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Müllhalde in Palästina: Überleben im Dreck

Im krisenschüttelten Westjordanland fehlt es an Vielem. Meist gibt es noch nicht mal genug Essen und ganze Familien müssen hungern. Weil Arbeitsplätze rar sind, klauben sie sich das Nötigste auf Müllkippen zusammen. So wie der 14-Jährige Muhammad.

Schwer hängt der süßlich-faulige Geruch in der Luft. Überall sind Fliegen. Bei jedem Schritt schwirren hunderte umher und heften sich an ihn, an seine schmutzige Kleidung, an sein von Sonne und Dreck fast schwarzes Gesicht. Issa hat sich daran gewöhnt. Wie an den Abfall, der unter seinen Füßen vor sich hin gärt, wie auch an den Gestank. "Mein Leben ist hier", sagt der 22-Jährige. Hier, auf der Müllkippe von Jatta, auf der er mit zahlreichen anderen Palästinensern seinen Lebensunterhalt bestreitet.

Das 144.000 Quadratmeter große Areal liegt 17 Kilometer südlich von Hebron im Westjordanland. Mitten in der idyllischen Landschaft zwischen der Stadt Jatta und dem Dorf Ad-Dirat werden die Abfälle aus der Region gesammelt - etwa 400 bis 500 Tonnen täglich. "Der Müll wird einfach mit Sand bedeckt", sagt Yasser Dweik, Abfallbeauftragter der Gemeindeverwaltung Hebron. "Es ist keine richtige Deponie, nur ein Lagerplatz."

Israels Abfälle sind heißbegehrt

Ein Lagerplatz, der für zahlreiche Menschen aus Jatta und Ad-Dirat zur Existenzgrundlage geworden ist. Besonders junge Männer und Kinder suchen auf der Halde nach Metall, Plastik und anderen Dingen, die sie verkaufen oder selbst gebrauchen können. "Die wirtschaftliche Situation in Palästina ist sehr schlecht", sagt Dweik. Etwa 60 bis 100 Familien, schätzt er, leben von dem Müll aus Jatta. Besonders beliebt sei der "qualitativ hochwertigere" Abfall aus den jüdischen Siedlungen. "Wenn der Laster aus Kirjat Arba kommt, hängen sich die Leute ans Tor, springen auf die Ladefläche und wühlen mit ihren bloßen Händen im Müll", erzählt Dweik.

Groß ist die Ausbeute zurzeit jedoch nicht. "Die Sachen, die noch gut sind, verkaufen die Siedler jetzt lieber selbst", sagt Ali. Der 20-Jährige trägt ein rotes Palästinensertuch um Mund und Nase, um dem Gestank zu trotzen. Früher hat Ali häufiger kleine Schätze gefunden. "Hier", sagt er stolz und zieht ein altes Handy aus der Hosentasche. Er drückt auf die Knöpfe - und nichts passiert. Doch Ali strahlt. Für einen Moment. Dann verdunkelt sich seine Miene wieder. "Aber jetzt ist der Müll sehr schlecht, egal ob von Palästinensern oder von Juden."

Der Müll ernährt eine ganze Familie

Auch Issa ist frustriert. "Ich mache hier zehn bis 20 Schekel am Tag", sagt er. Umgerechnet etwa zwei bis vier Euro. "Das reicht nicht mal für das Benzin hierher." Seit neun Jahren arbeitet er auf der Halde. Mittlerweile sind auch seine Brüder, zehn und zwölf Jahre alt, im Einsatz. Täglich von fünf Uhr früh bis fünf Uhr spät, um das Auskommen der sechsköpfigen Familie zu sichern. "Früher habe ich auf Baustellen in Israel gearbeitet, aber da kann ich nicht mehr hin", sagt Issa.

Seit dem zweiten Palästinenseraufstand Intifada hat Israel die Bewegungsfreiheit der Bewohner des Westjordanlandes stark eingeschränkt. Nach Israel darf nur einreisen, wer eine Genehmigung hat. Viele Palästinenser leiden seitdem unter Armut und Arbeitslosigkeit. Laut der israelischen Menschenrechtsorganisation B'tselem war vor der zweiten Intifada rund ein Viertel der erwerbstätigen Palästinenser in Israel beschäftigt. 2007 war es weniger als ein Zehntel.

Die Gemeindeverwaltung von Hebron weiß um das Schicksal der Menschen und duldet die Müllsammler von Jatta. Dweik hofft aber, dass er ihnen bald eine Alternative bieten kann. Die Stadt Hebron plant zurzeit ein Projekt mit der Weltbank. "Anfang 2009 wollen wir eine richtige Mülldeponie bauen", sagt Dweik. "Dort sollen die Leute aus Jatta in der Wiederaufbereitung angestellt werden." Der derzeitige Umgang mit dem Abfall im Westjordanland sei schädlich für Grundwasser, Luft und Gesundheit. "Der Müll ist eine Bombe. Das müssen wir auch den Menschen bewusst machen."

"Zehn Euro würden zum Überleben reichen"

Muhammad interessiert nicht, ob der Abfall ihm schadet. Mit seinen dreckigen, kleinen Fingern durchwühlt der 14-Jährige einen Berg aus Essensresten, Papier, vergammelten Sachen. Ohne Handschuhe. Das Überleben zählt, das nächste Stück Metall, das Geld bringt, das nächste Essen. "Klar hätten wir gerne eine normale, saubere Arbeit", sagt Ali, der am Rand der Halde steht. "Aber uns wurde schon so viel gesagt, und nichts ist passiert." Auch für ihn zählt allein die blanke Existenz, mehr kann und will der 20-Jährige sich gar nicht für seine Zukunft vorstellen. "Ich möchte einfach irgendeine Arbeit für 50 Schekel (umgerechnet etwa zehn Euro) am Tag, mit der ich überleben kann. Das reicht schon."

Indra Kley/DPA / DPA
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