HOME

Margot Käßmann: Reformerin mit Charme

Nun ist die Zeit auch in der Kirche reif: Mit der Wahl von Margot Käßmann rückt erstmals eine Frau an die Spitze der Evangelischen Kirche in Deutschland. Die Bischöfin aus Hannover ist nun die höchste Repräsentantin der knapp 25 Millionen evangelischen Christen. Für die Kirche ist der Antritt der geschiedenen Mutter eine kleine Revolution.

Die Wahl von Margot Käßmann zur EKD-Ratsvorsitzenden ist auch eine nüchterne Sachentscheidung: Ohne einen ähnlich profilierten Mitbewerber fiel die Entscheidung bei der Jahrestagung der Protestanten am Mittwoch in Ulm klar auf die 51-Jährige. Mit Charme und Nachdruck vertritt sie die Anliegen der Kirche in der Öffentlichkeit - für die kommenden sechs Jahre nun auch als oberste EKD-Vertreterin.

Vorwürfe, sie sei eine "Quotenfrau" oder als berufstätige Mutter mit ihren Ämtern überlastet, hat Käßmann schon lange abgeschüttelt. Vielmehr hat sie sich in den zehn Jahren an der Spitze von Deutschlands größter evangelischer Landeskirche als erfolgreiche Geistliche und Führungsperson erwiesen. Sie kann der Kirche nicht nur in der Gesellschaft Gehör verschaffen, mit sympathischer Art erobert sie auch die Herzen vieler Menschen - und darauf ist die schrumpfende Kirche angewiesen.

Kirche in der Krise

Als Person verbirgt sich Käßmann nicht hinter ihrem Amt. Auch schwere Krisen wie eine Krebserkrankung und ihre Ehescheidung versteckte sie nicht. Sie wolle ehrlich und wahrhaftig sein, meinte sie. Eine Illustrierte ernannte sie vor ein paar Jahren zur "Frau des Jahres 2006".

Die Wahl der populären Bischöfin zeugt vom Modernisierungswillen der evangelischen Kirche, aber auch von der Notwendigkeit einer starken Führungsperson: Die Kirche ist in der Krise - nicht nur, weil die Wirtschaftslage die Steuereinnahmen einbrechen lässt. Seit Jahren schrumpft die Zahl der Mitglieder und die Prognosen sagen weitere dramatische Rückgänge voraus.

"Sehnsucht nach Glauben wecken"

Um ein Abgleiten in die Bedeutungslosigkeit zu verhindern, hatte Käßmanns Vorgänger, der Berliner Bischof Wolfgang Huber, einen Reformkurs eingeleitet. Strukturen werden nun gestrafft, das protestantische Profil geschärft - der Erfolg aber ist ungewiss und Käßmann mehr als alle Vorgänger als Visionärin gefragt. "Wir müssen im Menschen Sehnsucht nach Glauben wecken", meinte sie. Die Sehnsucht sei da, die Menschen aber sähen den Glauben nicht, analysierte sie die Lage der Kirche.

Gegenüber der neuen Bundesregierung wird Käßmann den sozialpolitischen Kurs der Kirche verteidigen. Armut, insbesondere von Kindern, Miss-Stände bei der Pflege alter und kranker Menschen, Flüchtlingspolitik - all das sind Themen, zu denen Käßmann bereits klar Stellung bezogen hat. "Die soziale Frage liegt mir sehr am Herzen", sagte sie in Ulm. Ein Anliegen der Kirche wird außerdem die Stärkung des Religionsunterrichts sein, der nicht nur durch das alternative Schulfach Ethik in Berlin unter Druck gerät.

Für den Dialog mit der katholischen Kirche

Im Verhältnis zu den Katholiken strebt Käßmann mehr Gemeinsamkeiten an: "Bei aller Differenz und dem je eigenen Profil verbindet uns mehr als uns trennt." In einer säkularisierten Gesellschaft sei ein gemeinsames Auftreten von großem Gewicht, hatte sie betont. "Meine Erfahrung ist: Je stärker wir gemeinsam auftreten, desto eher werden wir gehört." Nach jüngsten Streitereien um ein kritisches Papier über die katholische Kirche aus dem EKD-Kirchenamt will Käßmann zu einem verbindlichen Dialog zurückkehren.

Kirchenintern verstand sie es, sich aus Grabenkämpfen der Protestanten herauszuhalten. Diese hatten zuletzt die Wahl des EKD-Rates in der Nacht zum Mittwoch zu einem 16-stündigen Abstimmungsmarathon mit einem zunächst unbesetzten Platz gemacht. Um der Kirche zu mehr Schlagkraft zu verhelfen, wird es Käßmanns Aufgabe sein, solche internen Spannung zu entschärfen.

Michael Evers, DPA / DPA
Themen in diesem Artikel