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Massenkarambolage auf der A19 Spurensuche nach dem Horrorcrash


Die Aufräumarbeiten nach der Massenkarambolage auf der A19 mit mindestens acht Toten dauert an. Unterdessen hat die Suche nach den Schuldigen begonnen.
Von Björn Erichsen

Es dauerte 20 Stunden, bis das letzte Wrack gelöscht war. Nun liegt die A19 da im schönsten Sonnenschein, es weht ein leichter Wind, keine Spur mehr von dem Sturm, der noch am Freitag Unmengen von Sand über die Fahrbahn blies. Die mehr als 200 Helfer von Feuerwehr und Technischen Hilfswerk haben die ausgebrannten Wagen inzwischen von der Straße gehievt. Doch die Fahrbahn, die 2007 eigens für den G8-Gipfel in Heiligendamm modernisiert worden war, zeigt deutliche Spuren vom Horror der letzten Stunden: Die Fahrspur in Richtung Rostock ist auf rund 100 Metern schwarz gefärbt, tiefe Löcher haben sich in den Beton gefressen. Hier und da kleben noch verbrannte Reifenreste auf der Straße, der Geruch von verbranntem Gummi hängt noch immer in der Luft.

Auch die Erinnerung an die schwerste Massenkarambolage, die Mecklenburg-Vorpommern je erlebt hat, wird noch länger haften bleiben: Am Freitagmittag, kurz vor 13 Uhr, kam es in Höhe Kavelstorf zu einem Horrorcrash, weil ein Sandsturm den Fahrern jede Sicht genommen hatte. Im Sekundentakt rasten 80 Autos ineinander, knapp 30 gingen in Flammen auf, auch ein Gefahrguttransporter brannte aus. Es entstand ein Schaden in Millionenhöhe. In dem Inferno wurden mehr als 130 Menschen verletzt, acht Fahrzeuginsassen fanden den Tod.

Opfer sind noch nicht identifiziert

Immerhin: Die Befürchtungen, dass über Nacht in den verbrannten Wracks weitere Tote gefunden werden, bewahrheiteten sich nicht. Nur zwei Unfallbeteiligte sollen sich noch in kritischem Zustand befinden. Die Toten und Verletzten sollen aus Sachsen, Thüringen, Sachsen-Anhalt, Berlin, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern stammen, teilte ein Sprecher des Innenministeriums in Schwerin teilte mit. Ausschließen, dass auch noch Menschen aus anderen Bundesländern in den Unfallwagen gesessen hätten, wollte er allerdings nicht - denn auch am Samstag sind die genauen Identitäten der Opfer noch nicht geklärt.

Schon am Freitag hatte die Suche nach den Schuldigen begonnen. "Es besteht der Verdacht der fahrlässigen Tötung und Körperverletzung", sagte eine Sprecherin der Rostocker Staatsanwaltschaft. Experten der Prüforganisation Dekra sollen klären, "ob Autofahrer angesichts der Sandwand zu schnell oder zu unvorsichtig gefahren sind". Bereits am Freitag sind Gutachter am Unfallort gewesen und hätten etwa fünf Autos beschlagnahmt, um die Abfolge des Unfalls zu klären.

Starke Wind-Erosion in Mecklenburg-Vorpommern

Auch der plötzliche Sandsturm auf der Autobahn wirft Fragen auf: "Durch die jahrelange Vernachlässigung der Bodenstruktur haben die Böden immer weniger Humusgehalt, sie degradieren", sagt Burkhard Roloff von der Naturschutzorganisation Bund und gibt damit der Agrarindustrie eine Mitschuld am Geschehen: "Eine wesentliche Rolle spielen auch die riesigen Felder. Die Knicks sind weg, das ist eine Altlast aus Ostzeiten." Die Wind-Erosion sei auf den großen Feldern in Mecklenburg-Vorpommern daher viel größer als beispielsweise in Schleswig-Holstein mit seinen vergleichsweise überschaubaren Ackergrößen.

Sicher ist zurzeit nur: Die Diskussion über Schuldige und auch den genauen Unfallhergang wird noch einige Zeit dauern, Tage, eher Wochen. Kann tatsächlich der Landwirt, der bei starkem Wind auf die Idee kam, sein Feld zu pflügen, für das Geschehen zur Verantwortung gezogen werden? Und welche Aussagekraft haben die Angaben der Unfallbeteiligten, die noch verletzt in den Krankenhäusern liegen und Schwierigkeiten haben mehr anzugeben, als das sie in "eine weiße Wand aus Sand" hinein gefahren sind?

Zunächst einmal haben nun die Arbeiter des Straßenbauamts und der Autobahnmeisterei das Heft in der Hand. Sie versuchen, im Laufe des Samstages die Fahrbahn Richtung Berlin wieder zu öffnen. Dann könnte der Verkehr dort jeweils einspurig an der Unfallstelle vorbeigeführt werden kann. Schwieriger wird es auf der Gegenseite, wo das Flammeninferno wütete. "Die Reparatur wird bestimmt mehrere Tage dauern", sagte ein Polizist, die zersetzte Betondecke könne nicht so einfach repariert werden. So oder so - der Horrorcrash auf der A19 wird in Mecklenburg-Vorpommern Spuren hinterlassen.

Mit Agenturen

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