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stern-Kolumne Winnemuth Falls Herz zur Hand


Auf Rückumschlägen steht oft "Bitte freimachen". Man muss eine Marke drauf kleben. Nein, muss man gar nicht! Was man muss ist - netter sein.
Von Meike Winnemuth

Neulich über Nacht den Autoreisezug nach München genommen.
Abfahrt 21.11 Uhr, fahrplanmäßige Ankunft 7.27 Uhr, tatsächliche Ankunft kurz nach 11 Uhr. Grund: Bauarbeiten auf der Strecke, Umleitungen, Wartezeiten. Ach, deshalb habe ich so gut geschlafen: weil wir stundenlang auf offener Strecke standen.

Auf dem Briefumschlag, den der Schlafwagenschaffner so resigniert wie routiniert überreicht und in dem man das Antragsformular zur Entschädigung für die Verspätung einreichen soll, steht "Bitte freimachen". Okay, 14 Stunden Bahn mit Hund, der gern mal sein Bein heben würde, sind doof genug, aber jetzt werde ich wirklich sauer.

Eine der größten Dreistigkeiten

"Bitte freimachen" ist eine der größten Dreistigkeiten, die sich die Servicerepublik Deutschland erlaubt, nicht nur die Bahn, sondern auch andere Dienstleister und Behörden, die irgendwas von einem wollen – ein ausgefülltes Formular, einen Zählerstand, eine Bestellung, egal. Noch fieser ist nur "Bitte ausreichend frankieren" (ja, ich meine euch, Wasserbeschaffungsverband Panker-Giekau).

Die Wahrheit ist: Bei solchen Rückantworten muss überhaupt keine Marke draufgeklebt werden, weder ausreichend noch unausreichend.

Im Ignorieren sind wir nicht gut

Sofern über dem Adressfeld der Aufdruck "Antwort", "Werbeantwort" oder "Antwortkarte" steht, kann man getrost ignorieren, was im Kästchen oben in der Ecke steht. Die Gebühr übernimmt der Empfänger, der will ja schließlich was von einem.

Aber im Ignorieren sind wir nicht gut, oder? Wir kommen ins Grübeln, wir werden unsicher, wenn da Amtsvokabular in einem schwarzumrandeten briefmarkenförmigen Kästchen steht. „Bitte freimachen“ kommt als vorgeblich freundlich formulierter Befehl daher, perfekt zugeschnitten auf den allesrichtigmachenwollenden Durchschnittsdeutschen.

„Porto wird von Empfänger bezahlt“ - danke, so ist es!

Soll ja auch ankommen, das wichtige Formular, also vielleicht doch besser … Wie viel ist das noch mal, 62 Cent? 70 Cent? Eine fairere Chance, den Jungs auf die Schliche zu kommen, ist da schon "Bitte freimachen, falls Marke zur Hand". Das lässt sich bereits leichter dechiffrieren als "Kleb ruhig ’ne Marke drauf, wenn du ein Volltrottel bist – wir werden dich nicht davon abhalten".

Ich zünde immer eine Kerze an, wenn auf einem dieser Umschläge der freundliche, ehrliche Hinweis „Porto wird von Empfänger bezahlt“ zu lesen ist. Danke, so ist es. Jeder Dienstleister hat bei mir sofort einen Stein im Brett, wenn er mich nicht über den Tisch zu ziehen versucht.

Leute honorieren es, anständig behandelt zu werden

Bei allen anderen hingegen bin ich immer versucht, eine kleine selbst gebastelte Briefmarke mit der Aufschrift "Bitte Leute nicht verarschen, falls Herz zur Hand" zu kleben. Aber das würde garantiert gegen zehn bis zwanzig Postvorschriften verstoßen.

Meine feste Überzeugung ist ja, dass Leute es honorieren, wenn sie anständig behandelt werden. Und dann ihrerseits anständig handeln.

Vertrauensvorschuss wird selten enttäuscht

In einem Erfurter Hotel zahlte ich jüngst am Morgen beim Check-out ein kleines Fläschchen Rotwein aus der Zimmerbar und kommentierte den fairen Preis von 2,50 Euro. "Erstaunlich günstig, danke dafür", sagte ich. - "Ja, und wissen Sie, warum?", antwortete die Rezeptionistin. "Damit die Leute es auch wirklich zahlen. Und nicht sagen: Nö, aus der Minibar hatte ich nichts." Fairness = Ehrlichkeit.

In den Wald hinein = schallt es heraus. Dasselbe beobachte ich auf Feldern, wo man Erdbeeren pflücken oder Blumen schneiden kann und dann Geld in eine Kasse wirft. Der Vertrauensvorschuss wird selten enttäuscht, höchstens von dem üblichen Prozentsatz Arschlöcher, mit dem jede Gesellschaft leben muss. Misstrauensvorschuss hingegen … aber dafür würde ich jetzt zehn Kolumnen brauchen.

Die Kolume

... von Meike Winnemuth finden Sie immer schon donnerstags im aktuellen stern.


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