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Margot Käßmann: Ein Jahr nach dem Rücktritt

Ein Jahr nach dem Rücktritt von EKD-Chefin Margot Käßmann scheint die evangelische Kirche ihre Linie nicht verloren zu haben. Mit Nikolaus Schneider scheint ein kompetenter Steuermann auf die beliebste "Frontfrau" gefolgt zu sein.

Ausgerechnet Margot Käßmann. Für die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) kam die Trunkenheitsfahrt der beliebten Bischöfin einem Erdbeben gleich. Mit dem schnellen Rücktritt von allen Führungsämtern betrieb die Spitzenrepräsentantin der evangelischen Kirche vor einem Jahr nicht nur Schadensbegrenzung.

Sie machte reinen Tisch und gewann rasch ihre beschädigte Glaubwürdigkeit zurück. Seit gut 100 Tagen steht nun Käßmanns Stellvertreter, der rheinische Präses Nikolaus Schneider, als neugewählter EKD-Chef an der Spitze von rund 25 Millionen Protestanten in Deutschland. Er macht weniger Wirbel als Käßmann, erhebt aber ebenso engagiert die Stimme in politischen und sozialen Fragen. Die Kirche hat mit ihm nicht an Gewicht eingebüßt.

Unermüdlich kämpfte Käßmann (52) für die Sache der Kirche, stets aber stand die "Frechfromme" auch als Person im Fokus. Ihre Karriere als Frau bis hin zur ersten weiblichen Ratsvorsitzenden war auch in der evangelischen Kirche ohne Beispiel. Mit ihrer sympathischen Art überzeugte sie auch kirchenferne Menschen und verschaffte sich Gehör bei der Politik. So sehr wurde sie zum Aushängeschild der Kirche, dass ihr persönlicher Fehltritt auch ihre Arbeit traf. "Ich kann nicht mit der notwendigen Würde im Amt bleiben", sagte sie bei ihrem Rücktritt nach der 1,54-Promille-Fahrt vor einem Jahr.

Schnell rappelte Käßmann sich wieder auf: Nach einer Auszeit in den USA arbeitet sie in diesem Jahr als Gastprofessorin an der Uni Bochum, vom Bischofssitz Hannover zog sie nach Berlin um. Trotz der Alkoholfahrt ist Käßmann als Buchautorin erfolgreich, ihr Ratgeberbuch "In der Mitte des Lebens" rangiert schon seit letztem Jahr auf der Bestsellerliste. Die Landeskirche, die sie weiterhin regulär als Pastorin führt, schaut noch, wo die profilierte Theologin künftig zum Einsatz kommen kann. Und auch Nachfolger Schneider behält Käßmann im Blick: "Wir freuen uns, wenn sie eine wichtige Stimme der Kirche bleibt."

Schneider (63) selbst mauserte sich rasch vom Vertreter in der zweiten Reihe zu einem besonnenen Steuermann mit politischem Profil. Er brachte die EKD schnell wieder auf Kurs und bewies gleich nach seiner Wahl zum Ratsvorsitzenden Anfang November, dass er nicht weniger Biss als Käßmann hat. Bei der Kritik am Afghanistan-Einsatz, die Käßmann Schelte von der Politik einbrachte, machte Schneider keine Abstriche. Anfang des Monats besuchte der Ratsvorsitzende selber Soldaten und Hilfsprojekte am Hindukusch und zog am Ende eine differenzierte Bilanz zur weiteren Präsenz der Soldaten.

Mehr Debatte und Meinungsvielfalt statt einer einzigen Führungsstimme - damit hat Schneider sich bereits von Käßmann und ihrem Vorgänger Wolfgang Huber abgesetzt. Bei den von der evangelischen Kirche bislang abgelehnten Embryonentests etwa plädierte er für eine ethische Neubewertung, am Ende verabschiedete die Kirche vor einigen Tagen dann eine Stellungnahme zur Präimplantationsdiagnostik (PID), die neben vielen Gründen für ein Festhalten an dem Verbot auch Argumenten für eng gefasste Ausnahmen Raum bot.

Was die Zukunft der Kirche angeht, steht Schneider vor der gleichen Herausforderung wie Käßmann: Immer weniger besuchte Gottesdienste, absehbar weiter schrumpfende Finanzen und eine in weiten Teilen stärker säkulare Gesellschaft - die christliche Kirche in Deutschland befindet sich weiterhin in der Krise. "Entscheidend für uns wird es sein, ob es uns gelingt, so von Gott zu reden, dass die Menschen uns verstehen, dass es einladend ist", sagte Schneider nach seiner Wahl.

Zum Nachfolger von Käßmann im Bischofsamt in Hannover wurde Ende November der Berliner Generalsuperintendent Ralf Meister gewählt, er tritt seinen Posten in einem Monat an. Meister ist wie Käßmann ein medienerfahrener Theologe, der die Kirche in der Öffentlichkeit zu vertreten weiß. Sechs Jahre lang war er seit 2004 einer der "Wort zum Sonntag"-Sprecher in der ARD. Allerdings kündigte er bereits an, anders als Käßmann zu gewichten: "Ich will die theologischen Fragen voranstellen, ehe gesellschaftliche Aussagen kommen", erklärte er.

Michael Evers, DPA / DPA