Mormonenführer "Polygamie ist bei uns verboten"


Ein Mormone als US-Präsident? Der Republikaner Mitt Romney will dies schaffen. Doch die Skepsis in den USA ist groß, das Mormonentum ist als Sekte verschrien. Im stern.de-Interview wehrt sich Frerich Görts, oberster Mormone in Deutschland, gegen diese Vorwürfe und äußert sich zu Vielweiberei und Homosexualität.

Herr Görts, John F. Kennedy wurde 1961 als erster Katholik zum US-Präsidenten gewählt. Nun bewirbt sich der Mormone Mitt Romney für die Kandidatur der Republikaner. Wie wichtig wäre ein Mormone im Weißen Haus für Ihre Glaubensgemeinschaft?

Die Mitglieder würde es sicher freuen. Mit ihren 13 Millionen Mitgliedern ist die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage eine relativ kleine Organisation im Vergleich zu anderen. Und wenn aus einer solch kleinen Organisation jemand ein so hohes Amt bekleidet, wäre das für ihn etwas ganz Besonderes. Der Kirche als solches ist das ziemlich egal.

Aber es wäre für Ihre Glaubensgemeinschaft doch ein großer Marketingerfolg. Und wenn der mächtigste Mann der Welt ein Mormone ist, könnte die Kirche ziemlichen Einfluss ausüben.

Auch bei Kennedy hatte man die Sorge, dass ihm der Vatikan das politische Programm diktiert. Das war damals nicht der Fall, und das würde auch bei uns nicht passieren, da wir für die Trennung von Staat und Kirche sind. Aber natürlich hat jeder Politiker, egal woher er kommt, eine geistige und soziokulturelle Sozialisation genossen. Und das fließt auch in die Politik mit ein.

Welche Besonderheiten wird Romney einfließen lassen?

Wir vertreten Werte des christlichen Mainstream. Unsere Kirche hat, was gesellschaftliche Themen angeht, keine wesentlich anderen Positionen als andere christliche Kirchen. Die Unterschiede liegen eher in theologischen Fragen.

Aber wie erklären Sie sich dann die Skepsis gegenüber Mitt Romney?

Unsere Kirche ist zwar die viertgrößte in den USA, trotzdem ist auch dort die Unkenntnis groß. Und deshalb halten sich viele Vorurteile hartnäckig. Von der Polygamie angefangen bis hin zu Vorwürfen, wir würden uns nicht in die Gesellschaft integrieren.

Sie sprechen die Vorwürfe an. In Deutschland denken viele beim Stichwort Mormonen an Polygamie.

Seit knapp 120 Jahren ist die Polygamie in der Kirche der Heiligen der Letzten Tage verboten. Trotzdem hält sich dieses Gerücht hartnäckig.

Warum?

Weil es in den USA noch Gruppen gibt, welche die Polygamie praktizieren. Aber sie haben mit unserer Kirche nichts zu tun, werden mit uns trotzdem immer in einen Topf geworfen. Also noch einmal ganz klar: Unsere Kirche hat nichts mit Polygamie zu tun. Wer dagegen verstößt, wird exkommuniziert.

Das mag für die Gegenwart gelten. Doch Ihre Glaubensgemeinschaft ist nicht dafür bekannt, mit diesem dunklen Kapitel ihrer Geschichte offen und ehrlich umzugehen.

Da gibt es nichts zu leugnen. Die Kirchengeschichte kann jeder nachlesen, und es ist bekannt, dass unsere Kirchenführer früher Polygamie praktiziert haben. Aber das ist Geschichte.

Mormonen wird vorgeworfen, ein sehr konservatives, wenn nicht sogar rückständiges Familien- und Frauenbild zu propagieren. Ein gerechtfertigter Vorwurf?

Wir machen keine Vorgaben, wie Frauen ihr Leben gestalten sollen. Wir legen viel Wert darauf, dass Mädchen eine gute Ausbildung bekommen. Aber Frauen bekommen nun mal Kinder und haben eine dominante Stellung in der Aufzucht der Kinder. Trotzdem sind die Männer hier ebenso gefragt. Die gleichberechtigte Partnerschaft steht bei uns im Mittelpunkt. Und generell spielen Frauen eine herausragende und führende Rolle in unserer Kirche…

…Aber sie dürfen kein Priesteramt ausfüllen.

Doch dadurch werden sie nicht diskriminiert, denn wir haben kein Berufspriestertum, sondern nur ehrenamtliche Aufgaben. Wir grenzen Frauen also nicht von einem Beruf aus. Frauen predigen und beten in der Kirche und nehmen an dem religiösen Leben wie die Männer teil. Aber einige sakramentale Dinge sind den Geistlichen vorbehalten.

Aber warum nur den Männern?

Es gibt in jeder Religion einige Dinge, die man nicht mehr hinterfragen kann, wenn sie göttlich offenbart sind. Die ist so, und damit leben wir.

Kommen wir zu einer anderem Thema: Ihr Kirchenpräsident Gordon B Hinckley spricht bei Homosexuellen von Leuten, die "bestimmte Neigungen haben, die sehr stark sind und die sie vielleicht nur schwer in den Griff bekommen können". Das klingt nicht gerade modern. Ist ihre Glaubensgemeinschaft homosexuellenfeindlich?

Man muss hier unterscheiden: Auf der einen Seite ist die Art, wie jemand veranlagt ist. Egal, ob Homosexualität angeboren oder anerzogen ist. Die sexuelle Neigung interessiert die Kirche nicht. Auf der anderen Seite ist die Form, wie jemand seine sexuellen Präferenzen lebt. Da haben wir klare Regeln. Die monogame Ehe ist für uns die bevorzugte Lebensform. Außerhalb der monogamen Ehe erlauben wir keine sexuellen Beziehungen. Und das gilt für alle, auch für Homosexuelle. Wir haben keine Probleme mit Homosexuellen. Aber wie in anderen Glaubensgemeinschaften auch, gibt es in der Kirche Jesu Christi Regeln und Grundsätze, die sich aus dem Glauben an Gott und seinen Grundsätzen ableiten. So sind wir der Ansicht, dass gleichgeschlechtliche Partnerschaften nicht gleichberechtigt sind mit der Ehe zwischen Mann und Frau.

Das Mormonentum wird oft als Sekte bezeichnet. Übrigens ein Grund, warum viele Wähler in den USA Probleme mit Mitt Romney haben. Wie reagieren Sie auf diese Kritik?

Wir sind keine Sekte und auch in Deutschland als Kirche anerkannt. Der Begriff Sekte ist unscharf und impliziert unter anderem, dass Mitglieder Gehirnwäschen ausgesetzt sind. Soetwas praktizieren wir nicht Aber jede Religion übt mit ihren Lehren Einfluss aus. Und auch wir erziehen unsere Kinder natürlich nach den Regeln des christlichen Glaubens. Aber mit Indoktrinierung hat das nichts zu tun.

Welchen Status hat ihre Kirche in Bezug auf andere christlichen Kirchen: Begreifen Sie sich wirklich als einzig maßgebliche von Gott gewollte Institution?

Wir haben mit den anderen christlichen Kirchen vieles gemeinsam. So etwa den Glauben an Jesus Christus, den Besuch von Gottesdiensten, das Abendmahl einzunehmen, humanitäre Hilfe zu leisten. Zudem sind das Alte und das Neue Testament Grundlage unserer Religion. Wir stehen nicht über den anderen Kirchen.

Interview: Malte Arnsperger

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