HOME

Monopoly Deutschland: Frei parken in Saarbrücken

Das beliebteste Brettspiel der Welt ist Monopoly, und die beliebteste Stadt Deutschlands ist Aachen. Häh? Im Internet lässt Hersteller Hasbro abstimmen, wo die neue Monopoly-Edition spielen wird.

"Rücken Sie vor bis nach Saarbrücken", könnte es schon bald am Spieltisch im Wohnzimmer heißen. Vielleicht streiten sich auch die besten Freunde über Mieten und Moneten in Halle oder am Kölner Dom. Denn schon von September an heißt es weder "Badstraße", noch "Südbahnhof" oder "Schlossallee" bei der neuen Ausgabe des Monopoly-Spiels. Das nach Angaben des Herstellers erfolgreichste Brettspiel aller Zeiten will die Sehenswürdigkeiten der Städte auf ihren Feldern abdrucken. Und um die begehrtesten Positionen in der geplanten Ausgabe "Monopoly Deutschland" ringen bereits seit Wochen die meisten Metropolen in einer Wahl im Internet.

Patriotismus für ein Brettspiel

Die Regeln für die Städtewahl per Mausklick sind einfach: Wähler müssen sich im Internet registrieren lassen, um einmal in der Woche für ein Wahrzeichen ihrer Stadt zu stimmen. Die am häufigsten im Internet angeklickte Stadt tritt die Nachfolge der "Schloss-Allee" an, die bei dem Spiel den größten Wert hat. Jede Stadt wird mit einem ihrer Wahrzeichen abgebildet, über das die Internetbenutzer ebenfalls abstimmen. Auch hier herrscht die Qual der Wahl: Nürnberger zum Beispiel entscheiden zwischen der Kaiserburg, dem Albrecht-Dürer- Haus, dem Schönen Brunnen und der Lorenzkirche. Auch die Bahnhöfe werden umbenannt, die bisherigen Elektrizitäts- und Wasserwerke werden durch Wind-, Wasserkraft- und Solar-Anlagen ersetzt.

"Wir sind ziemlich überwältigt von der bisherigen Masse an Wählern", sagt Jörg Mutz, einer der Sprecher des hessischen Hasbro- Verlags, der das Spiel vertreibt. Bislang seien mehr als 100.000 Wähler registriert, im Durchschnitt gab jeder bislang drei Stimmen ab.

Ebenso überraschen dürfte der Zwischenstand der Umfrage, wenngleich erst am 30. März abgerechnet wird: Würde das interaktive Wahlbüro derzeit seine Türen schließen, läge Aachen werbeträchtig auf der Schlossallee, die Stadt hat momentan 10,52 Prozent der Stimmen. Saarbrücken zöge als zweitplatzierte Stadt mit 9,48 Prozent auf die ebenfalls lukrative Parkstraße - damit stehen derzeit ausgerechnet die beiden Städte vorne, die erst nach Protest in die Auswahl der zunächst 38 Städte rutschten. Die größte Aufmerksamkeit dürfte derzeit dennoch Berlin erhalten: Die Bundeshauptstadt bekäme nach aktuellem Stand den Opernplatz - und dort landen die Spieler laut Statistik am häufigsten zum Mietezahlen.

Die kleinen mit der großen Klappe

Dagegen bekommen Großstädte wie Essen, Stuttgart und Frankfurt, Dresden, Hannover und Dortmund nach derzeitigem Stand keinen Platz auf dem neuen Spielbrett. Der Grund: Vor allem die kleineren Städte hatten mit stolz geschwellter Brust Aufrufe geschaltet und an den Stolz der Einheimischen appelliert. Mit Erfolg: "Das Identifikationspotenzial ist sehr hoch", sagte Denis Sellmann, Sprecher der Stadt Saarbrücken. Auch zahlreiche "Exil-Saarländer" und Politiker hatten sich für eine Wahl Saarbrückens engagiert. "Ursprünglich wollten wir nur auf's Brett", sagte Sellmann. "Aber jetzt wollen wir natürlich mit unserem Schloss auf die Schlossallee." Auch in Aachen wurden die Ärmel hoch gekrempelt: "Konnte doch auch nicht sein, dass wir mit unserem Weltkulturerbe nicht buchstäblich mitspielen", sagt Paul Heesel, Leiter der Online-Redaktion der Stadt.

Hasbros Aktion hat neben dem wirtschaftlichen Zweck auch einen historischen Hintergrund: "Neben Tunesien ist Deutschland die einzige Nation mit einem fiktiven Spielbrett und ohne reale Straßennamen", sagt Sprecher Mutz. Wenn man bedenkt, dass es Monopoly in mehr als 80 Ländern und in über 26 Sprachen gibt, ist das sicherlich erstaunlich. Hasbro versucht also auf spielerische Weise den Nationalstolz in einem kapitalistischen "System" durchzusetzen.

Das neue "nationale Brett" kommt Mitte September mit einer Auflage von zunächst 100.000 Exemplaren in den Handel. Insgesamt werden jedes Jahr rund eine halbe Million "Monopoly"-Spiele gekauft, jedes zweite geht als Sonderausgabe über den Ladentisch. Schließlich gibt es zum spielerischen Mietgeschacher bereits zahlreiche Städteausgaben, eine Blindenausgabe und sogar ein digitales "Banking", in dem mit Kreditkarte und Kartenlesegerät statt mit Bargeld bezahlt wird.

Monopoly regt Rekorde an

Spektakulär waren die Versuche, die Gegner beim Zocken auf der Zugspitze auszubooten. Eiskalte Immobilienspekulanten waren dort genau richtig. Monopoly wurde auch bereits 45 Tage lang in Tauchanzügen unter Wasser gespielt. Sogar die Nasa bestellte zwei weltraumtaugliche Ausgaben für Astronauten. Die Leidenschaft der Fans kennt also keine Grenzen. Dabei handelt es sich nur um ein Brettspiel, das am 20. Juni 1935 in den USA auf den Markt kam.

1936 ließ NS-Propagandaminister Joseph Goebbels das erste Berlin-Monopoly sogar verbieten. Als Grund nannte er den "jüdisch-spekulativen Charakter" des Spiels. In Wahrheit ärgerte ihn die Nennung der "Insel Schwanenwerder" als teuerstes Spekulationsobjekt auf dem Brett - dort befand sich sein Wohnsitz. Andere Machthaber stießen sich am "kapitalistischen Charakter" des Spiels. Bis zum Fall des Eisernen Vorhangs stand Monopoly im Ostblock auf dem Index. Auf Kuba, in Nordvietnam, Nordkorea oder China gibt es bis heute offiziell keine Editionen zu kaufen.

Martin Oversohl/DPA, mb / DPA