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Interview mit Loveparade-Opfer: "Manche haben Kinderzimmer so erhalten, wie es am Loveparade-Tag war"

Jörn Teich hat die Loveparade-Katastrophe vor fünf Jahren miterlebt. Heute setzt er sich für die Betroffenen ein und versucht wie viele andere, ins Leben zurückzufinden. Doch die seelischen Wunden sitzen tief.

Interview: Barbara Opitz

Jörn Teich sitzt er vor dem Blumenladen seiner Eltern.

Jörn Teich hat das Loveparade-Unglück selbst erlebt. Hier sitzt er vor dem Blumenladen seiner Eltern.

Die Loveparade am 24. Juli 2010 endete in einer Tragödie. An einer Rampe hatte sich eine verhängnisvolle Engstelle gebildet, die zur tödlichen Falle wurde: 21 Menschen starben, mehr als 500 wurden verletzt. Am Freitag jährt sich die Katastrophe zum fünften Mal. Viele Betroffene leiden immer noch dramatisch unter den Folgen der Katastrophe - und auch ein Strafprozess lässt nach wie vor auf sich warten. Der stern hat mit Jörn Teich gesprochen, der das Unglück selbst miterlebte und Vorsitzender der Betroffenen-Initiative "LoPa 2010" ist. 

Herr Teich, bei der Loveparade in Duisburg vor fünf Jahren kamen 21 Menschen ums Leben, 541 wurden verletzt. Wie geht es den Betroffenen heute? 

Vielen geht es nicht gut. Ich werde häufig angerufen, oft nachts. Manche haben juristische Fragen. Andere wollen einfach loswerden, dass sie in der Stadt mal wieder Platzangst bekommen haben. Oder ich habe einen Polizisten am Apparat, der nicht weiß, was er mit einer Frau machen soll, deren Auto auf einer Kreuzung stehen geblieben ist. Von der Loveparade Traumatisierte verlieren da völlig die Kontrolle. Angehörige wollen mit mir über ihre toten Kinder sprechen. Manche haben das Kinderzimmer noch so erhalten, wie es am Tag der Loveparade war.

Wie sind Sie zum Ansprechpartner geworden? 

Ich bin da reingerutscht. Die Leute wussten, dass ich selbst bei dem Unglück dabei war. Es gab sonst niemanden, der sich darum kümmert, dass die Leute eine psychologische Behandlung bekommen, einen Reha-Aufenthalt. Der sich mit juristischen Fragen auskennt. Der Treffen organisiert, Selbsthilfegruppen, die länger währten als ein halbes Jahr. Jemanden, der rund um die Uhr da ist. Der Verein LoPa 2010, den ich gegründet habe, steht mit 427 Loveparade-Opfern in Kontakt.

Es war doch eine Stiftung für diesen Zweck zuständig.

Ja, die ist aber seit 2013 raus. Da ging es um Seelsorge, weniger um professionelle psychologische Hilfe. Insgesamt hat es nur fünf Treffen für die Betroffenen gegeben. Und noch mal welche für die Angehörigen der Toten. Die Ansprechpartner waren schwer erreichbar, und wenn, dann hieß es: „Du musst dir Hilfe suchen“. Das ist zu wenig. Manche waren hochtraumatisiert, wussten nicht, was mit ihnen überhaupt los ist. Wir hätten viel mehr an die Hand genommen werden müssen. Man kam sich als Bittsteller vor.

Was wünschen sich die Opfer der Loveparade? 

Einen ordentlichen Strafprozess, damit geklärt wird: Wer hat Schuld? Doch noch ist unsicher, ob die Klage zugelassen wird. Im Moment hängt es von einem Gutachten ab, das laut Gericht verbesserungswürdig ist. Für mich sieht es nicht so aus, dass es zum Prozess kommen wird. Selbst wenn, wird er niemandem helfen.

Warum nicht?

Weil die falschen Leute auf der Anklagebank sitzen. Alle aus der dritten Reihe, Mitarbeiter der Stadtverwaltung Duisburg und des Veranstalters. 

 Weder das Land und die Polizei, noch der damalige Oberbürgermeister Adolf Sauerland oder Innenminister Ralf Jäger, Ordnungsdezernent Wolfgang Rabe oder der Veranstalter Rainer Schaller wurden bis jetzt angeklagt. Man sehe keinen hinreichenden Tatverdacht, heißt es. Das Problem ist die Verkettung der Ereignisse. Es gibt zwar Beweise, Videomaterial, bei denen klar von Schuld gesprochen werden kann. Aber immer hakt es irgendwo.

Wenn bis zum 27. Juli keiner von den eben genannten Personen angeklagt wird, verjährt die mögliche fahrlässige Tötung.

Ja. Ich glaube, das ist von bestimmten Leuten so gewollt.

Im September starten zumindest die ersten Disziplinarverfahren. Es geht um Entschädigungen.

Die meisten Betroffenen wurden von der Axa-Versicherung bereits entschädigt, 19 Menschen warten noch darauf. Bei den Angehörigen der Toten sieht es anders aus: In Deutschland bekommen sie kaum Entschädigung, etwa 6000 Euro. Die hat aber, so viel ich weiß, keiner angenommen. 20.000 Euro gibt es noch von der Unfallkasse.

Sie selbst wurden bei der Loveparade verletzt.

Mir wurden bei der Panik im Tunnel vier Rippen gebrochen. Ich habe außerdem mehrere Traumastörungen wie Panikattacken, Depressionen, Schlafstörungen, Konzentrationsstörungen. Und dann noch das Shell-Shock-Syndrom, ein unkontrollierbares Zittern.  Im Winter nach der Loveparade bin ich zurück zu meinen Eltern gezogen, weil ich den Alltag nicht mehr allein geschafft habe und zusätzlich alleinerziehend bin. 

 Ich sollte eigentlich ihren Blumenladen übernehmen. Daran ist nicht mehr zu denken. Nach dem Jahrestag werde ich mich zurückziehen. Meine Therapie schlägt sonst nicht an. Ich traumatisiere mich jedes Mal neu, weil ich mich ständig mit dem Thema befasse.

Ich hatte einen Herzinfarkt. Das war ein Zeichen, dass ich nicht mehr kann. Die ganze Organisation, das ständige Kämpfen. Und die Pressegespräche, immer aufpassen, dass ich für alle spreche. Ich will mir wie früher die Haare bunt färben. Weil ich für die Betroffenen spreche, wollte ich seriöser aussehen. Jetzt wird es Zeit, dass ich mich wiederfinde.