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Prozessbeginn in Duisburg: Loveparade-Katastrophe: 21 starben, Hunderte weitere leiden bis heute

Der Duisburger Loveparade-Prozess beginnt. Bei der Veranstaltung vor mehr als sieben Jahren starben 21 Menschen. Viele leiden bis heute unter der Katastrophe. Für sie steht fest: "Es muss endlich ein Ende haben."

Von Barbara Opitz

Duisburg, am alten Güterbahnhof. Eine Schlucht, etwa sieben Meter tief, acht Meter breit, zwischen zwei nackten Betonwänden. An einer der Wände geht eine Treppe empor. Eine Bank, eine Laterne. Der Ort seines Lebens, sagt Jörn Teich, "mein Ort". Er steigt über einen verwitterten Holzrahmen, aus dem ein Mädchen mit Zopf lächelt, vorbei an Blumenstöcken und Grablichtern, beugt sich über einen Plüschkoala, greift ihn, streichelt ihn. "Ganz grün ist der", ganz weiß sei er gewesen.

Eben noch, als er durch den dunklen Tunnel kam, redete Teich sehr viel. Die Nervosität, erklärt er. Das Zittern. Die Blitze, die immer da sind, wenn er durch den Tunnel geht. Hier, vor der Treppe, werde er ruhig. Er steht vor dem Denkmal im Kies, umringt von Bildern junger Menschen, glücklichen Gesichtern, Blumen, Kerzen. Den Koala hält er fest im Arm. Er brauche diesen Ort, sagt er. Die Wand. Die Treppe.

Genau hier ist es passiert. Hat sich das Menschenknäuel gebildet. Hier drückte die Masse am schlimmsten, rang jeder nach Luft, nebeneinander, übereinander. 21 junge Menschen starben hier an diesem 24. Juli 2010, 652 wurden verletzt, Tausende traumatisiert. "Die letzte Loveparade, sagt Jörn Teich. Auch er war dabei.

Loveparade-Prozess: "Es muss endlich ein Ende haben"

Jörn Teich (r.) und sein Mitstreiter Dirk Schales an der Gedenkstätte der Loveparade-Opfer am alten Güterbahnhof. Hier kamen die meisten Menschen ums Leben

Siebeneinhalb Jahre nach der Loveparade beginnt nun der Prozess

Teich ist heute 43 Jahre alt. Er sieht mit seinem Kapuzenpulli und den tiefen Augenringen aus wie ein gealterter Junge. Techno. Liebe, Frieden, Freiheit, Menschen tanzten auf der Straße, wild, ekstatisch, "bescheuert", erinnert er sich. Ein Lebensgefühl sei die Loveparade gewesen, "alle zusammen", und trotzdem habe jeder sein können, wie er will. "Alles kaputt", sagt er.

Am 8. Dezember, siebeneinhalb Jahre nach der Katastrophe, beginnt nun der Prozess. Sechs Mitarbeiter der Stadt Duisburg und vier Mitarbeiter des Veranstalters Lopavent sind vor dem Duisburger Landgericht unter anderem der fahrlässigen Tötung und der fahrlässigen Körperverletzung angeklagt. Ein gigantisches Verfahren. Zunächst 111 Verhandlungstage sind angesetzt. 60 Nebenkläger – Angehörige und Verletzte – werden von etwa 40 Anwälten vertreten. 40 Justizwachtmeister stehen bereit sowie Dolmetscher für die Angehörigen ausländischer Opfer. Es gab jahrelangen Streit, ob über die Loveparade überhaupt verhandelt werden kann.

24. Juli 2010: Über eine Treppe versuchen einige Raver, dem tödlichen Gedränge zu entkommen

24. Juli 2010: Über eine Treppe versuchen einige Raver, dem tödlichen Gedränge zu entkommen

Endlich ist es so weit, doch zu viel sei schon passiert, sagt Teich. Da ist Nordrhein-Westfalens Innenminister Ralf Jäger, der vier Tage nach dem Desaster sagte, die Polizei habe hervorragende Arbeit geleistet. Oder als sich vor den Kameras damals alle gegenseitig die Schuld zuschoben. Der Veranstalter Rainer Schaller, der nach wie vor mit seiner Fitnesskette McFit Millionen umsetzt und gegen den später nicht ermittelt wurde. Der damalige Oberbürgermeister Adolf Sauerland und Sicherheitsdezernent Wolfgang Rabe, die ebenfalls bis heute verschont blieben. Die Staatsanwaltschaft hatte sich mit der Hausdurchsuchung im Rathaus ein halbes Jahr Zeit gelassen. Es heißt, E-Mails seien gelöscht, Dokumente ausgeheftet worden.

