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Spreehotel in Bautzen: Check-in Deutschland

In einem ehemaligen Sterne-Hotel in Bautzen leben 240 Asylbewerber. Sie warten darauf, dass ihr Leben endlich beginnt. Tagebuch aus einer Zwischenwelt.

Die frühere Rezeption des Spreehotel in Bautzen ist heute die Schaltzentrale des Flüchtlingsheims. Das Team ist international, für Arabisch, Hindi, Französisch, Englisch, Spanisch und Russisch brauchen sie nicht mal Dolmetscher.

Die frühere Rezeption des Spreehotel in Bautzen ist heute die Schaltzentrale des Flüchtlingsheims. Das Team ist international, für Arabisch, Hindi, Französisch, Englisch, Spanisch und Russisch brauchen sie nicht mal Dolmetscher.

Spät in der Nacht fährt ein Reisebus durch die dunkle, leere Oberlausitz den kleinen Weg hoch zum Spreehotel. Für einen Moment sieht es aus wie früher. "Schmetterling-Reisen" steht auf dem Bus, "so vielseitig wie die Welt". Der Bus ist gechartert, er verteilt neue Flüchtlinge auf die Unterkünfte im Landkreis ; Männer, Frauen, kleine Kinder mit verschlafenen Gesichtern, im Gepäckraum eingerissene Tüten, Koffer und ein verbeultes Bobbycar, das aussieht, als hätte es persönlich einen Bürgerkrieg überlebt.

Manchmal fühlt es sich noch an wie früher, nur dass die Gäste keine Urlauber sind: Der Fahrer eines Busunternehmens checkt die Passagierliste.

Manchmal fühlt es sich noch an wie früher, nur dass die Gäste keine Urlauber sind: Der Fahrer eines Busunternehmens checkt die Passagierliste.

46 Leute hat der Busfahrer heute Nacht auf seiner Liste, fürs Spreehotel sind drei Personen avisiert, aber nur ein schlaksiger junger Mann steigt aus. Man hat schon an mehreren Stationen gehalten, ein paar Flüchtlinge sind unterwegs verloren gegangen, verschwunden, falsch ausgestiegen oder gar nicht erst eingestiegen, das lässt sich wohl nicht mehr herausfinden. Der eine jedenfalls ist hier richtig, zugewiesen aus dem umkämpften Erstaufnahmelager in Heidenau. Er heißt Hamid und weiß gar nicht genau, wo er jetzt ist, wie die Stadt heißt, oder das Bundesland, nur gehofft hatte er, dass es weit weg ist von dort, wo er herkommt.

Im Spreehotel geben sie ihm Bettwäsche, die Zimmernummer, die Hausordnung auf Arabisch. Aber Hamid kann nur wenig lesen, eine Schule hat er nie besucht. Er stammt aus Marokko, ist 29 Jahre alt, von Beruf Schlachter, seit Monaten unterwegs. Egal jetzt, für heute reicht’s. Die Hausordnung können ihm die anderen erklären, Schlüsselpfand ist 15 Euro, gute Nacht. Aber Hamid hat keine 15 Euro. Er hat gar kein Geld. Auch egal. Jetzt erst mal braucht er ja keinen Schlüssel, sondern nur sein Bett.

Das Spreehotel war früher Edelhotel, Konferenzzentrum und Ziel für den Familienurlaub und Busreisen. Seit eineinhalb Jahren ist es eine Unterkunft für Asylbewerber.

Das Spreehotel war früher Edelhotel, Konferenzzentrum und Ziel für den Familienurlaub und Busreisen. Seit eineinhalb Jahren ist es eine Unterkunft für Asylbewerber.


Landkreis Bautzen. 300 000 Einwohner, verteilt auf 2400 Quadratkilometer, eine ziemlich leere Gegend. NPD knapp sechs Prozent, Ausländeranteil 1,2 Prozent. Sachsen, sagt man hier, sei, was Flüchtlinge betrifft, so etwas wie das Ungarn von , und bei manchen klingt da Stolz mit. Mehr Übergriffe auf Flüchtlinge und Unterkünfte gab es nirgends, nirgends mehr Pegida, nirgends mehr rechte Gewalt, nirgends weniger Ausländer.

