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Kolumne Winnemuth: Über das Scheitern an sich selbst

Ja doch, wir sollen unsere Zahnzwischenräume säubern und gerade sitzen. Wenn es denn so einfach wäre. Einsicht allein bewirkt nämlich ... nichts, ist unsere Kolumnistin überzeugt.

Ein Mann im grauen Anzug steht ratlos vor einer roten Leiter an einer grauen Betonwand

"Mann kann Dinge bereden, verstehen, bedauern, Besserung geloben - und kommt trotzdem keinen Schritt weiter." (Meike Winnemuth)

An dieser Stelle war schon oft von Gewohnheiten die Rede, und stets habe ich behauptet: Es ist ein Leichtes, sich von Routinen zu befreien und das Leben in einen Abenteuerurlaub zu verwandeln. Wer über Langeweile klagt, aber seit 30 Jahren das gleiche Brötchen zum Frühstück isst und sich mit der gleichen Seife wäscht, ist selber schuld.

Was ich bislang verschwiegen habe: Gewohnheiten zu brechen, das mag ja noch gehen. Sich neue Gewohnheiten zuzulegen hingegen, gute, nützliche, als sinnvoll erkannte, potenziell lebensverlängernde Gewohnheiten – das ist die wahre Heldentat.

Schlachtfeld 1: Zahnzwischenraumbürste

Ich kämpfe gerade an mehreren Fronten mit dem Thema. Schlachtfeld 1: die Zahnzwischenraumbürste. Soll ich unbedingt benutzen, sagt mein Zahnarzt und bombardiert mich mit unangenehmen Wörtern wie "Parodontosekandidatin" und "drohender Zahnverlust" und "maroder Halteapparat".

Die Sache ist nun die: Das Zahnzwischenraumbürstenbenutzen muss ich mir mühsam antrainieren, in meiner Kindheit gab es so neumodisches Zeuch nicht, da wurde quer geschrubbt und gut. 20 Jahre später habe ich gelernt: von rot nach weiß, also vertikal, nicht horizontal putzen. Gut, okay, wenn die das sagen. Weitere 20 Jahre später spricht mein Arzt in meinen weit geöffneten Mund: "Interdentalbürsten sind ein Muss! Das klassische Zähneputzen können Sie sich schenken, wenn Sie sich einigermaßen ausgewogen ernähren." 

Auf Zahnarztdeutsch bedeutet "einigermaßen ausgewogen" eine komplett unrealistische Ernährung aus Rohkost und krachenden Äpfeln, Essen mit Reinigungsfunktion also. Bei mir finden sich ganz ausgewogen Weingummireste und Pulled-Pork-Fasern in den Zahnzwischenräumen, ich sehe den Sinn der Interdentalbürste durchaus ein. Aber. Aber. Aber.

Einsicht hatte noch nie was mit Veränderung zu tun. Wäre es anders, gäbe es keine Scheidungen, keine Frühjahrsdiäten und keine Polit-Talkshows. Man kann Dinge bereden, verstehen, bedauern, Besserung geloben – und kommt trotzdem keinen Schritt weiter. Ich habe haufenweise Zahnzwischenraumbürsten im Bad, in allen Stärken, weil meine Zahnzwischenräume so chaotisch sind wie der Rest von mir: Mal benutze ich sie gewissenhaft jeden Tag, dann wieder eine Woche lang nicht (oder höchstens, um Kekskrümel aus der Computertastatur zu prokeln).

Schlachtfeld 2: Die Wirbelsäule

Noch schlimmer ist es nur, wenn eine falsche Angewohnheit durch eine richtige ersetzt werden soll. Mein Schlachtfeld 2: Wirbelsäule. Ich stehe schief, sitze schief, gucke schief, und das seit Jahrzehnten. Mein Physiotherapeut zeigt mir Übungen für zu Hause. Mache ich die Übungen zu Hause? Natürlich nicht. "Ihre Sache", sagt er kühl. "Sie machen das nicht für mich. Mir ist es egal, ich habe keine Rückenschmerzen." Was er noch sagt, ist nicht gerade ermutigend: Der Körper brauche 30.000 bis 70.000 Wiederholungen einer Bewegung, um falsch Gelerntes zu korrigieren und das in den Basalganglien hinterlegte Handlungsgedächtnis mit einer neuen Version zu überschreiben. 70.000, so alt werde ich nicht mehr. Und was, wenn ich bei 47.318 die Lust verliere? Dann war das alles für die Katz.

Oder machen wir uns das alles viel zu kompliziert und versagen am eigenen Anspruch? Weiß ich nicht. Denn oft ist ja das Einfachste das Schwierigste, das sehe ich an meinem Hund. Sitz und Platz macht er wie ein Boss, aber den Befehl "Steh!" kapiert er einfach nicht. Einfach nur stehen, Normalhaltung also, in Wirklichkeit: nichts machen – unmöglich.

Ich kann nicht bürsten und nicht sitzen, mein Hund kann nicht stehen. Es ist völlig okay, uns als gescheiterte Existenzen zu bezeichnen.

Themen in diesem Artikel
kann man sich gegen eine maßnahme vom jobcenter wehren?
hallo. ich bin quasi arbeitsunfähig seit meinem 18ten lebensjahr. ich wiege 200 kg und habe eine betreuung weil ich sonst gar nichts schaffen würde. sie bringt mich zu terminen und begleitet mich zu arzt besuchen. das einzige was ich noch alleine kann ist einkaufen und das auch nur weil es nunmal lebensnotwendig ist ,jedoch bin ich danach total erschöpft und fertig.ich kann keine 200 meter mehr laufen.und mal ganz abgesehen von meiner körperlich verfassung leide ich seit meiner kindheit an starken depressionen,borderline,panikattacken,einer traumatischen belastungsstörung und angstzuständen. ich bin demnach körperlich sowie auch psychisch ziemlich fertig. gestern war ich beim amtsarzt zur begutachtung sowie auch einmal vor 2 jahren. und die ärztin sagt mir ernsthaft,das es zumindest köperlich nicht ausreichen würde das ich weiterhin krank geschrieben werden kann und sagte,das eine maßnahme sicherlich gut sein kann.und das obwohl ich bereits sagte,das ich körperlich unfähig bin irgendwas alleine zu schaffen und ,meine betreuerin mich überallhin begleiten muss.(ich habe kein auto)ich bin vollkommen entsesetzt und habe nun angst das sie mich in eine maßnahme stecvken welche ich einfach nicht schaffe und sie mir dann das minum an geld nehmen welches ich bekomme und ich dann verhungernd und auf der starße leben muss,eben weil es ein ding der unmöglichkeit für mich darstellt.kann man sich da irgendwie wehren?sie sagt sie findet ich sei zu jung um berentet zu werden (28).ich habe gerade wirklich angst.kann man einen menschen zwingen etwas für ihn unmögliches zu tun?ich hab das gefühl die wollen irgendeine quote erfüllen und solange man die arme bewegen kann,ist man arbeitsfähig...hilfe :(