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Missbrauch durch US-Priester: Geheimpapiere beschuldigen Papst-Mitarbeiter

Der amerikanische Priester Lawrence Murphy hatte vor Jahrzehnten Hunderte von Kindern missbraucht. Nun belegen Dokumente, die der "Zeit" vorliegen, dass nicht der jetzige Papst Benedikt die Vorfälle vertuscht habe, sondern Tarcisio Bertone - mittlerweile der "Regierungschef" des Vatikan.

Tarcisio Bertone hat 1998 als Sekretär der Glaubenskongregation nach Darstellung der "Zeit" in dem Missbrauchsskandal um den US-Priester Lawrence Murphy die Aufklärung des Falls gebremst. "Zeit online" veröffentlichte mehrere Vatikan-Dokumente als Faksimile, darunter ein geheimes Protokoll. Bertone ist heute Kardinalstaatssekretär und damit praktisch Regierungschef im Vatikan.

Freigabe der Papiere gerichtlich erzwungen

Das Sitzungsprotokoll ist laut "Zeit online" Teil eines Briefwechsels zwischen dem Vatikan und dem damals für die Ermittlungen zuständigen Erzbischof von Milwaukee, Rembert Weakland, im Fall Murphy. Der Briefwechsel wurde der Hamburger Wochenzeitung nach deren Angaben von Anwälten früherer Opfer Murphys zur Verfügung gestellt; laut "Zeit" hatten die Anwälte die Freigabe gerichtlich erzwungen. Der Pater, der eine katholische Gehörlosenschule leitete, soll zwischen 1950 und 1974 bis zu 200 Kinder sexuell missbraucht haben, unter anderem auch während der Beichte.

"Anders als bisher angenommen, hat nicht der heutige Papst, sondern Bertone den Fall offenbar vertuscht", sagte Patrick Schwarz, Stellvertretender Ressortleiter Politik der "Zeit", der Nachrichtenagentur DPA. Die "New York Times" hatte im März den Fall aufgebracht und Joseph Ratzinger, den heutigen Papst, als Verantwortlichen genannt - Ratzinger leitete 1998 als Präfekt die Glaubenskongregation. "Dagegen zeigt das vertrauliche Sitzungsprotokoll der Glaubenskongregation, dass Bertone hier die Federführung hatte", sagte Schwarz.

Hilfeersuchen an Ratzinger gerichtet

Nach den jetzt als Faksimile im Internet zugänglichen Dokumente war das Hilfeersuchen des ermittelnden US-Erzbischofs im Fall Murphy ­ wie schon die "New York Times" berichtet hatte ­ an Ratzinger gerichtet. Allerdings wurde der Fall von seinem Stellvertreter Bertone gehandhabt, wie inzwischen auch der Vatikan betont hat.

In einem vertraulichen Brief vom 6. April 1998 an den zuständigen Erzbischof der Diözese von Milwaukee im US-Bundesstaat Wisconsin hat laut "Zeit" Bertone deutlich gemacht, dass der Vatikan von einem Kirchenprozess gegen den geständigen Täter abrate. Vorausgegangen war, wie aus den faksimilierten Dokumenten hervorgeht, eine Eingabe des beschuldigten Priesters beim Vatikan, ihn aufgrund seines angegriffenen Gesundheitszustandes, seines hohen Alters sowie seiner "friedlichen" Lebensführung im Priesterstand zu belassen. Diese Argumente habe Bertone sich in seinem Schreiben zu eigen gemacht, schreibt "Die Zeit".

Krisengipfel in Rom

Als der amerikanische Erzbischof auf der Entlassung Murphys aus dem Priesterstand beharrte ­auch unter Hinweis auf anhaltende Empörung bei den Vertretern katholischer Gehörloser ­ kam es den Angaben zufolge am 30. Mai 1998 zu einem Krisengipfel in Rom. In dem von der Glaubenskongregation verfertigten Protokolls des Treffens, bei dem Bertone den Vorsitz führte, heiße es: "Bezüglich der Möglichkeit eines kanonischen Prozesses wegen des Verbrechens der Belästigung in der Beichte lenkt der Sekretär die Aufmerksamkeit auf einige Probleme, die ein Verfahren aufwerfe". Bertone habe seine nach Rom gereisten Bischofskollegen aus den Vereinigten Staaten gewarnt vor der "immanenten Schwierigkeit, ein solches Verbrechen in einem Verfahren zu ahnden, dessen Durchführung in strengster Geheimhaltung erfolgen muss".

Der spätere Kardinal habe überdies darauf verwiesen, "die Schwierigkeit, Beweise und Zeugen beizubringen, ohne den Skandal zu vergrößern". Zusammenfassend habe Bertone auf die Schwierigkeiten hingewiesen, "die durch eine Verfolgung dieses Falles entstehen würden".

"Habe angewiesen, das Verfahren förmlich zu beenden"

In einem internen Vermerk der Erzdiözese Milwaukee nach dem Krisengipfel heißt es: "Es wurde deutlich, dass die Kongregation uns nicht ermutigte mit irgendeiner förmlichen Entlassung (Murphys, d. Red.) fortzufahren." Unter dem Druck aus Rom teilte US-Erzbischof Weakland seinem vatikanischen Kollegen Bertone in einem ebenfalls als Faksimile dokumentierten Schreiben am 19. August 1998 mit: "Ich habe meinen Justiziarvikar angewiesen, das Verfahren förmlich zu beenden, das gegen Pater Murphy begonnen worden war."

Am 21. August 1998 starb Murphy im Alter von 72 Jahren. Aus dem Vatikan war jüngst darauf verwiesen worden, dass ein Kirchenprozess gegen den Sterbenskranken keinen Sinn mehr gemacht hätte und auch die US-Justiz kein Verfahren gegen Murphy eröffnet hatte.

DPA / DPA