Schicke Möbel, feine Bäder, gute Betten und Frühstück ans Bett - so ist es nicht im Spreehotel. Schön ist es trotzdem.

Das Spreehotel von Peter Rausch ist ein ehemaliges Viersternehaus unweit von Bautzen, eine der Unterkünfte, in der der Landkreis seit anderthalb Jahren seine Asylbewerber unterbringt. Was gleich nach Bekanntwerden für eine Menge Hass und Wut sorgte. Bierflaschen flogen über den Zaun, junge Männer mit wenig Haaren fuhren vor und pinkelten auf das Gelände, schrien Parolen und warfen Steine. Im Internet tobte der Volkszorn: Ein Viersternehotel mit schicken Möbeln, feinem Bad und guten Betten, mit Bildern an den Wänden und edlen Vorhängen für Flüchtlinge, muss das denn sein? Hört sich nach Livree an und weißen Handschuhen und nach Frühstück ans Bett.

Das ist es nicht. Aber schön ist es trotzdem. Schön gelegen auch, wenn man Seen mag, Natur und in der Ferne die Silhouette der Königsstadt Bautzen.

Das Spreehotel liegt in Burk im Landkreis Bautzen in der Oberlausitz.

Das Spreehotel liegt in Burk im Landkreis Bautzen in der Oberlausitz.

Im Jahr 2000 war der aus dem Schwarzwald stammende Peter Rausch nach Burk gekommen, einer kleinen, zu Bautzen gehörenden Siedlung an einem Stausee aus der Spree. Rausch war 42 und wollte nach einer Hotelkarriere in Spitzenhäusern zwischen London, Wien, Damaskus und Amman schon lange sein eigenes Ding machen. Dann kam das Angebot: ein Hotel am See in der schönen Oberlausitz, ein kleines Resort mit großen Plänen. 14 Jahre lang hat Rausch mit dem Haus alles versucht: Edelhotel, Konferenzzentrum, Familienurlaub, Busreisen. Es kamen nicht genug, es blieben nicht genug, er stand vor dem Ruin. Den Winter 2014 hätte er finanziell nicht mehr überlebt. Rausch macht keinen Hehl daraus, dass die Idee, ein Asylheim aus seinem Hotel zu machen, aus der Not geboren war.

Und zwar aus seiner, wie er im Video erzählt:

Um zehn Uhr am Morgen beginnt im Konferenzraum "Bielefeld" der Deutschkurs für die, die keinen Anspruch auf einen Deutschkurs haben oder die keinen abbekommen an der Berufsakademie oder der Volkshochschule. Es ist ein gepflegter Saal, sie haben Tische und Stühle, sie haben einen Beamer und eine Tafel, und sie haben ihre Ruhe. Martin Schneider heißt der junge Bautzener, der den Kurs dreimal die Woche gibt. Er ist Erzieher, arbeitet in der Kinderpsychiatrie, seine Kernarbeitszeit ist nachmittags, und "da habe ich doch eigentlich Zeit". Das Material ist selbst gebastelt, Geld kriegt er keins, aber die Stimmung ist gut, Motivation und das Niveau sind hoch, bei ihm und bei seinen Schülern.

Nichts dauert länger als Warten

Bei Diana und Dschuliana zum Beispiel, zwei Schwestern aus Kirkuk im Irak, die mit der Mutter vor dem Krieg geflohen sind. Für das letzte Geld haben die beiden ihr einen gefälschten Pass gekauft und ein Ticket für ein Touristenschiff. Sie selbst sind zu Fuß gelaufen, wochenlang, durch die Städte und Wälder und Straßen Europas. Sie haben in mazedonischen Vorgärten geschlafen, sie haben sich in Serbiens Wäldern überfallen lassen, sie haben in Ungarn im Knast gesessen, und irgendwie und irgendwann ging es immer weiter. Zuletzt sind sie in einer Gruppe gelaufen, sie lachen, und Dschuliana sagt: "Die, die ihr im Fernsehen gesehen habt, auf der Autobahn, das waren wir." Nun sitzen sie hier in Bautzen im Sprachkurs.

