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15 Jahre von Vater gefangen gehalten: "Tiere haben meinen Verstand gerettet"

Ihr Vater hielt sie jahrelang gefangen und wollte aus Maude Julien ein besonderes Geschöpf formen. Erinnerungen an einen Kampf ums Überleben.

Von Andrea Ritter

15 Jahre lang hielt ihr eigener Vater sie gefangen. Heute hat Maude Julien, 57, zwei Töchter und lebt mit ihrem Ehemann´in Paris. Seit 1994 arbeitet sie als Psychotherapeutin.

15 Jahre lang hielt ihr eigener Vater sie gefangen. Heute hat Maude Julien, 57, zwei Töchter und lebt mit ihrem Ehemann´in Paris. Seit 1994 arbeitet sie als Psychotherapeutin.

Maude Julien war drei Jahre alt, als ihr Vater die Türen abschloss und anfing, seinen Plan zu verwirklichen. Isoliert von der Außenwelt, versteckt hinter den Mauern und Gitterzäunen eines abgelegenen Herrenhauses im Norden Frankreichs, sollte seine Tochter zu einem ganz besonderen Geschöpf heranwachsen: zu einer Art Übermensch, abgehärtet und vollständig seiner Kontrolle unterworfen.

Louis Didier, so der Name des Mannes, war Anhänger der Freimaurer und praktizierte okkulte Riten. Schon früh hatte er im Sinn gehabt, sich fortzupflanzen, um ein "höheres Wesen" zu erschaffen. Dazu hatte er ein kleines Mädchen aus armen Verhältnissen bei sich aufgenommen, das er zur Lehrerin ausbilden ließ – und schwängerte. Nach mehr als 15 Jahren Gefangenschaft konnte die gemeinsame Tochter, Maude, das Haus verlassen; kurz darauf starb der Vater. Maude Julien ist heute eine renommierte Therapeutin für Traumapatienten und Opfer von Sektengewalt.

Madame Julien, Ihr Vater hat Sie und Ihre Mutter jahrzehntelang eingesperrt. Sie durften nicht in den Kindergarten, nicht in die Schule. Stattdessen wurden Sie zu Hause unterrichtet: Sie sollten lernen, mit der Kraft Ihrer Gedanken Gabeln zu verbiegen. Sie mussten nachts in eiskaltem Wasser schwimmen. Mit acht Jahren lasen Sie Nietzsche und Marquis de Sade. War Ihr Vater verrückt?

Maude Julien: Nun, ich würde sagen, er hatte starke pathologische Züge. Größenwahn, Paranoia, Allmachtsfantasien. Bereits mit 18 Jahren wollte er ein Schloss kaufen. Er hat also schon in jungen Jahren versucht, sich seine eigene Welt aufzubauen. Ich habe Esoterikbücher gefunden, in denen von ihm die Rede ist, von Bruder Louis Didier und seinen Unterweisungen: Er glaubte an Lichtwesen, an die Kraft von Energien und an Wiedergeburt. Sich selbst hielt er für eine Reinkarnation des Königs Hiram von Tyrus.

Wer ist das?

Ein König und Baumeister, eine zentrale Figur bei den Freimaurern. Mein Vater hatte in der Loge eine privilegierte Position. Aber er hätte auch Katholik sein können, dann hätte er da etwas für sich gefunden. Er frequentierte verschiedene Zirkel, Geheimbünde, Ritterorden. Nach und nach hat er sich in seinen Überzeugungen verhärtet. Er war wohlhabend, darum musste er nur wenig arbeiten und konnte sich ganz seinem Projekt widmen: meiner Erziehung.

In ihrer Praxis im 15. Pariser Arrondissement behandelt Maude Julien Menschen, die durch die emotionale Manipulation eines anderen gefangen sind. Oft kommen die Patienten heimlich zu ihr – ein erster Schritt der Rebellion.

In ihrer Praxis im 15. Pariser Arrondissement behandelt Maude Julien Menschen, die durch die emotionale Manipulation eines anderen gefangen sind. Oft kommen die Patienten heimlich zu ihr – ein erster Schritt der Rebellion.

