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Lotto-Fieber in Italien: Das Kreuz mit den Kreuzchen

Italien ist vom Lotto-Fieber gepackt, und die Temperatur steigt immer weiter. 147 Millionen Euro warten heute im Jackpot. Die Kirche in Rom blickt mit Sorge auf die Jagd nach dem Mammon.

Von Sandro Mattioli, Rom

Hastig errafftes Gut zerrinnt, wer aber ruhig sammelt, bekommt immer mehr", sagt die Bibel. Man solle das Geld nicht zum Gott machen, mahnt der Vatikan. Doch hier in der Bar Flavia, quasi im Schatten der strengen hohen Mauern des Papststaates, kümmert das keinen. In der kleinen Eckbar stauen sich die Kunden auf dem schmalen Gang, der zwischen der Kasse und dem Bartresen durch das Lokal führt. Gegen die Verheißung von 147 Millionen Euro ist der Vatikan machtlos. So hoch ist der Jackpot im Superenalotto, und vielleicht, vielleicht führt der Weg zu ihm durch diesen schmalen Gang.

"Fünf Euro" - sagt Sofia Zappaterreno, tippt die Zahl in die Kasse und lässt den nächsten Schein durch die Maschine laufen - "drei Euro Neunzig" - so geht es an diesem Samstagmorgen in einem fort. In Rom herrscht zwar immer noch Sommerschlaf, viele Bewohner sind vor der ewigen Hitze in die Berge geflüchtet oder ans Meer. In der Bar Flavia merkt man von der Sommerpause aber nichts. "Hier spielen sechs Mal so viele Leute wie sonst Lotto", sagt Giorgio Bianchi, der hinter dem Tresen steht. "Vor allem die Leute, die keine Lire haben, spielen. Wer Geld hat, glaubt nicht an das Spiel."

Dann zeigt Bianchi auf die dürre Wendeltreppe, die hinunter zur Toilette führt. Sechs, sieben Zettel hängen da, die Gewinne der vergangenen zwei Monate. Vier Treffer bringen meist um die dreihundert Euro. "Und die zu haben ist schon nicht leicht." Nur zwei der Gewinne liegen um die zweitausend Euro. "Dieser Zettel da ist von mir", sagt Bianchi. "Die ersten vier Zahlen hatte ich alle. Ich hab' schier einen Herzschlag bekommen." Die letzten beiden Zahlen hatte er nicht mehr. Macht 310 Euro.

Lotto-Fieber füllt die Staatskasse

Knapp 60 Millionen Euro haben die Italiener allein am Donnerstag in die Superenalotto-Annahmestellen getragen. Das Glücksspiel-Fieber im Land nimmt immer noch zu, und der Staat freut sich: Seit der Jackpot Ende Januar geknackt worden ist, konnte er fast eine Milliarde Euro der Lotto-Einnahmen einstreichen.

Von Spielsucht und anderen kritischen Aspekten ist in den Medien wenig die Rede. Einzig die Kirche hält dagegen, dennoch bringen auch Priester ab und an Scheine in die Bar Flavia. "Die rechtfertigen sich immer, die Scheine seien nicht für sie", berichtet Giorgio Bianchi.

"Ich bin ein armer Bruder und habe mich bewusst für die Armut entschieden", sagt ein alter Franziskanermönch vor dem Tor zum Vatikan. "Diese Sachen interessieren mich nicht." Dann legt er einem die Hand auf den Arm, lässt sich entschuldigen und geht.

"Der Mensch ist leicht zu Dummheiten zu verführen"

Zwei Finanzpolizisten, die gegenüber auf der Wallfahrts-Touristenmeile Geschäfte kontrollieren, finden simple weise Worte. "Ein Spiel ist ein Spiel, und so sollte es auch betrachtet werden", sagt der eine. "Wenn man es übertreibt, ist es kein Spiel mehr", fügt der andere hinzu. Sind 147 Millionen Euro im Jackpot übertrieben? "Das ist eine Frage der Sichtweise", antworten beide diplomatisch.

Der arme rumänische Bettler spielt, die Philippina, die als Rentnerin zurück in ihre Heimat will, selbst der Barista, der schimpft, das sei nur eine andere Form der Abzocke, hat seine Kreuzchen gemacht. 29 Euro kostete an diesem morgen der teuerste Lottoschein in der Bar Flavia. Er stammt von Gilberto Morici, 61 Jahre alt. "Der Mensch ist leicht zu Dummheiten zu verführen", sagt er. "Wenn das Geld kommt, verändert es dein Leben völlig. Die Millionen sind aber trotzdem willkommen." Er würde sich ein Haus kaufen. "Ich habe meinen Kindern schon gesagt, dass sie dann fünf, sechs Geschwister bekommen", berichte Morici und lacht. Er wolle für Kinder in Afrika Patenschaften übernehmen. Dort zu helfen sei schon immer sein Traum gewesen.

Die Wahrscheinlichkeit dafür beträgt Eins zu Sechshundertzweiundzwanzigmillionen sechshundertvierzehntausend sechshundertdreißig.

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