Die beiden Schwestern Diana und Dschuliana sind quer durch Europa gelaufen. Zusammen bewohnen sie ein Doppelzimmer. Die Mutter hat es nach Kassel geschafft.

Die beiden Schwestern Diana und Dschuliana sind quer durch Europa gelaufen. Zusammen bewohnen sie ein Doppelzimmer. Die Mutter hat es nach Kassel geschafft.

Mit Syrern, Palästinensern, Albanern, mit dem tschetschenischen Journalisten Rasandin, mit dem blassen Jurastudenten Hamid aus Damaskus, mit der nur Hindi sprechenden Gitti aus Indien, die so aufgeregt ist, dass sie beim Sprechen das Atmen vergisst. Lernen Modalverben und fragen sich, was der Unterschied ist zwischen "müssen" und "sollen", zwischen "möchten" und "wollen" und vielleicht auch zwischen dem, was man ersehnt, und dem, was man irgendwann bekommt.

Sie lachen viel.

Der Deutschkurs ist vorbei, es ist zwölf, der Himmel ist grau und noch so verdammt viel Tag übrig. Muchtar aus Afghanistan, der schon Dari und Englisch spricht, geht auf sein Zimmer, um sich um seinen Sohn zu kümmern, der Artin heißt, "wie Martin ohne M", sagt Muchtar und grinst. In Afghanistan hatte er eine Logistikfirma, die für die Amerikaner gearbeitet hat, seit acht Monaten ist er mit seiner Familie in Deutschland. Ahmad geht "zur Arbeit", er betreibt den Waschsalon im Hotel, für einen Euro fünf die Stunde hilft er den Mitflüchtlingen beim Bedienen der Maschinen, reinigt und repariert. Ein paar gehen lernen, ein paar gehen einkaufen, jemand hat einen Arzttermin. Aber irgendwann ist halt das Zimmer gesaugt, das Essen gekocht, sind die Einkäufe gemacht. Wenigstens gibt es Internet.

Man kann noch ins ehemalige Restaurant gehen oder in die Bar, die selbstverständlich nicht mehr in Betrieb ist, und sich auf eines der Sofas setzen. Oder runter an den See, aber was soll man da? Auf Wasser haben die meisten hier viel zu lange gestarrt.

Die Schreckensbilder der Flucht und was man verloren hat, das verarbeitet jeder für sich. Heimweh, ja, das gibt es auch.

Diese elende Warterei. Die abgesessenen Sofas vor der Rezeption, die gefegten Fliesen, die anderen, die auch nur im Eingangsbereich rumhängen, auf ihr Handy starren, die Badelatschen, die sie alle im Haus tragen, tausendmal gegen die Fersen geschnippt im Sekundentakt, die Gerüche der anderen, ihr Essen, ihr Lärm – das nervt. Sie sitzen da, viele mit halb geschlossenen Lidern. Irgendwann kann man das alles nicht mehr sehen. Sie reden wenig, es ist auffällig still im Haus, selbst an voll besetzten Tischen wird, die Köpfe in die Hände gestützt, geschwiegen. Was sie sich erzählen wollten, ist bereits erzählt, etwas Neues passiert gerade nicht, die Nachrichten aus der Heimat, die Schreckensbilder der Flucht und was man verloren hat, verarbeitet jeder für sich. Heimweh, ja das gibt es auch. Ein Haustier wäre gut, sagt einer in die Stille. Irgendwas, um das man sich kümmern könnte.