Auch Ihre Mutter musste seine seltsamen Übungen absolvieren: stundenlang still auf einem Stuhl sitzen, Schmerzen ertragen …

Von außen betrachtet klingt das bizarr. Aber wir lebten isoliert in unserer Welt. Meine Mutter war damit aufgewachsen und ich auch, für uns war das völlig normal. Ich musste schon als Zehnjährige regelmäßig Whiskey und Ricard trinken. Ich durfte mich nicht übergeben. Mein Vater hatte eine Linie auf den Boden gemalt, die musste ich anschließend entlanglaufen. So sollte ich lernen, unter Drogen die Kontrolle über meinen Körper zu behalten. Wir hatten ein Shetlandpony, Salto. Das musste auch Alkohol trinken.

Wie bitte? Wozu das?

Mein Vater war davon überzeugt, jedes Lebewesen seiner Willenskraft unterwerfen zu können. Das Pony musste Alkohol trinken und dieselben Sachen essen wie wir. Omelett und Spaghetti mit Tomatensauce. Eines Tages hat mein Vater es nur noch mit Pferdefleisch gefüttert. Er hat das Pony zu einem Kannibalen gemacht.

Er war ein Sadist.

Ja und nein. In seiner Logik war das stimmig. Er wollte mir zeigen, wie mächtig sein Wille ist. Allerdings hat er es manchmal übertrieben. Er stand dann auf dem Rasen und sagte zum Gras: "Wachs hier!" Aber die Halme verhielten sich nicht immer so, wie mein Vater es wollte. Es gab eine Distel, die durch den Zement wucherte, wo mein Vater sie partout nicht wollte. Er hat sie rausgerissen, aber sie ist immer wiedergekommen. Ich habe diese Distel so bewundert! Ich habe davon geträumt, wie sie zu sein. Einfach irgendwo wachsen.

Ein rebellisches Gewächs.

Ja, die Distel war ein Wesen außerhalb seiner Macht. Das fand ich toll.

Wozu sollte dieses ganze Training gut sein?

Es sollte mich auf den Kampf vorbereiten, genauer wurde das nicht spezifiziert. Am schlimmsten war die Übung "Über den Tod meditieren". Dazu musste ich in den Keller. Der war feucht, es roch nach Salpeter. Und es gab Ratten. Ich musste starr auf einem Hocker sitzen und beide Füße auf dem Boden lassen. Die Ratten liefen überall rum. Das ging stundenlang.

Wie haben Sie das bloß ertragen?

Ich habe mit imaginären Freunden geredet und mit Romanfiguren. Literatur gehörte glücklicherweise auch zum Erziehungsplan.

Wie sah Ihr Vater aus?

Imposant. Er war ein Riese. Ich hatte große Angst vor ihm. Zum Glück. Denn die Angst hat verhindert, dass ich in seine Welt eingetreten bin. Sie war einfach zu gruselig. Mein Vater hat immer gesagt, ich sei naiv, albern. Und genau diese naive, verspielte Seite hat mich gerettet: Ich habe mich für Tiere interessiert, für kleine Dinge. Für Lebewesen. Wir hatten sehr menschliche Haustiere: ein Pony, das vor Kummer wütend wurde. Einen Hund, der sich um eine Ente kümmerte. Die Tiere haben mir emotionales Verhalten gezeigt – die Welt der Gefühle, die nach der Lehre meines Vaters abgetötet werden sollte.

Ihre Eltern haben Sie nie in den Arm genommen.

Sie haben mich überhaupt nicht berührt. Körperlicher Kontakt war verboten. Wenn ich heute nicht völlig gestört bin, dann liegt es daran, dass ich für soziale Interaktion so wichtige Hormone wie Oxytocin durch das Streicheln unserer Tiere ausbilden konnte. Die Tiere haben meinen Verstand gerettet.

Haben Ihre Eltern Sie geschlagen?

Nein. Ich habe allerdings Narben, von denen bis heute niemand weiß, woher sie kommen. Ich habe die Leber einer Alkoholikerin – Ärzte betrachten es als medizinisches Wunder, dass ich nicht abhängig bin. Eine andere Kuriosität ist, dass ich schwer zu narkotisieren bin. Betäubungsmittel lösen bei mir sofort den antrainierten Selbstbeherrschungsreflex aus.

Sie haben auch Narben von den Schnittwunden, die Sie sich selbst zugefügt haben.

