Mailand Die Hühnchen der schweren Jungs


Hinter den Mauern von Italiens härtestem Gefängnis versteckt sich ein kleines Idyll: Mörder und Schwerverbrecher züchten Wachteln, bauen Gemüse an - und versorgen mit ihren Produkten die Edelrestaurants Mailands.
Von Andre Tauber, Mailand

Die Vögel haben keine Angst. "Buongiorno", ruft Dragomir Petrovic ihnen zu. Jeden Morgen, wenn er in das kleine Holzhaus geht. 100 Wachteln schnattern wild durcheinander. Petrovic spricht einfach weiter, als ob er den Vögeln jede seiner Handbewegungen erklären wolle. Er beschreibt, wie er den Kot wegwischt, die Eier einsammelt und die Tiere dann auf Krankheiten untersucht. Seine Stimme beruhigt die Vögel. Nach und nach wird es ruhiger im Stall. Tiere züchten, auf diese Idee wäre er nie gekommen, der frühere Bauarbeiter, der vor sechs Jahren wegen eines Mordes verurteilt wurde.

Die Holzhütte steht in Mailand Opera, Italiens härtestem Knast. Hier sitzen Mafialegenden wie Totò Riina in Isolierhaft. Ein Wächter kommt auf zwei Insassen. Zwei Kilometer Mauer umziehen den Komplex, der Blick nach draußen ist aus der Betonburg unmöglich. Und inmitten dieser abgeschotteten Welt steht Petrovics Wachtelstall: die "Fattoria di Al Cappone", der Bauernhof vom "Al Hühnchen", wie die inhaftierten Mörder und Schwerverbrecher ihr Projekt nennen.

Die Fattoria versorgt Mailands edle Restaurants mit Wachteleiern. Und will damit künftig richtig Geld verdienen. Zehn verurteilte Verbrecher arbeiten täglich am Aufbau der Fattoria, deren Logo eine Wachtel ziert. Noch produzieren sie die Eier in kleinen Mengen. Zum Monatsende dann sollen sie an Supermärkte in der Region geliefert werden. Der Sträflingsbauernhof erobert den Markt.

Die Häftlinge pflegen die Tiere liebevoll

Keiner der Sträflinge hat ein Wachtelei jemals in Freiheit gegessen. Und nun sind sie die größten Fans ihrer Tiere, streicheln sie liebevoll, hegen und umsorgen sie - und essen sie auch gern. Der 59-jährige Petrovic findet eine "Frittata" am besten, ein Omelett. Und Ivan Casali, ein mächtiger, muskelbepackter Zeitgenosse, der wegen eines Raubüberfalls sitzt, sagt, er habe schon drei Eier gegessen - roh. Er reibt sich den Bauch.

Die Insassen werden geschult, dass sie eines Tages selbst eine Wachtelfarm betreiben können. Eine Marktlücke. Denn neben der Fattoria gibt es nur noch einen weiteren Züchter in der Region. Ivan schwärmt. Er werde es in zwei Jahren versuchen, sobald er seine Strafe abgesessen hat. Er liebe es, wenn die Vögel über seinen Arm laufen und Körner aus der Hand picken. In Freiheit wird er zu den wenigen Experten Italiens für Wachtelzucht zählen.

Wachteleier aus dem Knast

Die Fattoria inmitten der Betonmauern ist eine kleine Idylle. Um die zimmergroße Hütte mit den Wachteln stehen Beerensträucher, einige Gemüsegärten und zwei Gewächshäuser. Die Sträflinge züchten Tomaten, Kräuter, Peperoni, Auberginen und Zucchini. Ein beeindruckender Gemüsegarten. Noch kochen sie selbst mit ihrer Ernte. Doch auch die Gartenfrüchte sollen wie die Wachteleier bald schon außerhalb der Gefängnismauern verkauft werden. Unter anderem eine exklusive, schwarze Tomatensorte. Bald schon soll eine Ape, ein kleines motorbetriebenes Dreirad, das Gemüse ausfahren.

Giacinto Siciliano ist Gefängnisdirektor. In seinem Büro hängen viele Auszeichnungen, die er in seiner Laufbahn erhielt. Und die ihn qualifizierten, Italiens härtesten Knast zu leiten. "Wir stellen keine Produkte her, die nur deswegen gekauft werden, weil sie im Gefängnis hergestellt wurden", sagt er. "Wir stellen Produkte von Topqualität her, die dann noch den Charme haben, dass sie aus dem Gefängnis stammen."

Die Spitzenqualität bescheinigen auch Mailands beste Köche. Andrea Provenzani etwa, ein junger Mann, der das Restaurant Liberty betreibt. Er serviert seinen Gästen Wachteleier aus dem Knast. "Die haben einen für Italiener ungewohnten Geschmack", sagt er. Doch wer sie gekostet habe, komme nicht mehr los. Allerdings sei das Rezept natürlich wichtig, betont er, und gibt einen Tipp: Seine Stammkunden lieben Wachteleier vor allem als Spiegeleier auf Toast mit einer Grießsoße.

FTD

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