2014, nach dreieinhalb Jahren, wurde endlich Anklage erhoben. Zu viele Menschen seien auf zu engem Raum gewesen, die Loveparade habe in einer Katastrophe enden müssen, die Stadt hätte sie niemals genehmigen dürfen, sagte die Staatsanwaltschaft. Sie berief sich auf das Gutachten eines britischen Panikforschers. Der 24. Juli 2010 aber, der Tag, um den sich bei Jörn Teich seither alles dreht, war kaum Teil der Anklage. Unmöglich, all die vielen Verfehlungen aufzurollen, die Polizei, Veranstalter und andere am Tag der Katastrophe begangen hatten, hatten die Ankläger Teich am Telefon erklärt. Kurz darauf erlitt er einen Herzinfarkt, mit 40 Jahren.

Eine Verurteilung ist "hinreichend wahrscheinlich"

Jörn Teich machte Therapien, versuchte sich damit abzufinden. Doch als zwei Jahre später das Duisburger Landgericht die Anklage ablehnte, weil das Gutachten des Panikforschers fehlerhaft sei, da kam er wieder ins Krankenhaus. Wieder das Herz.

Angehörige hatten dann Unterschriften gesammelt und sie dem Oberlandesgericht Düsseldorf übergeben, das vor einigen Monaten entschied: Das Gutachten sei durchaus verwertbar, eine Verurteilung der Tatverdächtigen "hinreichend wahrscheinlich", der Prozess müsse stattfinden.

Seither sind Jörn Teichs Attacken wieder schlimmer geworden. Die Panik, die Flashbacks. Momente, in denen er alles wieder und wieder erleben muss, die Enge, die Schmerzen. Todesangst, sagt er.

Jörn Teich mit seiner Tochter Lena. Sie war damals vier und saß auf seinen Schultern

Jörn Teich mit seiner Tochter Lena. Sie war damals vier und saß auf seinen Schultern

Heute ist er mit Dirk Schales verabredet. Seit fünf Jahren kennen sie sich, kümmern sich gemeinsam um die Gedenkstätte. Schales ist 49, hat einen festen Händedruck und einen geraden Blick. Auch er war auf der Loveparade. Auch er hat eine "PTBS", eine Posttraumatische Belastungsstörung, genau wie Teich. Sie nutzen das Kürzel wie Kriegsveteranen. "PTBS", eine Art Code. Er steht für "Freaks", die "Asis, die nichts mehr auf die Reihe kriegen", sagt Teich. "Traumatisierte" nennt er sie. Viele sind sie, "gerade hier". Wie ein Magnet ziehe der Ort sie an. Er zeigt auf die bedruckte Glastafel, die gegenüber dem Denkmal an der Wand hängt, zum Gedenken an die Toten. Im letzten Satz werden auch sie erwähnt, jene, die "die Katastrophe erlebt, aber überlebt haben", steht dort. Das "aber" auf der Tafel ist kaum mehr zu lesen, "mit den Fingernägeln abgeknibbelt", erklärt Teich. Traumatisierte hätten das getan, sagt er, sie könnten es nicht ertragen, dieses "aber".

Teich und Schales sind Vorsitzende der Betroffenen-Initiative "LoPa 2010". Sie sind Seelsorger und Lebenshelfer, "weil das sonst keiner macht", sagt Teich. Er führt Buch über etwa 470 Menschen, abgeheftet in zwei dicken Aktenordnern, geordnet nach dem Abc, mit Bildern, Anekdoten, Problemen. Manche melden sich sporadisch, andere fast jeden Tag. Er hilft ihnen beim Behördenkram, hört ihnen zu, ist immer erreichbar. Jetzt, kurz vor dem Prozess, klingelt das Handy ununterbrochen.