Ja, ich habe mich als Kind oft gebissen oder geschnitten. Das waren aber keine masochistischen Attacken, sondern winzige Erlebnisse von Autonomie: Es tut weh, aber ich kann selber bestimmen, wie lange es wehtut und wie doll. Ich bin der Befehlsgeber über die Emotion. Ich habe die Fernbedienung.

Die Fernbedienung?

So nenne ich das heute. Wenn ich im Keller saß und Angst hatte, war das ja ein Gefühl, das mein Vater ausgelöst hatte. Über den Schmerz mit dem Messer konnte ich selber bestimmen. Ich wusste: Wenn ich will, dass das aufhört, kann ich machen, dass das aufhört.

Und so haben Sie gelernt, gegen das System Ihres Vaters zu rebellieren?

Ich bin ja mit dem Gefühl aufgewachsen, dass mein Vater alles weiß. Auch was in meinem Kopf vor sich geht. Dass ich nur existiere, weil er es zulässt. Mir Schmerzen zuzufügen war mir verboten, also habe ich ihn angelogen. Habe gesagt, das sei aus Versehen passiert. Ich habe Zettel versteckt, was auch verboten war. Und ich merkte: Er durchschaut die Lügen nicht. Er weiß gar nicht alles. Es gibt Bereiche, in denen nur ich existiere, ohne ihn. So habe ich ein Gefühl für mein Selbst entwickelt. In minikleinen Schritten. Psychologische Wasserdichtheit nenne ich das.

Warum hat Ihre Mutter all die Quälereien zugelassen und auch noch mitgemacht?

Sie war sein erstes Opfer. Sie glaubte wirklich, dass er ein höheres Wesen sei. Dieser Logik folgend war sie auch gar keine "Mutter", sondern nur das Werkzeug zur Vervollständigung seines Plans. Die Hülle für sein Projekt, wie er sagte. Sie hatte Angst, unnütz zu sein, nachdem sie seinen Plan erfüllt hatte. Wir standen in Konkurrenz zueinander. Und gleichzeitig hat sie ihn gehasst. Das konnte ich spüren.

So sehen Sie es heute.

Nach jahrelanger therapeutischer Arbeit, ja.

Wie haben Sie es damals empfunden?

Ich war immer allein. Abseits, am Rand. Meine Mutter hat mich oft zur Strafe links liegen lassen. Und mir außerdem unermüdlich gesagt, dass ich verrückt sei.

Verrückt?

Ja, und bösartig, weil ich die Mühe meiner Eltern nicht zu schätzen wisse. Ich habe das geglaubt. Habe gedacht, dass mit mir was nicht stimmt. Ausgegrenzt zu werden, nicht dazuzugehören, das ist die Hölle. Es ist fast 40 Jahre her, dass ich dieses Haus verlassen habe. Und noch immer fühle ich mich oft im Abseits.

Inwiefern?

Ich teile mit den Leuten meines Alters keine Erlebnisse. Ich erinnere mich nicht an die ersten Menschen auf dem Mond oder andere zeitgeschichtliche Ereignisse. Auf jeder Party gibt es den Moment, an dem ich allein zurückbleibe. Das ist ein besonderes Einsamkeitsgefühl, das auch viele meiner Patienten erleben.

Ihre Erklärung aus psychologischer Sicht – warum ist Ihre Mutter bei einem solchen Mann geblieben?

Sie kam mit sechs Jahren zu ihm. Sie hatte niemanden, sie war völlig abhängig. Mein Vater hat sie extrem abgeschirmt. Isolation und Kontaktverbot gehört bei allen Sekten zur Struktur.

Ihre Eltern waren eine Sekte?

Man kann zu zweit eine Sekte sein, zu dritt oder bei der Arbeit – entscheidend ist die emotionale Manipulation. Es gibt Mechanismen, die immer ähnlich sind: Der Täter, der Manipulator – wie immer man es nennen will – sorgt dafür, dass er zu jeder Zeit Zugriff auf sein Opfer hat. Er gibt dem anderen das Gefühl, ohne ihn nicht mehr klarzukommen. Das Gefühl, schlecht zu sein, ein Versager, wertlos. Dies gelingt, indem der Täter Aufgaben stellt, bei denen das Opfer natürlich immer versagt. Menschen unter Beeinflussung eines anderen erkennt man oft daran, dass sie nervös sind. Sie wirken neurotisch, weil sie dem anderen ständig etwas beweisen müssen.

