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Kolumne Winnemuth: Wir leben in einer Igittigitt-Kultur - und flüchten uns in die Kontaktlosigkeit

Wann hat das eigentlich angefangen mit diesen Leuten, die immer Hygienetücher dabei haben und keine Türklinke anfassen? Und warum?

Von Meike Winnemuth

Überall stößt man mittlerweile auf den Drang nach zwanghafter Sauberkeit, findet Meike Winnemuth.

Überall stößt man mittlerweile auf den Drang nach zwanghafter Sauberkeit, findet Meike Winnemuth.

Am Eingang meines Supermarkts steht neuerdings ein Spender für antibakterielles Gel, mit dem man sich vor dem Einkauf die Hände desinfizieren kann. Für die Brötchenselbstbedienung gibt es Zangen, in der Obstabteilung Einmalhandschuhe, und die Selbstverständlichkeit, mit der die meisten Kunden das handhaben, spricht sehr dafür, dass die Sagrotanisierung der Welt nicht mehr aufzuhalten ist.

Keine Ahnung, wann und warum das angefangen hat, aber seit einiger Zeit benehmen sich mehr und mehr Leute so, als ob wir in einer Ebola-Region leben würden. Einige meiner Freundinnen tragen in jeder ihrer vielen Handtaschen antibakterielle Sprays und in den Manteltaschen Desinfektionstücher mit sich herum, viele fassen aus Prinzip keine Treppengeländer oder Haltestangen in der U-Bahn an (falls sie sich überhaupt mal in eine dieser brandgefährlichen Virenschleudern setzen), sie ziehen ihre Pulliärmel lang, um Einkaufswagen zu schieben, und seufzen erleichtert, wenn sich vor ihnen eine automatische Schiebetür öffnet. Wenn nicht, verschafft man sich mit dem Ellenbogen Zutritt.

Wir hatten schon immer eine Schwäche für Reines

Hände schütteln zur Begrüßung? Och, also wenn es sich irgendwie vermeiden lässt … Wir leben in einer angstverseuchten Igittigitt-Kultur. Verblüfft registrierte ich neulich, dass sich eines dieser "Höhle der Löwen"-Gaga-Produkte, die kein Mensch braucht, aber jeder Mensch will, gleich millionenfach verkauft hat: der "Glasello", ein lippenstiftförmiges Gerät, mit dem man Gläserränder oder Getränkedosen vor dem Trinken entkeimt – man weißt ja nie, wo der Tod lauert. Einmal mit dem Stift um den Rand fahren, 20 Sekunden wirken lassen, allen Mut zusammennehmen, trinken.

Wohlgemerkt: Dieses Gerät ist nicht für Expeditionen in Zika-befallene Drittweltländer gedacht, sondern für den Alltag in einem der geschrubbtesten Staaten der Erde. Aber wir hatten halt schon immer eine Schwäche für Dinge, die nicht nur sauber sind, sondern rein. Der hiesige Hygienehysteriemarkt hat unter anderem einen Waschmaschinen-Hygienereiniger hervorgebracht, also einen Reiniger für eine Reinigungsmaschine. Und einen Seifenspender mit Bewegungssensor, damit man auf keinen Fall den Seifenbehälter berührt. Demnächst im Angebot: Seife zum Vorwaschen der Seife. Und Handschuhe, mit denen man die Vorwaschseife anfasst. Und Desinfektionsmittel für die anschließende Reinigung der Handschuhe.

Die Kontaktlosigkeit ist die Rettung

Man kann nahezu alle Lebensbereiche durchdeklinieren und wird überall auf den Drang zu zwanghafter Sauberkeit stoßen. Gesundes Essen heißt jetzt "clean eating" , Kartenzahlung verdrängt langsam die Ibäh-Barzahlung und wird ihrerseits in absehbarer Zeit durch kontaktloses Zahlen abgelöst, bei dem man nur noch sein Smartphone vor ein Lesegerät hält ("Sauber zum Ziel: eigene Zahlmittel, kein'‚fremdes' Bargeld. Sie müssen weder Ihre Pin auf einer Tastatur eingeben, noch unterschreiben"). Schwierig nur, dass jedes Smartphone mehr Bakterien als zehn Klobrillen trägt – aber dafür gibt es ja das praktische UV-Entkeimungsgerät.

Ich fasse zusammen: Das "Fremde" ist gefährlich. Die anderen sind Krankheitsträger. Die Kontaktlosigkeit ist die Rettung. Da flackern im Metaphernzentrum eines Kolumnisten doch gleich alle Lampen, das ist doch ein Welterklärungsmodell, das sich – hehe – gewaschen hat. Zumal es auch so schön weitergeht: Wer sich hypochondrisch alle Keime vom Hals hält, schwächt sein Immunsystem und sorgt damit erst recht für Krankheiten. Weiß jeder. Schert keinen. Die Angst ist einfach das mächtigste Virus von allen – weil so viele gar nicht von ihr geheilt werden wollen.

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