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Liebe, Sex und Missverständnisse: #MeToo-Debatte: Was wir im Umgang miteinander nun ändern müssen

Die MeToo-Bewegung brachte Respektlosigkeiten, Grenzüberschreitungen und Übergriffe zu Tage. Das Verhältnis von Männern und Frauen bleibt nach wie vor schwierig. Was sich ändern muss, damit wir gleichberechtigt leben – und lieben können.

Von Tobias Schmitz

Nach der MeToo-Debatte: Was wir im Umgang miteinander ändern müssen

Erst #Aufschrei, dann #MeToo. In Zahlen: 74% der Frauen, die Forsa gerade für den stern befragt hat, sagen: Ich bin schon sexuell belästigt worden. 54 % berichten von unangemessenen Bemerkungen, 49 % von ungewünschten Berührungen, 32 % von anzüglichen Blicken, 44 % wurden von Unbekannten belästigt, 24 % von Kollegen, 22 % von Freunden oder Bekannten, 12 % von Vorgesetzten.

Was bisher geschah: Ein ebenso mächtiger wie rücksichtsloser Hollywoodproduzent begreift zu spät, dass die Steinzeit seit ziemlich langer Zeit vorbei ist und dass Frauen weder Waren noch willige Werkzeuge sind. Die Frauen erheben sich, berichten öffentlich von sexuellen Übergriffen. Männer stammeln oder lassen ausrichten, ihnen selbst werde nun schlimmes Unrecht getan. Es geht um Macht und um Sex, um Täter und Opfer. Um Beziehungen, Begehren und andere Missverständnisse. Nun ist Harvey Weinsteins Karriere am Ende, ebenso wie die von Dieter Wedel. Denn die Urteile – zumindest die des Publikums – sind gefällt.

Längst hat sich die Diskussion verselbstständigt: Wir sprechen in einem Atemzug von Vergewaltigungen, Belästigungen – und Befindlichkeiten. Differenzierung täte not. Plötzlich wird in einem britischen Museum ein Bild mit nackten Frauen abgehängt, sollen in Berlin die zarten Worte eines Dichters von einer Hauswand entfernt werden, weil sich dort, versteckt in Poesie, ein Mann als Bewunderer von Frauen outet. Die Prüderie kehrt zurück.

Erst #Aufschrei, dann #MeToo

Andererseits: Am Wiener Burgtheater beklagen Angestellte, ein ehemaliger Direktor habe bei einer Probe die größtenteils weibliche Besetzung zu Spermaschluckgewohnheiten befragt. Und ihnen vor Premieren auf den Hintern geklopft. Der Direktor beschwichtigt. Die Spermafrage? Ein Witz. Der Klaps auf den Hintern? Tradition. So viele verletzte Gefühle, so viel aufgestauter Frust. Was waren, was sind die Ursachen? Alles nur Missverständnisse? Gedankenlosigkeiten? Loriot scheint es gewusst zu haben: Männer und Frauen passen einfach nicht zusammen.

Wäre es nicht so traurig, man könnte bitter darüber lachen. Worüber reden wir hier? Die Geschichte ist eine, die uns seit Ewigkeiten begleitet: Was nun alles hochkocht, ob in Talkshows oder privaten Gesprächen, kommt zum Vorschein, weil auf dem seit Jahrzehnten köchelnden Gebräu aus enttäuschten Erwartungen, Schuldgefühlen, Ressentiments und ungelösten Konflikten viel zu lange der Deckel drauf war. Erst #Aufschrei, dann #MeToo. Ein paar mutige Frauen machten den Anfang, dann fegte, beschleunigt durch die sozialen Medien, die Empörung wie ein Wirbelsturm durchs Land. In einer aktuellen Forsa-Umfrage für den stern geben 74 Prozent aller befragten Frauen an, schon einmal sexuell belästigt worden zu sein. Die Zahl offenbart ein gravierendes Machtgefälle. Das Klima mag sich verändern, aber die Grundfrage bleibt immer dieselbe: Warum sind hierzulande Männer und Frauen auch fast 100 Jahre nach Einführung des Frauenwahlrechts noch immer nicht gleichberechtigt?

Längst geht es nicht mehr nur um Grenzüberschreitungen. Längst geht es um viel Grundsätzlicheres. Wie lassen sich Frauen von Männern behandeln? Warum dürfen Männer jeden Tag mit Worten um sich werfen, für die sich Frauen den Mund mit Seife auswaschen sollen?

Der deutsche Regisseur Werner Herzog hat es in einem stern-Interview gerade auf den Punkt gebracht: "Endlich kommt die Zäsur, die die feministische Bewegung schon seit den 60er Jahren zu Recht fordert. Was wir im Moment erleben, ist epochal."

Und das in allen Bereichen unseres Lebens: In Großbritannien schmeißt eine Korrespondentin ihren Job hin, weil sie nicht einsieht, dass sie nur aufgrund ihres Geschlechts ein Drittel weniger Lohn verdienen soll. Es entbrennt eine Diskussion über die gerechte Bezahlung von Mann und Frau. Noch immer verdienen Frauen hierzulande für die gleiche Arbeit im Schnitt etwa 20 Prozent weniger als Männer.