Aber Ihre Mutter hat doch gar nicht versagt. Sie hat einen Hochschulabschluss in Philosophie, sie hat den Plan Ihres Vaters erfüllt.

Ja, aber sie hat nicht gefühlt, dass das ihr Verdienst ist. Sondern seins. Das Gefängnis ist im Kopf.

Wie war das bei Ihnen?

Genauso. Es war eine Sache, das räumliche Gefängnis zu verlassen. Das Haus mit den Gittern. Aber ich war nicht frei von ihm, auch Jahre später nicht. Mein Körper begann, Symptome zu entwickeln. Bewusstlosigkeit, unkontrollierbares Zähneklappern, Magenkrämpfe. Wenn ich einen Moment lang untätig rumsaß, spürte ich meinen Vater hinter mir stehen.

Obwohl er schon tot war.

Der Tod hilft einem nicht, wenn man in dem Glauben an Wiedergeburt erzogen worden ist.

Sie haben mit 19 Jahren Ihr Elternhaus verlassen. Was ist dann passiert? Wie ist es Ihnen gelungen, ein normales Leben zu führen?

Oh, là, là, normal … das Wort sage ich nicht. Ich bin stabil. Aber ich habe einen ganzen Katalog an Phobien entwickelt. Angst vor fremden Leuten, Angst vor geschlossenen Räumen. Angst zu versagen. Und Angst vor Ratten.

Wie können Sie dann dieses Gespräch führen? Mit einer Fremden?

Jahrelange Therapie. Studien, an deren Ende ich selbst Therapeutin wurde. Ich habe zum Beispiel ein gedankliches Modell entwickelt: Ich stelle mir verschiedene Zimmer vor, die ich betreten und verlassen kann. Vor unserem Gespräch habe ich das Zimmer betreten, in dem ich über meine Arbeit rede. So in der Art.

Warum wollte Ihr Vater eigentlich unbedingt, dass Sie heiraten?

Wegen der gesellschaftlichen Akzeptanz, glaube ich. Ihm war klar, dass es seltsam wirken könnte, eine unverheiratete erwachsene Tochter bei sich zu behalten.

Hat er den Mann ausgesucht?

Er hat einen ausgesucht, der irgendwie in der Nähe war. Als ich älter wurde, musste er mich ab und zu rauslassen, wegen einer Schulprüfung zum Beispiel. Und ich hatte einen Musiklehrer, dem unsere Familie nicht geheuer war. Er überzeugte meinen Vater davon, dass ich zum Unterricht in seine Schule kommen sollte. Dort habe ich dann meinen Ehemann getroffen. Wir kannten uns drei Wochen, dann war Hochzeit.

Ihr zukünftiger Mann fand das nicht merkwürdig?

Nein. Mein Mann war sehr eingeschüchtert. Er kam selber aus komplizierten Familienverhältnissen. Wir waren beide nicht der Typ, der Fragen stellt. Wir haben gemacht, was unsere Eltern sagten. Nach sechs Monaten sollte ich mich scheiden lassen und nach Hause zurückkehren. Das gehörte zum Plan meines Vaters.

Sie taten es nicht.

Nein. Ich kam nach den sechs Monaten nicht zurück. Und mein Vater starb.

Und Ihre Mutter?

Sie wartet noch heute auf seine Reinkarnation. Sie kann ohne seine Unterweisungen nicht leben, sie ist psychisch schwer behindert. Aber ich halte Distanz zu ihr.

Man kann sich kaum vorstellen, dass sich niemals jemand erkundigt hat, was da los ist, warum Ihre Familie sich so abschottet.

In Frankreich dürfen Kinder zu Hause unterrichtet werden, wenndie Eltern die nötige Ausbildung haben – und meine Mutter war Lehrerin. Gerade im gehobenen Bürgertum ist es einfach, sich zu isolieren. Man hat die finanziellen Mittel, und niemand fragt, was bei den "Herrschaften" los ist.

