Mordfall Hannah Leere, Trauer, Schmerz


"Jetzt fehlt uns jemand aus unserer Mitte" - die Familie der ermordeten Hannah hat den Tod ihrer Tochter überhaupt noch nicht verarbeitet. Die geflüsterte Entschuldigung des Angeklagten Zdenek H. kann daran nicht viel ändern.
Von Christian Parth, Bonn

Als Volker W. gegen 10.45 Uhr den Gerichtsaal 0.11 im Bonner Landgericht verlässt, sucht er zwei Mal den Blickkontakt mit dem Peiniger seiner Tochter. Vergeblich. Denn Zdenek H. hat seinen Kopf voller Scham in den Handflächen vergraben. Keinesfalls will er das Gesicht jenes Mannes sehen, dessen Tochter Hannah er am 29. August entführt, auf einem Busparkplatz in Königswinter-Oberdollendorf vergewaltigt und anschließend mit 16 Messerstichen getötet hat.

Volker W. hatte zuvor einen bewegenden Bericht über die Situation seiner Familie gegeben, flankiert von seiner Ehefrau und der Anwältin der Nebenklage. "Wie viele Personen sind in ihrer Familie?", fragte der vorsitzende Richter Udo Buhren. "Fünf", antwortet W. spontan. "Fünf mit Hannah, ohne sie sind es vier." Dann schildert er mit beeindruckender Gefasstheit, was für ein Mensch seine Tochter war. "Offen, aufgeschlossen, kraftvoll, voller Lebenslust und Lebenshunger."

Der Drang nach Freiheit

In der Vergangenheit habe er oft harte Kämpfe mit dem pubertierenden Teenager geführt, weil ihr Drang nach Freiheit so groß gewesen sei. Doch im letzten halben Jahr habe man das gemeinsam gut in den Griff bekommen. "Jetzt fehlt uns jemand aus unserer Mitte", sagt W. "Es hat uns vor unlösbare Probleme gestellt." Die beiden anderen Töchter, beide stehen kurz vor dem Abitur, plagen sich seit dem Tod ihrer Schwester mit Alpträumen und Ängsten. In der ganzen Familie herrsche "Leere, tiefe Trauer und Schmerz." Beide Elternteile können derzeit nicht arbeiten. Erzieher Volker W. hat zudem mit Herz- und Kreislaufproblemen zu kämpfen. Sie haben sich einen Psychologen zur Seite geholt, der behilflich sein soll, die Familie zurück in den Alltag zu holen.

Die entscheidende Frage am zweiten des auf drei Tage angesetzten Prozesses im Mordfall "Hannah" war die nach der besonderen Schwere der Schuld. Das Verlangen vieler Zuschauer, den gebürtigen Tschechen Zdenek H. für immer hinter Gitter zu sperren, wurde zunächst durch die Aussagen des Fahrlehrers noch verstärkt. Wenige Tage nach der Tat sei der Angeklagte noch zum Theorie-Unterricht in die Fahrschule gekommen. Als die Schüler darüber phantasierten, wie mit dem Täter umzugehen sei, habe Zdenek in einer hinteren Reihen des Schulungsraums gesessen und nur gelacht. Und nicht nur das: Wenn er sich recht entsinne, sagte der Fahrlehrer, habe Zdenek sogar selbst Anregungen gegeben.

Einen Blick in den sozialen Abgrund des Angeklagten eröffnete dessen bisheriger Lebenspartner Jens Uwe D. Der 53-jährige hat für den Gerichtstermin seinen gewaltigen Leib in eine Stoffhose gesteckt, die von blauen Hosenträgern gehalten wird. Der homosexuelle Busfahrer, der Hannah selbst oft beförderte, hatte Zdenek H. vor sieben Jahren in einer Prager Schwulenbar aufgegabelt und mit nach Deutschland genommen. Liebe soll es gewesen sein, im Gerichtssaal indes ist man eher von sexueller Gier überzeugt.

Unreif, aber zu Mitgefühl fähig

Seit Januar dieses Jahres war es aber auch damit vorüber. Aufgrund mehrerer Erkrankungen sei D. seitdem impotent. Ein intellektueller Austausch zwischen dem Busfahrer und seinem Buswäscher hat dagegen gar nicht stattgefunden. An den Tatabend kann sich D. etwa nur deshalb noch erinnern, weil Zdenek vergessen hatte, die Aufnahme seiner Lieblingsserie "Stargate" zu programmieren. Deshalb sei D., der seinen jungen Liebhaber nach dessen bestialischem Mord gegen Mitternacht mit Küsschen auf der Wohnzimmercouch begrüßte, sehr "sickig" gewesen. Ob man in den Tagen darauf über die Tat gesprochen habe? "Nicht viel", antwortete D., um dann die Empörung der Zuschauer weiter zu nähren. "Eigentlich hat es mich auch nicht interessiert. Wäre ein Junge weggekommen, hätte ich mir mehr Sorgen gemacht."

Das Bild von der missratenen Entwicklung des Zdenek H. wurde vom psychiatrischen Gutachter komplettiert: Aufgewachsen im tschechischen Ostrau, kalter Vater, mit 17 wegen zwei gestohlener Zigarettenschachteln nach Prag geflüchtet, schwules Bahnhofsmilieu, Faszination für Travestiekünstler, bis heute unreif, aber durchaus zu Mitgefühl fähig.

Unbeeindruckt von Zdeneks Hintergrund forderte Staatsanwalt Michael Hermesmann in seinem abschließenden Plädoyer eine lebenslange Freiheitsstrafe mit Feststellung der besonderen Schwere der Schuld. Lebenslang, führte Hermesmann aus, bekomme er schon allein für seine Messerstiche, ein regelrechtes "Abschlachten seines Opfers". Berücksichtigt werden müssten aber auch die vier Stunden, "in denen Hannah ein Martyrium durchlebt hat. Ohne die Möglichkeit zu schreien, sich zu äußern, gefesselt und geknebelt."

"Geschlechtsorgan auf zwei Beinen"

Zdeneks Verteidiger Uwe Krechel forderte dagegen eine einfache lebenslange Freiheitsstrafe und begründete dies hauptsächlich mit dem sozialen Hintergrund seines Mandanten. Seine Jugend in Prag sei nichts als ein "schwarzes Loch" gewesen. Dann sei auch noch ein "dicker deutscher Tourist" gekommen, der nur "Frischfleich mit beruflicher Hintergrunderfahrung" gesucht habe und der den Knaben dann sieben Jahre lang hielt wie ein "Spielzeug". Ein Vorbild sei ihm der reifere Liebhaber jedenfalls nicht gewesen, sondern allein ein "Geschlechtsorgan auf zwei Beinen".

Nach den Plädoyers hatte Zdenek H. das letzte Wort. Hinter eingerollten Panzerglastüren sitzend, flüsterte er ins Mikro: "Ich möchte sagen, dass mir die Sache wirklich leid tut." Das Urteil wird am sechsten Dezember gesprochen.


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