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Medienecho: Nicht alle sind dafür

Die von Spiegel und Axel Springer Verlag überraschend angekündigte Rückkehr zur alten Rechtschreibung ist in Politik und Medien auf Kritik, aber auch Beifall gestoßen.

Während die "Süddeutsche Zeitung" ebenfalls die Reform zurücknehmen will, äußerten sich andere Verlage und Nachrichtenagenturen abwartend. Der Burda-Verlag, der "Stern", die "Frankfurter Rundschau" und die "taz" erteilten der Initiative am Freitag eine Absage. Einige CDU-Ministerpräsidenten begrüßten den Vorstoß, dagegen kam von der SPD deutliche Ablehnung. Entrüstet zeigte sich die Vorsitzende der Kultusministerkonferenz, Doris Ahnen (SPD). Für einen derartigen Beschluss habe sie kein Verständnis, sagte die rheinland-pfälzische Bildungsministerin. Die Initiatoren dieser Aktion blieben jede Antwort schuldig, wie in Zukunft die verschiedenen Interessen unter einen Hut gebracht werden sollten.

Ministerpräsidenten werden Thema beraten

Die CDU-Ministerpräsidenten Peter Müller (Saarland) und Christian Wulff (Niedersachsen) kündigten an, sich weiter für die Abschaffung der Rechtschreibreform einzusetzen. Für eine Rücknahme der Reform sind einstimmige Beschlüsse von Kultusminister- wie Ministerpräsidentenkonferenz nötig. Der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck (SPD) erklärte am Freitag, er bleibe dabei, dass er eine Rücknahme ablehne. Auch Schleswig-Holstein will bei der neuen Rechtschreibung an den Schulen bleiben. "Die Entscheidung der Axel Springer AG und des Spiegel-Verlages schafft überflüssige Verunsicherung an den Schulen," sagte dazu Kultusministerin Ute Erdsiek-Rave (SPD) in Kiel. Es bleibe bei der neuen Rechtschreibung. "Es gibt keinen Grund, dies zu ändern."

Bayerns Ministerpräsident und derzeitiger Vorsitzender der Ministerpräsidentenkonferenz, Edmund Stoiber (CSU), erklärte, "nach kritischen Stimmen aus vielen Ländern habe ich das Thema Rechtschreibreform bereits auf die Tagesordnung der Ministerpräsidenten gesetzt." Dabei sei zu prüfen, "ob Lösungen möglich sind, mit denen Teile der bisherigen Rechtschreibreform beibehalten und andere Teile aufgegeben werden können".

Verleger sehen Signalwirkung

Der Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger erwartet von der Spiegel/Springer-Entscheidung eine "Signalwirkung" auch für andere Medien. Auch aus Sicht des Deutschen Journalistenverband ist die Rechtschreibreform nicht mehr zu halten. Sowohl der Bauer- als auch der Jahreszeiten-Verlag äußerten Sympathie für den Vorstoß von Spiegel und Springer. Zunächst solle aber abgewartet werden, ob eine breite Front von Verlagen dem Beispiel folge. Die Nachrichtenagenturen AP und dpa erklärten, vorerst die Reaktion der Kunden abzuwarten. Gegenwärtig gebe es keinen Handlungsbedarf, sagte AP-Chefredakteur Peter Gehrig.

Der "Focus"-Verlag Burda erklärte, man wolle den "Kampf um die Rechtschreibung nicht auf dem Rücken der jungen Leser austragen". Bindend sei, was in der Schule gelehrt werde. Beim "Stern" hieß es, man halte an den neuen Regeln fest, befürworte aber Änderungen im Detail. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) erklärte: Es ist unverantwortlich, wie hier auf Kosten von Kindern, Eltern und Schulen Stimmung gemacht wird, um das Sommerloch zu füllen und die eigene Macht zu demonstrieren." Die Erfahrung in den Schulen zeige, dass die Kinder seit der Reform weniger Fehler machen.

Lehrerverband fürchtet "orthografisches Abseits"

Der Deutsche Philologenverband mahnte einen schnellen Kompromiss an. Es gebe Teile der Rechtschreibreform, die völlig unumstritten seien wie etwa die ss/ß-Regelung, betonte der Verband. Umgekehrt sei klar, dass die Zusammen- und Getrenntschreibung noch nicht befriedigend geregelt sei. Der Deutsche Lehrerverband (DL) forderte die Ministerpräsidenten auf, die Rechtschreibreform jetzt zur Chefsache zu machen, damit die Schulen nicht ins "orthografische Abseits" gerieten. Die alte Rechtschreibung müsse wieder verbindlich werden. Dies forderte auch der Suhrkamp Verlag. Dagegen forderte der Verband Bildung und Erziehung, die "derzeitige hysterische Debatte" zu beenden.

Reich-Ranicki mag kein "ß" mehr

Der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki hat sich für eine Rückkehr zur alten Rechtschreibung mit kleinen Korrekturen ausgesprochen. Die neue Rechtschreibung sei "dämlich", sagte er in einem Gespräch mit dem Südwestrundfunk (SWR). Er wäre glücklich, wenn die alte Rechtschreibung sobald wie möglich wieder gelten würde. Man müsse sie nur in einigen Punkten "sparsam und behutsam" korrigieren. So solle das "ß" komplett abgeschafft werden, schlug Reich-Ranicki vor.

Die österreichische Presse wird nicht zur alten Rechtschreibung zurückkehren. Wie die Nachrichtenagentur APA am Freitag berichtete, haben alle bedeutenden überregionalen und Wiener Tageszeitungen angekündigt, bei der bisherigen Rechtschreibreform zu bleiben. "Wir sind als Zeitung ja nicht die Institution, die darüber zu richten hat", betonte der Chefredakteur des linksliberalen "Standard", Gerfried Sperl, laut APA. Eine Rückkehr zu den alten Schreibweisen würde gerade die junge Leserschaft irritieren, um die man sich besonders bemühe: "Die Kids müssen die neue Rechtschreibung lernen." Gerade um diese Zielgruppe müsse man aber kämpfen.

Österreichs Presse verweigert Schwenk

Der stellvertretende Chefredakteur der Wiener "Die Presse", Michael Fleischhacker, meinte, man wolle jetzt in dem Netzwerk deutschsprachigen Medien bleiben, in das man sich eingeklinkt habe. "Die Medien müssen versuchen, mit jungen Leuten in Kontakt zu bleiben - daher müssen wir dabei bleiben, was in der Schule gelehrt wird." Auch das auflagenstarke Boulevardblatt "Kronenzeitung" bleibt laut Chefredakteur Michael Kuhn "zähneknirschend" bei der Reform. "Wir wollen die Kinder nicht mit einer anderen Rechtschreibung verunsichern als der, die sie in der Schule lernen", meinte er. Auch der «Kurier», kündigte an, "das zu machen, was Konvention ist" und bleibe bei der neuen Rechtschreibung.

DPA