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9/11-Überlebende Marcy Borders: Am Ende verlor die Staubfrau den langen Kampf

Sucht und Depressionen: Lange litt die "Staubfrau" von 9/11, Marcy Borders, an den Folgen der Katastrophe, die sie überlebte. Sie starb in dem Moment, als sie die langen Schatten überwunden zu haben schien.

Marcy Borders, die Staubfrau von 9/11.

Dieses Bild machte Marcy Borders zur Staubfrau.

Für einen Moment schien Marcy glücklich. Es war an Silvester, mehr als fünf Jahre nach den Anschlägen auf das World Trade Center in New York. Sie feierte ihre Hochzeit mit Donald, einem ruhigen Kerl aus ihrer Nachbarschaft, der ihrem Leben Stabilität geben sollte. Seit dem 11. September war sie nur noch "die Staubfrau" gewesen. Sie wollte endlich wieder Marcy sein.

Meine Frau und ich waren die einzigen Weißen unter den Gästen in jener Nacht. Wir hatten sie als Journalisten nach dem Anschlag begleitet. Die Hochzeit fand in einem Gemeindezentrum ihres Heimatorts Bayonne statt, einer Arbeitergegend New Jerseys, in Sichtweite von Lower Manhattan. Es gab kreolisches Essen, Reis und Süßkartoffeln und viel Hühnchen. Marcy stellte uns allen ihren Gästen vor. Ihrer Mutter, die sie unterstützt hatte in den Jahren der Depressionen und Sucht. Den Freunden, viele aus der Kindheit, die trotz der hohen Arbeitslosigkeit in Bayonne geblieben waren. Nur ihre damals 12-jährige Tochter Noelle war nicht da. Marcy hatte das Sorgerecht verloren und wollte nie, dass sie ihre Mutter "als Schnapsleiche" sieht.

Die Bilder quälten sie lange

Marcy war aufgekratzt in jener Hochzeitsnacht, sie trug ein weißes Kleid und die Haare hochgesteckt. Sie sprach von einer Zukunft ohne Alkohol und Crack, sie wollte raus aus ihrer muffigen Sozialwohnung am Broadway in Bayonne, in der wir sie besucht hatten. Vor allem sprach sie von einer Zukunft ohne 9/11. Jahre lang hatten sie die Bilder gequält, die Leichen um sie herum, der einstürzende North Tower, dem sie aus dem 81. Stock entkommen war, vor allem ihr eigenes, inzwischen ikonisches Bild: eine schlanke Frau in hohen Stiefeln, bedeckt vom Trümmerstaub, ihr Blick eine Mischung aus Entsetzen und Todesangst.

Der 11. September blieb ihr letzter Arbeitstag in der Rechtsabteilung der Bank of America. Sie hatte ein Angebot bekommen, andernorts für die Bank zu arbeiten, es aber nicht mehr angenommen. Stattdessen hatte sie sich immer mehr zurückgezogen, aus Angst vor Terroristen und Flugzeugen und die Tage mit Bier und Crack verbracht. Manchmal wies sie uns an ihrer Wohnungstür ab. Es sei nicht der richtiges Zeitpunkt, sagte sie. Wir wussten, was das bedeutete.

Nach Mitternacht erst ging die Hochzeitsparty richtig los. Gespräche kreisten um Marcys Kindheit und ihre ansteckende Fröhlichkeit. Sie kam immer wieder vorbei und umarmte uns innig. Vielleicht, so dachten wir, waren wir, die Reporter aus dem fernen Deutschland, ihre Verbindung zu einer ganz anderen Außenwelt. Vielleicht auch nur gute Gesprächspartner. Therapien hatte sie stets abgelehnt.

Die Sucht beherrscht sie

Irgendwann zog Donald den Ring mit dem Brillanten aus der Jackettasche, er steckte in ihr vor der versammelten Hochzeitsgesellschaft auf den Finger, und sie zitterte vor Glück. Sie warf sich an seine Brust. Es war kein andächtiger Moment, sondern ein Ausbruch hemmungsloser Freude. Es war der Moment, als wir dachten: Jetzt hat sie es geschafft.

Später in der Nacht stand sie an der Bar. Sie bat Donald, ihr etwas Geld zu geben, um sich einen Drink zu kaufen. Sie wirkte plötzlich nicht mehr so glücklich, sondern benommen. Als wir gingen, schon in den Morgenstunden des neuen Jahres, und zurückfuhren nach Brooklyn, ahnten wir, dass das Ende dieses jahrelangen Leidens so leicht nicht kommt.

Marcy Borders

Marcy Borders verlor den Kampf mit dem Krebs.

Es kam tatsächlich nicht. Für Marcy folgten weitere Jahre der Sucht. Sie gebar ihren Sohn, Zay-den,  aber irgendwann nahm Donald ihn an sich und entzog ihr das Sorgerecht. Marcy schickte uns ein Geschenk, ein Foto von der Hochzeit, in einem schweren Bilderrahmen, es wirkte wie ein Flehen um eine heile Welt. Doch immer wieder zog es sie zurück in ihr abgedunkeltes Zimmer, wo 9/11 sie nicht erreichen sollte. Allerdings hing dort im Schrank immer noch ihr staubbedecktes Kleid. Sie hatte es nie entsorgt.

Diagnose Magenkrebs

2011 endlich ging sie in eine Entzugsklinik und zum ersten Mal, zehn Jahre nach den Anschlägen, hatte sie eine wirkliche Aussicht auf Erfolg. Sie bekam einen Job bei einem Lokalpolitiker, sie schaffte auch die Versöhnung mit ihrem unendlich geduldigen Ehemann Donald. Doch dann, im August vor einem Jahr, erhielt sie die niederschmetternde Diagnose: Magenkrebs.

Sie machte den Giftstaub des 11. Septembers für den Krebs verantwortlich genau so wie 4000 andere Ersthelfer, die laut dem Center for Disease Control in Folge der Anschläge an Krebs erkrankt sind oder schon daran starben.

Die Prognose des Arztes war zunächst gut. Der Krebs hatte sich im Körper nicht verbreitet. Sie machte sich an die Wahlkampagne des Bürgermeisterkandidaten, sie kümmerte sich um ihren Sohn, sie nahm die Chemotherapie an und zeigte sich ohne Haare, eine schöne schlanke Frau Anfang vierzig.

Marcy schaffte es nicht. Sie starb in dem Moment, als sie die langen Schatten von 9/11 überwunden zu haben schien.

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