Was sollen sie bloß tun? Hier warten sie, dass es endlich vorwärtsgeht oder wenigstens irgendwie weiter, zur Not auch zurück. Zu Hause wartet die Familie auf gute Nachrichten, dass man es schafft, dass man es geschafft hat und dass man vielleicht sogar Geld schickt oder ein Visum für die Kinder. Das Leben ist eine Lotterie, es geht nicht der Reihe nach, und wer es bisher noch nicht wusste, der lernt es jetzt.

Plötzlich braucht man ein Altenheim, einen Krötentunnel

Manche Syrer hier warten seit zwölf Monaten auf den Fortgang ihres Verfahrens, andere sind drei Wochen da, dann sind sie anerkannt und können weiterziehen und sich ein Leben aufbauen. Manche der Bewohner haben "keine Bleibeperspektive", wie der rote Balken im Ausweis neudeutsch so schön heißt, wollen freiwillig ausreisen und können nicht, weil es Monate dauert, bis die Außenstelle des Bundesministeriums für Migration und Flüchtlinge in Chemnitz dem Ausländeramt in Kamenz die Pässe zurückschickt.

Aber auch, wenn man anerkannt ist, kann man noch Pech haben. Das Heim verlassen können die Leute erst, wenn sie Ausweispapiere haben, und die kriegen sie nur, wenn sie Fingerabdrücke abgeben konnten, und dazu brauchen sie einen Termin, und auf den müssen sie: warten. Und da die Fingerabdruck-Maschinen gerade Mangelware sind: lange. In der Zeit belegen sie Betten, die dringend gebraucht würden, und ihr eigenes Leben kommt komplett zum Stillstand. Ab dem Tag der Anerkennung nämlich ist nicht mehr die Ausländerbehörde zuständig, sondern die Agentur für Arbeit, die aber erst "tätig" wird, also Krankenversicherung, Wohnkosten und Lebensunterhalt übernimmt, Deutschkurse oder Ausbildung oder Arbeit vermittelt, wenn Ausweispapiere vorliegen, die wiederum erst ausgestellt werden, wenn … siehe Anfang. Bevor es also besser wird, wird es erst noch einmal schlechter. Warum man nicht einfach die Fingerabdrücke verwendet, die man sowieso schon aus dem Asylverfahren hat, weiß kein Mensch.

Eindrücke aus dem Spreehotel
Die Zwillingsmädchen Mira und Maria sind mit ihren Eltern übers Mittelmeer geflohen. Zweieinhalb Tage waren sie dem Tode näher als dem Leben.

Die Zwillingsmädchen Mira und Maria sind mit ihren Eltern übers Mittelmeer geflohen. Zweieinhalb Tage waren sie dem Tode näher als dem Leben.

***

In dem kleinen Örtchen Burk, 534 Einwohner, das zu Bautzen gehört, sah man die Umwandlung des Hotels in ein Flüchtlingsheim mit Misstrauen. Irgendwas ist ja immer, wenn ein Asylheim vor der Tür entstehen soll. Dann braucht man plötzlich ein Altenheim, genau dort, ein Naturschutzgebiet, einen Krötentunnel, einen Kinderspielplatz, ganz dringend, genau da, jetzt sofort. Es ist schon erstaunlich, wer plötzlich alles die Kinder, die Kröten oder auch die Frauen- und Schwulenrechte für sich entdeckt. Die Burker wurden einfach vor vollendete Tatsachen gestellt.

Dass er mit seinem Flüchtlingsheim die dringend nötige Entwicklung des Freizeitgeländes Stausee verhindert, wie die Burker ihm vorwerfen, scheint Peter Rausch aber ein vorgeschobenes Argument. Der Stausee, findet Rausch, ist groß genug für alle, im Sommer kann man sowieso nicht darin baden, weil er immerzu Blaualgen hat, was an der Gülle liegt, mit der zu Ostzeiten der See geflutet wurde. Der Bau eines öffentlichen Klohäuschens zieht sich seit 15 Jahren hin, und auch sonst ist einiges schiefgegangen. Es gab keine Entwicklung, die er hätte stoppen können.