Wie sah Ihr Eheleben aus? Sie hatten ja nicht viel Informationen über diesen Teil des Lebens …

Wie Sie sich vorstellen können, habe ich kein ganz einfaches Liebesleben. Aber der Anfang – oje. Wir waren beide völlig unfähig, miteinander umzugehen. Ich glaube, es hat drei Jahre gedauert, bis wir uns mal berührt haben.

Sind Sie ausgegangen?

Ja. Restaurants – da sollte ich gleichzeitig essen und reden, eine Katastrophe! Ich war ja wirklich in allem abgrundtief dumm.

Sie hatten immerhin viele Romane gelesen. Und Marx.

Mit acht, ja. Mein Vater hat einen sehr eigenwilligen Unterricht praktiziert. Sein Glaube an Wiedergeburt ließ keinen Platz für Chronologie, sodass ich dachte, Napoleon sei ein Zeitgenosse Cäsars. Außerdem musste ich erst lernen, dass Kristallkugeln und Gläserrücken in der Welt draußen nicht anerkannt sind. Ich musste ja sogar lernen, wie man an einer Straße entlanggeht. Auf dem Fußweg. Gerade Linie. Nach vorne gucken. Am liebsten war ich zu Hause.

Was haben Sie dort gemacht?

Mein Mann und ich haben beide leidenschaftlich geputzt. In meinem Elternhaus war es immer so dreckig gewesen, weil Dreck abhärtet. Man muss kein Spitzen-Psychologe sein, um zu erkennen: Wir haben da wohl ganz eindeutig auf etwas reagiert. Irgendwann haben wir uns getrennt und uns schließlich scheiden lassen, ganz friedlich. Ich glaube, wir mussten beide weiterziehen im Leben.

Vor einem Jahr haben Sie Ihre Lebensgeschichte öffentlich gemacht. Warum haben Sie sich dazu entschieden?

Man sagt oft, Sektengewalt sei ein perfektes Verbrechen, weil die Opfernicht gegen den Täter aussagen. Sie neigen dazu, die Geschichte zu verdrehen: Der Guru ist etwas Gutes, seine Taten dienen einem übergeordneten Ziel. Deswegen habe ich das Buch geschrieben, für meine Patienten und alle anderen Opfer: Ich habe es geschafft, zu entkommen. Dann schaffen andere das auch. Meine Kinder sind inzwischen erwachsen, ich bin wieder verheiratet und fühle mich insgesamt stabil. Es war der richtige Zeitpunkt.

Es ist Ihrem Vater also trotz allem nicht gelungen, Ihr Selbstwertgefühl zu zerstören.

Oh, das war sehr kompliziert. Der Selbsthass, dieses dunkle Gefühl – ich nenne es "Mantel der Scham" – kommt immer noch zurück. Ein Selbstwertgefühl konnte ich nie entwickeln. Aber es gibt auch ein Selbstkonzept. Dazu gehört, dass man weiß, was man kann und was man nicht kann. Das zu verstehen ist die Brücke. Wenn ich am Computer etwas nicht hinkriege, dann sage ich heute: "Ich bin nicht gut in Informatik." Ich sage nicht mehr wie früher: "Maude ist ein Versager." Ich habe eine gute Vorstellung von dem, was ich mag und was ich nicht mag. Ich weiß, wie sich Spaß anfühlt. Das kann man lernen.

Für die Recherche zu Ihrem Buch mussten Sie zum Haus Ihrer Kindheit zurückkehren.

Ja, das war schrecklich. Jedes Mal, wenn ich mich dem Haus näherte, musste ich mich übergeben oder bin ohnmächtig geworden. Und das Schauerliche ist: Das Haus ist heute ein geschlossenes Erziehungsheim für junge Frauen. Unglaublich, oder? Das Leben hat echt Humor. Es gibt sogar noch dieselben Geräusche – Schlüssel, die im Schloss gedreht werden. Dieses Rasseln. Es gibt immer noch die Gitter vor den Fenstern.

Denken Sie oft an Ihren Vater?

Ja. Ich denke daran, dass er mit seinem ganzen Programmieren gescheitert ist. Dass ich jetzt dort lebe, wo ich leben will. Dass ich gewachsen bin. Wie diese Distel in unserem Garten. Das Leben hat sich durchgesetzt.