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Wegen Erdogan: Türkischer Gemüsehändler erhält Boykottbrief - und ist am Ende "überwältigt"

Eine türkischstämmige Familie in Lingen hat einen Brief bekommen, in dem ein "Deutscher Demokrat" ankündigt, wegen Erdogan nicht mehr in ihrem Gemüsemarkt einzukaufen. Die Familie veröffentlichte den Brief - mit "überwältigenden" Folgen.

Brief und Gemüse

Boykottbrief eines "Deutschen Demokraten": "Beschlossen, nicht mehr in einem türkischen Geschäft einzukaufen".

Seit 25 Jahren verkauft die Familie Yavuz Obst, Gemüse und türkische Lebensmittel im Herzen von Lingen. "Besonderen Wert legen wir darauf, dass unsere Kunden stets auf die Freundlichkeit und Herzlichkeit unserer Mitarbeiter vertrauen können", schreibt sie auf der Internetseite des Yavuz-Marktes. Ein Kunde hat den Betreibern diese Freundlichkeit jetzt offenbar sogar schriftlich bestätigt, doch sie zählt für ihn nicht. Er will das Geschäft künftig boykottieren - wegen Erdogan.

In einem anonymen Brief, den die Familie nach eigenen Angaben am Donnerstag erhielt, heißt es: "Wenn wir [...] hören, was von der türkischen Regierung [...] an Beleidigungen gegenüber Deutschland kommt, sind wir sehr verärgert!" Weiter schreibt der Absender gefettet und mit vier Ausrufezeichen versehen: "Daher haben meine Freunde und ich beschlossen, ab sofort nicht mehr in einem türkischen Geschäft einzukaufen!!!!" Und: "Ich bin sicher, viele Lingener denken so!" Der Boykott gelte natürlich auch für den benachbarten Grill und alle anderen Geschäfte, die von türkischen Mitbürgern betrieben werden.

Unterzeichnet ist der Brief mit "Ein Deutscher Demokrat".

"Wir fühlen uns als Lingener und Deutsche"

Die Worte wecken Erinnerungen an ganz dunkle Zeiten in Deutschland, als die nationalsozialistischen Machthaber dazu aufriefen, nicht bei Juden zu kaufen. Bei der Familie Yavuz hinterließ das Schreiben vor allem Fassungslosigkeit: "Liebe Kunden, soeben erreichte uns dieser Brief und löste Entsetzen in uns aus", schrieb sie auf Facebook, wo sie den Text am Donnerstag veröffentlichte. Sie fühle sich als Teil von Lingen. "Wir sind hier in Deutschland geboren, fühlen uns als Lingener und Deutsche", zitierte die "Osnabrücker Zeitung die Juniorchefinnen Dilara und Cansu Yavuz. Ihre Mutter lebe seit 45 und ihr Vater seit 27 Jahren in Deutschland.

Hans-Ulrich Jörges' Klartext: Wählt, ihr Türken: Erdogan oder Europa!

Die Familie betonte gegenüber dem stern, dass sie keinerlei politische Absichten habe: "Wir sind Kurden aus der Türkei, die überhaupt keiner türkischen Partei nahestehen." Und Dilara Yavuz erklärte in der "Osnabrücker Zeitung": "Wir geben nie politische, kulturelle oder religiöse Statements ab. Warum werden wir dann so beleidigt?"

Hunderte Solidaritätsbotschaften auf Facebook

Mittlerweile ist das anfängliche Entsetzen der Familie Yavuz einer großen Dankbarkeit gewichen. Denn nachdem die Geschäftsleute das Schreiben öffentlich gemacht hatten, posteten Facebook-Nutzer innerhalb eines Tages mehr als 1300 Kommentare dazu - und die waren zum allergrößten Teil positiv. "Wir sind wirklich überwältigt von dem großen Zusammenhalt", erklärte die Familie daraufhin in ihrem Profil. "Uns haben Hunderte von Kommentaren aus ganz Deutschland erreicht, in denen man uns Solidarität bekundet hat. 99% aller Kommentare bestehen aus wirklich netten und liebevollen Worten, welche die unsinnigen Kommentare in Vergessenheit geraten lassen."

Tatsächlich dürfte der anonyme Briefschreiber mit seiner Aktion das Gegenteil von dem erreicht haben, was er offenbar bezweckte. Zahlreiche Kommentatoren schrieben unter den Text, dass sie jetzt erst recht im Yavuz Markt einkaufen würden. 

Der "Deutsche Demokrat" kommt dagegen in den Postings nicht besonders gut weg.

Juniorchefin Dilara Yavuz kann über den unbekannten Autor nur den Kopf schütteln: "Es gibt schon seltsame Menschen", sagte sie der "Osnabrücker Zeitung".

Naturgemäß lässt sich die Echtheit des Briefes an die Familie Yavuz nicht beweisen. Der "Osnabrücker Zeitung" zufolge ist das anonyme Schreiben aber nicht das erste dieser Art an türkischstämmige Lingener Geschäftsleute. Im Juli 2016 habe auch der Inhaber eines am Lingener Marktplatz gelegenen türkischen Restaurants gleich drei Briefe erhalten, in denen die ebenfalls anonymen Absender erklärt hätten, das Restaurant wegen der Politik des türkischen Präsidenten Erdogan nicht mehr zu besuchen.


Auf welche Rechtsgrundlage beziehen sich die Münchner Finanzämter im jüngsten Steuerskandal?
Gestern in Report: Münchener Mittelständler, die zum Beispiel Werbung bei Google gekauft haben, sollen auf gezahlte Werbung bei Google eine Quellensteuer von 15 Prozent zahlen, und zwar zunächst rückwirkend für die Jahre 2012 und 2013. Das Geld, so die Betriebsprüfer des Finanzamts München, könnten sich die Steuer ja von Google zurückholen. Klingt skurril. Klingt nach einer Sauerei. ich habe mir deshalb den 50a ESTG durchgelesen, was wenig Freude macht. Dort steht erstens: "Die Einkommensteuer wird bei beschränkt Steuerpflichtigen im Wege des Steuerabzugs erhoben", was bedeutet, dass (um im Beispiel zu bleiben) Google der Steuerschuldner ist und sich das Finanzamt dorthin wenden soll und unter Abschnitt 7: "Das Finanzamt des Vergütungsgläubigers kann anordnen, dass der Schuldner der Vergütung für Rechnung des Gläubigers (Steuerschuldner) die Einkommensteuer von beschränkt steuerpflichtigen Einkünften, soweit diese nicht bereits dem Steuerabzug unterliegen, im Wege des Steuerabzugs einzubehalten und abzuführen hat, wenn dies zur Sicherung des Steueranspruchs zweckmäßig ist. " Nach diesem Text muss das Finanzamt von Google diese Anordnung treffen und nicht das Münchner. Ich bin mir sehr sicher, dass das Finanzamt in Irland nicht tätig geworden ist. Was also könnte die Rechtsgrundlage für diese extreme Auslegung einer Vorschrift sein, die ursprünglich dazu gedacht war, dass Veranstalter von Rockkonzerten die Steuern für die ausländischen Musiker abführen (was ja vernünftig ist)?