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Massenpanik bei Loveparade: "Überall lagen Menschen herum"

Ein Tunnel wurde zur Todesfalle: Bei der Loveparade in Duisburg hat es am Geländezugang eine Massenpanik mit mindestens 19 Toten gegeben. Augenzeugen machen Polizei und Veranstaltern schwere Vorwürfe.

Sie wollten tanzen und feiern, aber sie starben im dichten Gedränge: Mindestens 18 Menschen sind am Samstag bei einer Massenpanik während der Loveparade in Duisburg zu Tode getreten oder gedrückt worden. 16 Raver starben am Unglücksort, drei weitere erlagen am späten Abend ihren Verletzungen im Krankenhaus. Rund 80 weitere Besucher des Musik- und Tanzfestivals wurden zum Teil schwer verletzt, als sich am späten Nachmittag in dem Nadelöhr vor dem Veranstaltungsgelände mehrere tausend Menschen nach Angaben eines Augenzeugen "wie in einem Hexenkessel stauten"

Unter dem Motto "The Art of Love" hatten ab 14 Uhr mehr als eine Million Technofans auf dem Musikfest gefeiert und getanzt, das erstmals auf einem abgeschlossenen alten Bahngelände stattfand. Am späten Nachmittag staute sich vor dem eingezäunten Gelände noch der Besucherstrom, doch andere Teilnehmer wollten bereits nach Hause. Der Tunnel war dabei ein Nadelöhr, in dem es rund um den Beginn der Abschlusskundgebung gegen 17 Uhr zu extremem Gedränge kam, das schließlich die Panik auslöste.

"So stelle ich mir Krieg vor"

In dem Tunnel spielten sich dramatische Szenen ab. "Überall lagen Menschen auf dem Boden herum. So stelle ich mir Krieg vor", sagte ein Augenzeuge dem Nachrichtensender n-tv. Rettungskräfte versuchten bewusstlose Verletzte zu reanimieren. Notfallseelsorger kümmerten sich um geschockte Menschen.

Mehr als eine halbe Stunde vor der Massenpanik hatten Augenzeugen nach eigenen Angaben die Polizei vor der Gefahr gewarnt. "Meine Freundin und ich haben schon kaum mehr Luft mehr bekommen und haben die Ellbogen ausgefahren, um noch wegzukommen", sagte der 21-jährige Raver Fabio. "Anschließend haben wir die Polizei alarmiert und gesagt, dass es im Tunnel gleich zur Massenpanik kommen wird." Passiert sei aber erst einmal nichts. "Das war etwa eine Dreiviertelstunde vor dem Unglück gewesen. Da waren aber schon Leute reihenweise zusammengeklappt."

Auch ein anderer Augenzeuge kritisierte, die Veranstalter seien vermutlich nicht richtig auf die Menschenmassen vorbereitet gewesen. "Das war programmiertes Chaos." Das Gelände sei wegen Überfüllung abgesperrt gewesen, und von hinten hätten durch den Tunnel die Massen gedrückt, sagte er: "Der Tunnel ließ keine Fluchträume zu."

Hauptbahnhof und A59 vorübergehend gesperrt

Trotz des tragischen Geschehens lief das Musikspektakel zunächst weiter, um eine mögliche weitere Panik zu verhindern. Die Notausgänge des Geländes wurden aber geöffnet. Die Polizei sperrte zwischenzeitlich den Hauptbahnhof, weil viele Menschen in Panik auf die Gleise in der Nähe des Loveparade-Geländes ausgewichen waren. Auch die A59 wurde für den Verkehr gesperrt, um die Rettungskräfte über die Autobahn zu leiten und Verletzte in Zelten zu versorgen. Die Polizei schaltete eine Telefonnummer, unter der sich Angehörige von Opfern informieren können: 0203/ 94 000.

Bundespräsident Wulff reagierte mit großer Bestürzung auf die Tragödie: "Eine solche Katastrophe, die während eines friedlichen Festes fröhlicher junger Menschen aus vielen Ländern Tod, Leid und Schmerz verursacht, ist furchtbar", sagte das Staatsoberhaupt. Er hoffe, dass den Angehörigen und allen Verletzten schnelle und wirksame Hilfe zuteil werde "und die Ursachen rückhaltlos aufgeklärt werden". Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel zeigte sich "entsetzt" und "traurig". "In diesen schweren Stunden bin ich in Gedanken bei den Angehörigen der Opfer. Ihnen gelten meine Anteilnahme und meine Trauer", ließ Merkel über ihren Sprecher Ulrich Wilhelm erklären. "Zum Feiern waren die jungen Menschen gekommen, stattdessen gibt es Tote und Verletzte." Außenminister Guido Westerwelle und Nordrhein-Westfalens Ministerpräsidentin Hannelore Kraft äußerten sich ebenfalls tief betroffen.

Dr. Motte macht Veranstaltern schwere Vorwürfe

Der Erfinder der Loveparade, Dr. Motte, gab den Veranstaltern der Technoparade die Schuld für die Katastrophe. "Die haben einen krassen Management-Fehler begangen. Wie kann man denn Menschen nur durch einen einzigen Zugang auf das Gelände lassen. Das ist ein Skandal", sagte der DJ dem "Berliner Kurier". "Die haben doch gewusst, dass es voll wird. Was also haben Zäune und Security da zu suchen? Bei nur einem Zugang." Die Katastrophe sei "einfach schrecklich", sagte der Techno-Guru. "Mein Mitgefühl gilt den Familien der Toten und den Verletzten."

Die Loveparade unter dem Motto "The Art Of Love" gilt als eine der wichtigsten und größten Veranstaltungen zur "Ruhr.2010" im Kulturhauptstadtjahr. Dr. Motte hatte die Liebesparade 1989 gegründet. Weil sie seiner Ansicht nach zur "Dauerwerbesendung" verkam, zog sich der Berliner aber 2006 aus dem Organisationsteam zurück. 2007 zog die Parade ins Ruhrgebiet. 2009 hatte die Stadt Bochum kein geeignetes Arreal gefunden. In Duisburg fand sie erstmals auf einem abgeschlossenen alten Bahngelände mit nur 15 Wagen, den sogenannten Floats, statt. Im Sommer 2011 soll die Loveparade in Gelsenkirchen Station machen.

mad/DPA / DPA