Wahr ist aber, dass er mit seinem Flüchtlingsheim bis vor Kurzem eigentlich illegal war, weil der Bebauungsplan ein Asylheim nicht zuließ. Dass die Leute aus Burk sich ein bisschen ausgetrickst fühlen von der Politik, kann nachvollziehen. Am Anfang musste er nämlich ein paar Hotelzimmer vorhalten, damit man offiziell behaupten konnte, ein Hotel zu sein. Irgendwann aber brauchte der Landkreis jedes Zimmer und jedes Bett, und da hatten die Fakten die Vorschriften einfach überholt.

Einen guten Start hatten sie auch nicht gerade, das gibt Peter Rausch zu. Es gab eine schwere Körperverletzung am See, und es gab eine blutige Auseinandersetzung unter Bewohnern, und einmal hat ein Heimbewohner leere Bierflaschen über den Zaun auf den Tennisplatz geworfen. Rausch hat sie selbst wieder eingesammelt, aber da war schon nichts mehr zu retten. Den Ärger, den sie bisher hatten, sagt Rausch, den hatten sie vor allem mit jungen Männern aus Tunesien:

Von den jungen Albanern hingegen, über die immer alle schimpfen, schwärmt Rausch in den höchsten Tönen. Wie höflich die seien und hilfsbereit, wie fleißig und lernbegierig. Die agierten nach dem Motto: Du hast keine Chance, also nutze sie. Anderswo ist es andersrum oder noch ganz anders, und das beweist nur eines: Wenigstens die Menge der Arschlöcher hat der liebe Gott offenbar gerecht auf alle Nationen verteilt.

Rausch hat 18 Hotelangestellte entlassen müssen, zwei behalten und sechs andere wieder eingestellt. Uwe Günzel zum Beispiel, ein Mann Anfang 50, gelernter Instandhaltungsmechaniker, Inhaber des schwarzen Judogurts, der seine Liebe zum Judoklub Großdubrau täglich auf seinen T-Shirts spazieren trägt. Günzel hatte schon einmal in einem Asylbewerberheim gearbeitet, dann wurde er arbeitslos. Bevor er als guter Geist im Spreehotel wieder anfing, erhielt er Hartz IV.

"Mama Renate" (oben) hört einfach zu. Sozialarbeiter Steffen Grundmann (unten) hat sich sofort beworben, als er hörte, dass das Spreehotel Flüchtlingsunterkunft wird.

"Mama Renate" (oben) hört einfach zu. Sozialarbeiter Steffen Grundmann (unten) hat sich sofort beworben, als er hörte, dass das Spreehotel Flüchtlingsunterkunft wird.

Renate Lindner, von allen im Heim "Mama Renate" genannt, hatte schon mal ein Asylheim geleitet. Rausch hat Marcos Nogueira, einen Brasilianer, für das Reinigungs- und Logistikmanagement übernommen, er hat den Inder Pardeep Singh als Hausmeister, er hat Firas al-Habbal, der vor 16 Monaten als syrischer Flüchtling nach Bautzen kam, als Vollzeit-Übersetzer im Spreehotel angestellt. Und er hat den Bautzener Sozialarbeiter Steffen Grundmann geholt, der sich, eine Stunde nachdem Gerüchte die Runde machten, dass das Spreehotel eine Asylunterkunft wird, bei ihm bewarb. Grundmann arbeitet Vollzeit, macht drei Spätschichten in der Woche, die anderen teilen sie sich. Von 24 Uhr bis 8 Uhr morgens gibt es Wachschutz, und immer gibt es: Peter Rausch. Er wohnt nämlich selbst in einer Wohnung im Heim. Die Wege sind kurz, das ist praktisch und unpraktisch zugleich. Wirklich tiefen Schlaf hat Peter Rausch nicht oft.

