im Pazifik, hat als Sexziel traurige Berühmtheit erlangt: Die größtenteils minderjährigen Frauen, die sich dort in der Hoffnung auf ein besseres Leben verkaufen, sind besonders bei koreanischen Fischern beliebt. 2003 hat die Regierung von Kiribati vergebens versucht, koreanischen Seglern den Halt auf der Insel zu untersagen. In Korea häufen sich die Fälle Jugendlicher, die für Freundinnen als Zuhälter auftreten. Kunden finden sie übers Internet.

Wie steht's mit der Treue?

Da Sex eher selten als Ausdruck einer romantischen Beziehung, sondern als Ventil für männliche Bedürfnisse betrachtet wird, gilt es als normal, dass Männer fremdgehen. Von Frauen hingegen erwartet man Treue - und die Erfüllung "seiner" Wünsche. Seit einigen Jahren reichen Frauen jedoch immer häufiger die Scheidung ein, meist wegen außerehelicher Affären des Mannes.

Gibt es die wahre Liebe?

Nicht die Beziehung zwischen Mann und Frau gilt als die intensivste, sondern die zwischen Mutter und Kind. Das Wort "Liebe" in unserem Sinne gibt es im Koreanischen erst seit Ende des 19. Jahrhunderts - als Reaktion auf einen erfolgreichen, westlich beeinflussten Bestseller. Es heißt "yonae" und bedeutet "aus Zuneigung eine Beziehung eingehen". Gebräuchlicher ist "jeong": die gewachsene Zuneigung zwischen Eheleuten. Spontane Zuneigung oder Leidenschaft kann man somit nicht zum Ausdruck bringen. Also auch nicht "Ich liebe dich". Fragt man Eheleute, warum sie zusammen sind, sagen sie: "Weil ‚jeong‘ uns bindet."

Wie häufig sind Scheidungen?

2003 lag Korea mit 167 100 Scheidungen im internationalen Vergleich unter den ersten fünf Ländern. Mittlerweile sinken die Zahlen.

Ist Homosexualität akzeptiert?

Zumindest kommt Bewegung in die Sache: 2000 hatte der beliebte TVSchauspieler Suk Chon Hong nach seinem Coming-out noch sämtliche Rollen verloren; 2003 schaffte er ein furioses Comeback. 2006 wurde ein Kinofilm, der die tragische Liebesgeschichte zwischen drei Männern erzählt, zum beliebtesten Film aller Zeiten: Jeder vierte Koreaner sah "King and the Clown" des Regisseurs Jun-Ik Lee. Und Millionen Koreaner verfolgten inzwischen gerührt die Hochzeit des transsexuellen Topmodels und ehemaligen Mannes Harisu mit dem Rapper Micky Chung.

Wie wird verhütet?

Verhütung ist Frauensache, die gängigste Methode Sterilisation. Kondome rangieren auf Platz zwei. Als Nordkorea 2006 Atomwaffen testete, stieg der Kondomverkauf im Süden um fast 15 Prozent. Die Pille kommt kaum zum Einsatz.

Wie häufig wird abgetrieben?

Nach offiziellen Schätzungen gibt es zwischen 1,5 und 2 Millionen Abtreibungen im Jahr - so viele wie in den USA, obwohl dort sechsmal mehr Frauen leben. Vor allem weibliche Embryonen werden abgetrieben, denn erst mit einem Sohn gilt eine Familie als vollwertig. Frauen, die ihren Schwiegereltern nur Töchter gebären, verletzen das Ansehen der Ahnen. Durch die illegale Selektion hat sich das Geschlechterverhältnis verschoben: 1990 kamen auf 100 Mädchen 117 Jungen. Heute liegt die Rate bei 108 zu 100 - und damit immer noch höher als der Weltdurchschnitt (106/100).

Wie steht's mit dem Nachwuchs?

Ende der 60er Jahre bekamen Frauen im Schnitt 4,53 Kinder. Die Regierung startete eine Aufklärungskampagne gegen die Bevölkerungsexplosion, belohnte Sterilisation mit umgerechnet 165 Dollar, strich Vergünstigungen für Familien mit mehr als zwei Kindern - und schuf so die am schnellsten alternde Gesellschaft der Welt: 1990 lag die Geburtenrate nur noch bei 1,59. Heute liegt sie bei 1,08, in Großstädten schon unter 1. Nun bemüht sich die Regierung, das Kinderkriegen attraktiv zu machen. Nicht einfach bei den hohen Mieten und den enormen Kosten für Schule und Ausbildung. Hoffnung macht eine Umfrage des Frauenforschungsinstituts: Demnach wünschen sich Koreaner wieder deutlich mehr Kinder.

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