Kein einziger Dax-Konzern wird von einer Frau geführt

Noch immer gibt es vergleichsweise wenige Frauen in Führungspositionen. In den 200 umsatzstärksten Unternehmen dieses Landes herrscht da Stillstand: Der Anteil weiblicher Vorstände liegt bei acht Prozent. Kein einziger im Dax gelisteter Konzern wird von einer Frau geführt. Das müssen wir ändern? Aber schon wird's kompliziert.

Die "Lean In"-Stiftung von Sheryl Sandberg, der Feminismus-Ikone des Silicon Valley, veröffentlichte vor wenigen Tagen eine Umfrage, derzufolge fast die Hälfte aller männlichen Manager inzwischen die Zusammenarbeit mit Frauen aus Unsicherheit meiden. Und sich stattdessen lieber mit männlichen Kollegen umgeben. Eine gravierende Folge davon sei, dass seit #MeToo wesentlich weniger Männer in Führungspositionen bereit seien, Frauen zu fördern. Wie klar die Sprache doch manchmal ist: Männer fördern. Frauen werden gefördert. Aktiv und passiv.

Sharon Stone

Immerhin: Die mächtigen Männer kommen ins Nachdenken. Die ARD hat nach dem Fall Wedel angekündigt, sie unterstütze "die Einrichtung einer unabhängigen Beschwerdestelle gegen sexuelle Übergriffe". Aber warum gibt es eigentlich keinen Aufschrei gegen die unerträgliche Mädchenbenutzung, die Heidi Klum Jahr für Jahr mit "Germany's next Topmodel" zelebriert? Und warum kniet grob geschätzt noch immer in acht von zehn Pornofilmen, die der deutsche Mann konsumiert wie "Sportschau" und Dosenbier, ein ultrawilliges Dummchen vor dem stolzen, prallen Mann, der sich am Ende zur Belohnung für dienstbare Verfügbarkeit bald hierhin, bald dorthin erleichtern darf?

Männer und Frauen passen ganz ausgezeichnet zusammen

Die Frauen selbst haben sehr genaue Vorstellungen davon, was sich ändern muss: So glauben laut Forsa 61 Prozent, dass schärfere Gesetze gegen sexuelle Belästigung helfen würden. 59 Prozent versprechen sich Abhilfe von einer veränderten Darstellung von Frauen in der Öffentlichkeit, etwa in Werbung und Medien. 47 Prozent denken, dass es helfen würde, wenn Männer und Frauen im Job wirklich gleichbehandelt würden – zum Beispiel bei der Bezahlung.

Bleibt: die Liebe. Wie sollen Frauen und Männer eigentlich noch in Respekt, vielleicht sogar einmal in inniger Zuneigung zueinanderfinden, ohne in diesen Zeiten vor dem allerersten Date schon völlig zu verkrampfen? Die Antwort ist ganz einfach: indem sie ihr Gegenüber so behandeln, wie sie selbst gern behandelt werden möchten.

Vor einer blauen Wand mit "Golden Globe Awards"-Logos hält Oprah Winfrey ihre Trophäe in die Kameras

Man muss gar nicht Kants unverwüstlichen kategorischen Imperativ bemühen, um zu begreifen: Männer und Frauen passen ganz ausgezeichnet zusammen – sofern sie in einem gesellschaftlichen Klima sozialisiert werden, das Empathie und Sensibilität, Interesse und Respekt für das jeweils andere Geschlecht fördert. Fehlt all das, hat echte Gleichberechtigung in Beziehungen schlechte Karten: Der Mann verdient mehr Geld, hat mehr Einfluss, während der Frau nur noch die Macht bleibt, sich dem Partner sexuell zu verweigern.

"Wer als Mann gelernt hat, Frauen wirklich wahrzunehmen, wer eine differenzierte und befriedigende Sexualität lebt, bei dem haben wir gute Chancen, dass er auch mit fremden Frauen nicht umgeht, als seien sie Puppen, eine Beute", sagt die Hamburger Paartherapeutin und klinische Sexologin Katrin Hinrichs.

"Wehe, wenn sie losgelassen."

Aber wie funktioniert das – Menschen als das wahrzunehmen, was sie wirklich sind? Eine schwierige Aufgabe. Sehr viel häufiger sehen wir unsere Partner so, wie wir sie gern hätten. Dabei werden wir häufig von erlernten Rollenbildern beeinflusst. Wer als Mann seinen Vater als Patriarchen und dominanten Machtmenschen erlebte, dem sich die Ehefrau vollkommen unterzuordnen hatte, könnte versucht sein, sich in seinem eigenen Leben ebenso zu verhalten. Was es wiederum erschwert, die echten Bedürfnisse der mutmaßlich unterlegenen Partnerin zu erkennen.

Aber auch ganz abwesende Väter machen es einem Heranwachsenden schwer, ein stabiles Selbst zu entwickeln. Das sind dann die Jungen, von denen Paartherapeutin Hinrichs auch spricht: einfühlsame Söhne, die sich stets bemühen, keine Fehler zu machen, um die Mutter vor zusätzlicher Enttäuschung zu schützen – und die diese Erfahrung auch als Erwachsene nicht ablegen können. "Und so bewegen sie sich in Partnerschaften", sagt Hinrichs, zutiefst verunsichert und Bestätigung suchend. "Bei Männern, die zu Hause so gar nicht ihren Mann stehen können, denke ich manchmal: Wehe, wenn sie losgelassen."

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