HOME

Nach Würzburg, München und Ansbach: Vom Gefühl, die Welt immer schlechter zu verstehen

Auch Marina Weisband, ehemaliger Piraten-Partei-Star, Netz-Expertin und Diplompsychologin, kämpft nach den tragischen Ereignissen der letzten Tage gegen die Angst. Und muss sich erklären. Das ist lesenswert.

Von Sophie Albers Ben Chamo

München, Ansbach und Marina Weisband

Marina Weisband über die Angst vor Terror und Amok: "Sie ist ganz natürlich, wir müssen sie für uns nur richtig einordnen und daraus keine Fehlschlüsse ableiten"

Angesichts von Amok und Terror sind viele Menschen in Deutschland wie im nervösen Fieber. Im Falle des Münchner Polizeisprechers hat der Versuch, sie zu beruhigen, geklappt. Die ehemalige Geschäftsführerin der Piraten-Partei und Netz-Publizistin hatte gerade weniger Glück. Sie dachte, gegen die Angst zu tweeten und wurde dafür harsch angegangen. Also hat sie sich erklärt. In einem lesenswerten Text darüber, was die Angst mit uns macht, und wie man mit ihr umgehen sollte.

 

Hätten Tweets mehr als 140 Zeichen und hätte sie nicht versucht, sich vom Chor der Stimmen abzuheben, schreibt Weisband auf ihrer Website, hätte sie möglicherweise das hier geschrieben: "Viele haben derzeit Angst. Auch ich habe Angst. Die Angst wird erzeugt aus dem Gefühl, die Welt jeden Tag ein wenig schlechter verstehen zu können. Aus dem Gefühl, dass die Einschläge näher kommen. Sie ist ganz natürlich, und wir müssen sie für uns nur richtig einordnen und daraus keine Fehlschlüsse ableiten, die zu Rassismus und Repression führen." 

Weisband: Überwachung und Abschottung bringen nichts

Wichtig sei die klare Trennung von der Emotion - der Angst - und der Handlung, die daraus abgeleitet werde, schreibt die Diplompsychologin weiter. Jeder habe das Recht auf seine Gefühle, aber "wenn man öffentliche Plätze meidet, Feiern absagt, sich in planlose Law-and-Order-Politik rettet und eigene Grundrechte beschneidet, dann ist man Gefangener in einem Zusammenspiel von islamistischen Terroristen, von Breivik inspirierten Amokläufern und Rechtspopulisten." Und werde damit zu deren Spielball.

Denn "Einsätze der Bundeswehr im Inneren" oder "flächendeckende Überwachung" seien "Dinge, die das Leben in diesem Land sehr stark und nachhaltig verändern können - ohne effektive Maßnahmen zum Schutz vor solcher Gewalt zu sein", schreibt weiter. Überwachung und Abschottung "mögen sich auf den ersten Blick manchen vielleicht aufdrängen. Aber es sind Forderungen, die unsere eigenen Rechte und Freiheiten beschneiden. Etwas, das das Leben in diesem Land für mich immer sehr lebenswert gemacht hat und das ich verlieren würde." Und genau das sei das Ziel von Terroristen. Es sei ein Irrglaube, dass es möglich sei, Terroristen mit den genannten Maßnahmen "das Leben schwer zu machen".

Um das zu verstehen, reiche der Blick in andere Länder, wo die Gewalt zum Alltag gehört: "Autoritär geführte Länder mit wenig Freiheitsrechten, starker Überwachung und Repression zeichnen sich nicht gerade durch ein geringeres Maß von Gewalt aus. Die Täter bleiben. Aber allen anderen geht es schlechter."

Die besser auffangen, die sich überholt fühlen

Als Gegenmittel schlägt Weisband "bessere psychotherapeutische Versorgung vor, "Aufklärung zum IS und zu Islamismus bei jungen Menschen" und immer wieder wieder - seit jeher Weisbands politische Agenda - "bessere Bildungschancen für alle". Sie wünscht sich eine "besonnene Außenpolitik, die keine repressiven Regime stützt und (Bürger-)Kriege zu verhindern sucht" und "sozialen Strukturen, die jene besser auffangen, die sich überholt fühlen".

Und sie versucht Vorbild zu sein, weist darauf hin, dass sie seit einigen Jahren schon in der politischen Bildung arbeitet: "Das ist mein Versuch, meinen kleinen produktiven Teil hinzuzufügen. Aber all das ist nun mal nicht zu tun, wenn ein Klima der Angst lähmt. Es ist ein entwicklungsverhinderndes Gefühl, wenn man sich ihm hingibt und sich gegenseitig darin hochschraubt, bis es zur Panik wird."

Ihr Tweet sei also ungenau gewesen, geht die Autorin mit sich ins Gericht. Anstatt "Empfindet keine Angst", hätte sie "Lasst euch nicht von ihr lähmen", schreiben müssen. "Schenkt die Zukunft nicht denen, die sie auslösen."

Bleibt zu hoffen, dass ihre Kritiker den langen Text auch lesen.