Nachts suchen sie im Netz die Bilder

Entstanden ist die Initiative nach einer dieser Nächte, in denen Jörn nachts im blauen Licht des Computermonitors saß, auf der Jagd nach Antworten. Alle Traumatisierten machten das, schliefen nicht, sondern gingen ins Netz, guckten sich Bilder und Videos an. Immer und immer wieder. Die Loveparade ist eine hervorragend dokumentierte Katastrophe. Hunderte junger Menschen, die mit ihren Handys filmten. Jörn Teich zerlegte die Videos in Sequenzen, schaute sich jedes Bild einzeln an. Verfolgte die späteren Toten, wie sie auf den Videos durch den Eingang kommen, feiern, auf anderen Bildern dann plötzlich unter der Masse verschwunden sind. Immer hat er ihren letzten Standort im Blick, vergleicht ihn mit seinem. Er habe keinen von ihnen erdrückt, habe auf keinem von ihnen gestanden, sagt er. Vom Abstand her könne das gar nicht sein.

Schales hatte zu der Zeit auf einer der Internetseiten Fotos von der Gedenkstätte gepostet. Vermüllt war sie. Teich fuhr gleich hin, mit Schaufel und Schubkarre. Zweieinhalb Stunden brauchte er, um durch den Tunnel zu kommen, so viel Angst hatte er vor ihm. Aber die Wut war groß genug. Stundenlang schuftete er, war danach verschwitzt und verdreckt. Der Ort aber war sauber. "Ganz wunderschön", sagt Jörn. Dirk kam, als Jörn gerade fertig war.

Der Koalabär erinnert an Clancie, ein Todesopfer aus Australien

Der Koalabär erinnert an Clancie, ein Todesopfer aus Australien

Teich fuhr dann jeden Tag 60 Kilometer mit seinem Passat aus dem Ennepe-Ruhr-Kreis her. Er hat das Kennzeichen EN-LP 247, es steht für "Loveparade 24. Juli". Sie haben zusammen den Platz gefegt, Gras gerupft, die Andenken geordnet, die von Angehörigen bemalten Steine geputzt, Fotos und Texte kopiert, sie zu Hause archiviert, falls einmal was kaputtgeht. Jede Woche haben sie Fotos vom Denkmal ins Netz gestellt, damit alle nachschauen konnten, ob ihre Sachen noch an Ort und Stelle lagen. 7800 Euro pro Jahr gaben sie allein für Kerzen aus, dann noch Blumen zum Geburtstag für die Toten. "Alles aus eigener Tasche bezahlt", sagt Teich. Er hält den Koala immer noch im Arm. Der, sagt er, gehöre Clancie, der Australierin, "die da vorn starb", er zeigt zur Treppe. Er war durch den Regen ganz verfilzt, der alte Bär. Für 90 Pfund haben sie einen neuen auf Ebay ersteigert. Gleicher Teddy, selbes Fabrikat. Nur hatte er die falsche Farbe, weshalb Teich ihn in Bleiche legte.

Jörn Teich meint, es sind auch ihre Toten. Christian, Kathinka, Marina und die anderen. Es sei, als hätten sie sich gekannt, so viel hat er in den vergangenen Jahren über sie erfahren. In der Erde, vor der Gedenkstätte, fanden sie Schuhe, Schmuck, sogar eine Kamera. Die Speicherkarte war intakt. Die Kamera gehörte dem spanischen Mädchen Clara, das an dieser Stelle zusammen mit seiner Freundin Marta starb. Auf der Karte fröhliche Menschen, Landschaften, sie war durch Europa getourt. Im Tunnel hatte sie noch ein Selfie gemacht. Für Teich sind die Toten Helden. Haben Platz gelassen, damit er und die anderen überleben konnten. "Das Quäntchen, das für sie nicht mehr reichte, haben sie für uns gelassen."

Es roch nach Alkohol, Schweiß, Urin

Jörn Teich wollte damals nur "gucken gehen". Mit seiner Tochter, für eine halbe Stunde, Lena war damals vier. Auf dem Rückweg sind sie im Tunnel stecken geblieben, ganz in der Nähe der Rampe. Er weiß noch, dass die Masse ihn an der Wand hochdrückte, er nicht mehr atmen konnte – mit Lena auf den Schultern. Lena sang "Hey, was geht ab", das hatte sie auf dem Hinweg aufgeschnappt. Alle hielten die Arme hoch, weil unten kein Platz mehr war. Sie rammten ihm ihre Ellenbogen ins Gesicht. Den Blick starr in eine Richtung, weil sie den Kopf nicht mehr bewegen konnten. Es roch nach Alkohol, Schweiß, Urin. "Sie haben sich vor Angst in die Hose gemacht." Teich verlor irgendwann die Schuhe, die Rippenbrüche hat er erst später bemerkt. Er weiß noch, dass der DJ schrie: "Nehmt die Arme in die Höhe!" An den Rest kann er sich kaum erinnern. Es muss "Sweet Dreams" gespielt worden sein, bei diesem Lied hat er die schlimmsten Flashbacks. Als sich alles auflöste, muss er mit Lena zurückgelaufen sein. Lena erzählt von Toten. Von einem Jungen, den sie später auf den Fotos an der Gedenkstätte wiedererkannte, Christian, der in der Menge erstickte. Sie habe ihn gesehen. Sein Gesicht sei blau angemalt gewesen, so beschreibt sie es.

