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Massentierhaltung: Wieder Vorwürfe gegen Schweinezüchter – Der Saustall von Gut Thiemendorf in Thüringen

Seit Jahren gibt es bei einem Schweinezüchter in Thüringen gravierende Missstände. Die Staatsanwaltschaft ermittelt. Fotos zeigen: Der Betrieb macht einfach so weiter.

Massentierhaltung auf Gut Thiemendorf in Thüringen: Schwere Vorwürfe

Massentierhaltung: Rund 9000 Sauen werden in der Zuchtanlage Gut Thiemendorf gehalten. Aktuelle Aufnahmen, die Greenpeace zugespielt wurden, zeigen: Teilweise sind die Kastenstände so eng, dass sich die Tiere darin nicht ausstrecken können

Glaubt man der Werbung, so herrscht auf Gut Thiemendorf ein bäuerliches Idyll. Seit 30 Jahren stelle der Betrieb "Produkte im Einklang zwischen Mensch und Natur" her. Fotos zeigen Schweine im Stroh; Frauen halten niedliche Ferkel im Arm.

Schöne Bilder.

Die Wirklichkeit sieht anders aus. Immer wieder haben Tierschützer auf dem Betrieb im thüringischen Saale-Holzland-Kreis Verstöße gegen den Tierschutz dokumentiert. Mal ging es um mangelnde Hygiene, mal um unsachgemäßes Töten von kranken oder schwachen Ferkeln – sie wurden einfach auf den Boden geschleudert. Seit 2013 ermittelt die Staatsanwaltschaft Gera wegen Verstößen gegen Tierschutzgesetze. Zuletzt stellte Greenpeace wegen unzulässiger Haltungsbedingungen Strafanzeige.

Massentierhaltung: Enge Boxenhaltung spart Platz und Personal

Behoben wurden alle Mängel bis heute nicht. Dem stern liegen aktuelle Foto- und Videoaufnahmen aus den Ställen von Gut Thiemendorf vor, die Greenpeace zugespielt wurden. Die Bilder stammen vom April 2018. Sie belegen, dass Sauen in viel zu engen Gitterverschlägen gehalten werden, sodass die Tiere sich nicht ausgestreckt hinlegen können. Das ist ein Verstoß gegen den Tierschutz. Zudem wurden einige Ferkel bei der heimlichen Inspektion tot aufgefunden, die Kadaver anscheinend zu lange liegen gelassen. Hässliche Bilder.

Gut Thiemendorf ist mit rund 9000 Sauen einer der großen Ferkelzuchtbetriebe in Deutschland. Das Unternehmen befindet sich in dänischer Hand und ist in Ostdeutschland an fünf Standorten aktiv. Im Schnitt produziert der Betrieb jährlich 29 Ferkel pro Sau – macht mehr als 260.000 Tiere im Jahr. Die Ferkel werden einige Wochen lang aufgezogen und dann an Mäster sowie die Fleischindustrie verkauft.

Vom stern befragt, weist das Unternehmen die Vorwürfe, gegen Tierschutz zu verstoßen, zurück. Dem Betrieb liege "viel an einer artgerechten Haltung". Die Kastenstände habe man im vergangenen Jahr "im Einvernehmen mit dem zuständigen Veterinäramt hinsichtlich ihrer Größe angepasst". Die aktuellen Aufnahmen kommentierte die Geschäftsleitung nicht, diese lägen ihr nicht vor.

Der Fall steht exemplarisch für Probleme mit der industriellen Schweinezucht. Konsumenten ist es nicht mehr gleichgültig, unter welchen Zucht- und Schlachtbedingungen Fleisch produziert wird. Agrarpolitiker arbeiten an einem "Tierwohl"-Label, das Verbrauchern die Entscheidung zwischen Billigproduktion und verbesserter Tierhaltung erleichtern soll.

Für die Tiere hat sich bisher allerdings wenig geändert: In der konventionellen Landwirtschaft werden Zuchtsauen nach wie vor zur Besamung sowie später in den sogenannten Abferkelbuchten wochenlang in Gitterständen gehalten. Die Fixierung wird mit dem Schutz der Ferkel erklärt, die von den Muttertieren sonst erdrückt werden könnten. Vor allem aber zählen ökonomische Gründe: Die Zuchtbetriebe sparen bei enger Boxenhaltung Platz und Personal.

Tierschutz ist Staatsziel und im Grundgesetz verankert. Warum Verstöße bei Betrieben wie Gut Thiemendorf zwar immer wieder Schlagzeilen machen, aber trotzdem nicht komplett abgestellt werden, hat mehrere Gründe. Zum einen kontrollieren die amtlichen Veterinäre die Unternehmen allenfalls stichprobenartig. "Würde ich jedes Tier genau untersuchen, brauchte ich für Gut Thiemendorf zwölf Arbeitstage", erklärte der frühere Amtsleiter. Zum anderen verstricken Massenzuchtbetriebe die Verwaltungen regelmäßig in rechtliche Scharmützel und verzögern Korrekturen.

Eine Box ist 60 bis 90 Zentimeter breit

Daran trägt auch die Politik Schuld, die es bislang versäumte, die Haltungsbedingungen klar zu definieren. So fordert die Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung lediglich, dass Schweine "ungehindert aufstehen, sich hinlegen sowie den Kopf und in Seitenlage die Gliedmaßen ausstrecken" können. Eine vage Formulierung. Manch Viehzüchter findet, dem sei schon Genüge getan, wenn die Tiere nur auf einer Seite liegen können und ihre Gliedmaßen dabei in die Nachbarbox ausstrecken. Selbst nach einem wegweisenden Urteil des Oberverwaltungsgerichts Magdeburg von 2015, das diese enge Kastenhaltung verbietet, blockte Gut Thiemendorf ab: Das Urteil sei nicht bundesweit und "insbesondere nicht in Thüringen" gültig, heißt es dort.

Diese Woche trafen sich die Agrarminister von Bund und Ländern mal wieder, um über die Zukunft der Landwirtschaft zu beraten. Unter "TOP 32" stand auch ein Vorschlag zur Regelung der Kastenstände auf der Tagesordnung. Die Idee klingt gut: Die Tiere sollen in der Regel in Gruppen und nur noch für kurze Phasen in Kastenständen gehalten werden dürfen. Die Breite der Boxen ist, je nach Größe der Tiere, mit 60 bis 90 Zentimetern festgeschrieben.

Doch die Revolution im Schweinestall wird auch die Neuregelung so bald nicht bringen. Erst in 15 Jahren, so der Plan, sollen die Ställe umgebaut sein.

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