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Luftverschmutzung in China: Peking hält den Atem an

Peking zählt zu den Städten mit der schlechtesten Luft. Seit einer Woche ist die Luftverschmutzung besonders übel. Menschen werden krank. Ärzte warnen die Bevölkerung: Geht nicht vor die Tür. Das Umweltamt spielt die dramatische Lage herunter.

Rund 20 Millionen Pekinger müssen die Luft anhalten: Schlimmer Smog hängt wie ein Glocke über der chinesischen Hauptstadt. Die Zahl der Menschen, die mit Atemwegserkrankungen und Schlaganfällen in Krankenhäuser eingeliefert werden, hat stark zugenommen. Ärzte warnen die Menschen davor, das Haus zu verlassen. Doch das städtische Umweltamt will nichts davon wissen. Während die amerikanische Botschaft anhand eigener Messungen seit vergangener Woche täglich vor "gefährlichen" Luftwerten und Notstandsbedingungen warnt, reden die Stadtbehörden nur von "leichter Verschmutzung".

"Die Luft riecht nach Schwefel, während die Hauptstadt gegenwärtig aussieht wie ein großer giftiger Gasbehälter", zitierte die Zeitung "Global Times" am Dienstag den bekannten Schriftsteller Zheng Yuanjie. Dass Peking weltweit zu den Metropolen mit der schlimmsten Luftverschmutzung gehört, ist nicht neu. Immer wieder steigen die Schadstoffe auf ein schwer erträgliches Niveau. "Aber so schlimm und so andauernd war es schon lange nicht mehr", sind sich viele einig.

Ein giftiger, nebliger Schleier hängt über der Stadt. "Der Ausstoß von Schadstoffen ist im Moment ziemlich hoch", sagte Ma Jun, Direktor des Instituts für Umweltfragen, der Nachrichtenagentur dpa. Gerade beginnt die Heizperiode. Auch ist die Zahl der Autos in Peking seit den Olympischen Spielen 2008 von 3,5 auf 5 Millionen gestiegen. In den Straßen herrscht Stop-and-Go, sammeln sich die Auspuffgase.

Teure Filter reinigen die Luft in Privatwohnungen

An drei Seiten ist die Hauptstadt von Bergen umgeben. "Wenn es keinen Wind gibt, verteilen sich die Schadstoffe nicht", sagt Ma Jun. Zur Reinigung der Luft sei die Hauptstadt allein auf Wind und Regen angewiesen: "Wenn wir Glück haben." Ärzte warnen besonders Menschen mit Atemwegserkrankungen, Kinder oder ältere Leute davor, in die verschmutzte Luft nach draußen zu gehen. Von Sport wird auf jeden Fall abgeraten. "Drinnen zu bleiben, ist eine gute Idee", mahnt ein Arzt vom chinesisch-japanischen Freundschaftskrankenhaus.

"Wir haben von Samstag bis Montag einen Anstieg der Patienten mit Atemwegsproblemen um 13 Prozent im Vergleich zum Wochenende davor festgestellt, während wir 14 Prozent mehr Schlaganfälle hatten", berichtet Li Jianren von der 120-Notrufzentrale der "Global Times". Experten haben den Zusammenhang zwischen Smog und Schlaganfällen schon länger statistisch und in Versuchen nachgewiesen. Der Kollege von der Pekinger 999-Ambulanz berichtet einen Anstieg von Patienten mit Asthma, Bronchitis und Lungenentzündung um 30 Prozent.

"Echt schlimm. Ich gehe seit Tagen nicht mehr zum Laufen in den Fitnessclub", sagt eine deutsche Geschäftsfrau. "Ich traue mich kaum vor die Tür." In jedem Zimmer ihrer Wohnung laufen spezielle Luftfilter aus der Schweiz auf Hochtouren. Wegen der schlechten Luft in Peking hatte die 47-Jährige die aufwendigen Geräte schon vor vier Jahren für gut 1000 Euro das Stück angeschafft. "Sie laufen rund um die Uhr." In vielen Haushalten ausländischer Familien stehen heute solche Filter. "Irgendwann muss hier doch mal etwas geschehen."

Behörden ignorieren Messwerte der USA

Die krassen Unterschiede zwischen den Messungen der Stadt und der US-Botschaft sorgen für Ärger in Zeitungen und im Internet. Während das Umweltamt nur von "leicht verschmutzt" und einem Index zwischen 150 und 170 spricht, misst die US-Botschaft Werte um 300 und 400. Über den Kurznachrichtendienst Twitter, das Internet oder ein Programm für das Handy sind die Werte abrufbar, was den Behörden ein Dorn im Auge ist. Manchmal klettert der Index sogar über die maximale Messgrenze von 500. "Dann stinkt es wie nach einem Chemieunfall", weiß ein Bewohner von so einem Tag zu berichten.

Das Umweltamt weigert sich zudem, besonders gefährliche kleine Partikel mit einer Größe von 2,5 Mikrometer zu messen und registriert diese nur bis 10 Mikrometer. Messungen chinesischer Umweltgruppen bestätigen zwar die Zahlen der Amerikaner, doch für den Vizedirektor des Umweltschutzamtes, Du Shaozhong, ist das offenbar alles Quatsch: "Warum sollten wir Chinesen uns um Zahlen von Ausländern scheren?" In seinem Mikroblog gibt er seinen Kritikern den Rat: "Kümmert euch besser um nützlichere Dinge."

Andreas Landwehr, dpa / DPA
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