Jörn Teich lebt heute wieder bei seinen Eltern in der Dachkammer und von Hartz IV. Früher, in seinem ersten Leben, war er ein Machertyp, arbeitete im Blumenhandel der Eltern und in einer Privatbank als Anlageberater, "mit Anzug und Krawatte". Er coachte Unternehmer und gründete eine Firma für IT-Schrott, fuhr einen schwarzen 7er BMW mit allen Extras. Er liebte den Wagen, aber er hat ihn schon vor fünf Jahren verkauft. Erst dachte er, er meldet ihn ab und wartet, bis es ihm wieder besser geht. Irgendwann erkannte er, dass das dauern würde. Und dann sei der Wagen eben doch für den dritten Jahrestag draufgegangen. Wie auch die Rolex. Jörn Teich hat damals allen Traumatisierten und Verletzten die Fahrtkosten nach Duisburg gezahlt, die Übernachtungen und das Essen. Damals hatten die Treffen der Seelsorge schon aufgehört. Und alle waren doch auf Hilfe angewiesen.

Teich vor einer Gedenktafel, die wütende Bürger bald nach dem Unglück aufgehängt haben

Teich vor einer Gedenktafel, die wütende Bürger bald nach dem Unglück aufgehängt haben

Wenn man bei der Gedenkstätte warte, kommen sie von ganz allein, sagt Teich. Er kann sie erkennen. Angehörige säßen auf der Bank. Besucher schauten sich die Bilder der Toten an. Ein Traumatisierter aber, sagt Jörn, stapfe zum Eingang, "bleibt hier stehen und verweilt". Eine lange Zeit. Dann suche er sich seinen Platz. Den, wo er stand, als es am schlimmsten war. Jörn Teich geht dann zu ihm, legt ihm die Hand auf die Schulter, sagt, er könne sich melden, wenn es Probleme gebe. Meistens komme der Anruf noch am selben Abend.

Viele verstünden nicht, dass es das gibt, unsichtbar verletzt zu sein. Manche von ihnen standen gar nicht in der Enge, sondern oben auf der Mauer. Mussten zusehen, wie unter ihnen Menschen starben. Es gibt einen Helden der Rampe, so hat die "Bild" ihn damals genannt. 20 Jahre war er alt, zog eine bewusstlose Frau aus der Masse, sein Foto ging um die Welt. Zwei Tage nach dem zweiten Jahrestag, 2012, ist er dann zum Rathaus gestürmt, wollte den Sicherheitsdezernenten Rabe attackieren, an ihm Gerechtigkeit üben. "Zu kaputt ist der", sagt Teich. Mindestens sechs von ihnen hätten sich inzwischen umgebracht. Ein Mädchen, das Jörn betreut hat, schmiss sich vor drei Jahren vor den Zug.

"Ohne Geld keine Hilfe, so ist das nun mal."

Schales und Teich stehen vor den Bildern der 21 Toten. Früher hätten mehr Blumen und Laternen auf dem Boden gestanden. "Lieblos" findet Schales den Ort jetzt. Seit die Stiftung "Duisburg 24.07.2010" die Pflege übernommen hat, tun beide hier nicht mehr so viel, "damit die sich nicht mit falschen Lorbeeren schmücken", sagt Schales. Dabei war die Stiftung ihre Idee. Es hatte so viel Ärger gegeben. Die vielen unterschiedlichen Vereine, jeder wollte etwas anderes. Und die Hilfe wurde dringender. Bei Posttraumatischen Belastungsstörungen kämen die Symptome manchmal erst nach vielen Jahren, sagt Jörn Teich.

Alle Beteiligten sollten sich an einen Tisch setzen, das war die Idee. Die Stadt, das Land, der Veranstalter, Vertreter der Traumatisierten, der Verletzten, der Angehörigen. "Zusammen das Leid lindern", schnell und unbürokratisch. Großes hatten sie mit der Stiftung vor. Einen Bus wünschten sie sich, mit dem wollten sie durch Deutschland touren, um den Betroffenen vor Ort zu helfen. Und um Spenden zu sammeln. "Ohne Geld keine Hilfe, so ist das nun mal."

Geblieben war ihnen nur die Stadt. "Der Täter", wie Teich sagt. Das war vor zweieinhalb Jahren. Die Protokollleiterin des neuen Oberbürgermeisters und der Duisburger Ombudsmann saßen nun im Stiftungsvorstand. Teich und Schales hofften trotzdem, dass das mit der Stiftung eine tolle Sache werde. Dann kam eins zum anderen. Die 100 Euro Zuschuss im Monat, die sie beantragt hatten, für die Pflege der Gedenkstätte. Die Stiftung zahle kein Geld aus, hieß es. Oder die Granitplatte. Sie sollte an das Schicksal der "seelisch und körperlich Verletzten" erinnern, weil auf dem Denkmal selbst nichts über sie zu lesen war. Die Stiftung ließ die Platte entfernen. Schlimmer aber war der Jahrestag 2016, sagt Teich. Man hatte ihnen versprochen, diesmal mit auf die Gedenkstätte zu dürfen, mit den Angehörigen. Aber auch diesmal sollten sie wieder im Tunnel stehen bleiben, die Gedenkfeier von Weitem beobachten. Sie hatten dann eine Menschenkette gebildet, 30 Mann etwa, waren durch die Sicherheitssperren gelaufen.

Jörn Teich meint, das lange Warten auf den Prozess habe die Situation erst so verfahren gemacht. Man habe sie aufeinander losgelassen, die Opfer der Loveparade, sie mit ihrer Wut alleingelassen, "irgendwo muss man schließlich damit hin". Die Seelsorge habe gleich zu Beginn die Angehörigen der Toten und die anderen Betroffenen voneinander getrennt. Für einige der Angehörigen sind sie die trampelnde Masse geblieben. "Ihr Kind verbinden sie mit etwas Schönem." Die Kaputten seien für sie nur schwer zu ertragen, meint Teich, Betrunkene an der Gedenkstätte, die "Wracks".

Sie alle brauchten diesen Ort, sagt er. Die Stadt, um mit dem Unglück umzugehen. Die Angehörigen, um zu trauern, sie wollten bewahren. "Wir, um irgendwann einmal loszulassen. Um zu vergessen."

Gedichte aus China

Sie feiern trotzdem jedes Jahr zusammen Weihnachten, hier an der Gedenkstätte. Angehörige und auch Traumatisierte. Sie nehmen sich dann in den Arm. Dirk Schales und Jörn Teich filmen und stellen alles live ins Netz. Für die, die Heiligabend nicht dabei sein können, die Australier, die Spanier, die Italiener. Mit vielen Angehörigen hält er trotz allem Kontakt. Gabi, die Mutter von Christian, besucht Teich manchmal, auch wegen Lena. Sie gehen zusammen schwimmen oder fahren auf den Ponyhof. Ein Mann aus China, dessen Frau auf der Loveparade starb, schickt ihm Gedichte.

Es ist dunkel geworden. Jörn Teich hat den Koala und zwei weitere Teddys ins Auto gelegt. Er will sie zu Hause waschen, er könne nicht anders. Er und Schales sitzen in einem Imbiss, 500 Meter von der Gedenkstätte entfernt. Teich hat eine Pizza Honolulu bestellt, Schales eine Mafioso.

Sie reden über den Prozess. Für sie sitzen nur die "Kleinen" auf der Anklagebank. Das Verfahren sei trotzdem wichtig, sagt Teich. "Es muss endlich ein Ende haben" Vor ein paar Wochen gab es Neuigkeiten. Ein zweites Gutachten bestätigt, dass Planungsfehler die Ursache gewesen sein sollen. Trotzdem fürchtet Teich, dass nie jemand verurteilt wird. Fällt bis zum 25. Juli 2020 kein Schuldspruch, sind die Vergehen endgültig verjährt. Teich hat Antrag auf Nebenklage eingereicht. Er will wenigstens Fragen stellen. Sieben Nebenkläger seien schon wieder abgesprungen, sagt er. Die meisten haben Angst, dass es ihnen schlechter gehen wird durch den Prozess. Dass die Flashbacks wiederkommen. Am größten aber sei die Angst vor dem Danach. "Dass wir vergessen werden."