Rausch findet es nicht verwunderlich, dass es wenig ernsthafte Konflikte gibt unter den Bewohnern, wenig Vandalismus, wenig Gewalt. Weil die Räumlichkeiten schön sind, weil es genügend Sanitäreinrichtungen gibt, gibt es Privatsphäre, und damit ist ein Großteil der Konflikte gar nicht da. Weil es immer jemanden gibt, der übersetzen kann, entfallen viele Missverständnisse. Es gibt Gemeinschaftsräume und sogar eine kleine Turnhalle mit Matten, Tischtennis und Kicker für die Kinder. Es gibt einen kleinen Laden mit arabischen Lebensmitteln, den ein inzwischen anerkannter Flüchtling für 50 Euro Miete im Monat betreibt, es gibt Fernseher in der Lounge, es gibt die Waschmaschinen, es gibt Staubsauger zum Ausleihen.

Die Islamisierung des Abendlands ist zumindest in Bautzen anscheinend nicht besonders weit vorangekommen.

Alle drei Wochen macht Rausch Zimmerkontrolle, er guckt, wie die Zimmer aussehen, was kaputt ist, und er beschlagnahmt immer mal wieder ein paar Kochplatten. Kochen auf den Zimmern ist strengstens verboten wegen der Feuergefahr, es gibt unten eine Küche mit zwölf Herden, geöffnet bis 24 Uhr und im Ramadan bis 3 Uhr morgens. 460 Feuermelder sind im Spreehotel, wenn es blöd läuft, reicht schon ein falsch platzierter Wasserkocher. Feueralarm ist im Schnitt zweimal im Monat, manchmal auch zweimal am Tag, kostet pro Fehlalarm 290 Euro.

Es ist schon Nachmittag, als der Imam vom Spreehotel zum ersten Mal an diesem Tag zum Gebet ruft. Er stellt sich in den Innenhof, weil es da so schön hallt. Trotzdem kommen nur sieben. Die Islamisierung des Abendlands ist zumindest in Bautzen anscheinend nicht besonders weit vorangekommen. Der Imam, sagen Mitflüchtlinge, sei auch gar kein richtiger Imam. Mehr ein Wichtigtuer, der gern was Besonderes ist. Dass er nicht in der Küche kochen kann, weil dort auch Frauen sind, nehmen ihm nicht mal seine Glaubensbrüder ab. Er sei einfach zu faul, die Treppen runterzulaufen, sagen sie. Die Kochplatten, die er stattdessen auf dem Zimmer benutzt, werden trotz Religionsfreiheit einkassiert, wie bei allen anderen. "Dann muss er eben Stulle essen", sagt Rausch, "ich kann’s auch nicht ändern, Sicherheit geht vor."

Der Innenhof hallt so schön.

Der Innenhof hallt so schön.

Rausch ist kein Gutmensch, aber ein guter Mensch. Das hilft. Ein empathischer, welterfahrener, sprachgewandter Mann. Einer, der mit anderen Religionen, Werten, Sprachen, Kulturen kein Problem hat, aber eben auch mit seinen eigenen Werten nicht, und der Respekt auch durchsetzen kann.

Alle wissen: Wenn wirklich was abgeht, dann wird es eng

Rausch hat einen Mini-Bus gekauft, um die Transporte zur Ausländerbehörde nach Kamenz zu organisieren. Rausch rennt mit "seinen" Bewohnern zum Arzt und zu Ämtern, übersetzt und erklärt. Rausch sagt immer "wir", wo andere "die" sagen, oft sagt er auch "meine Asylis".

Monatelang hat er einen krebskranken Syrer zur Chemo gefahren und ihm ein Einzelzimmer gegeben, damit der sich erholen kann. Er hat einem fast tauben Jungen das Hörgerät bezahlt, er nervt Ärzte so lange, bis sie seinen Bewohnern Termine geben. Die Hochschwangeren bringt er mit dem Auto zum Arzt. Schon acht Babys sind in Bautzen geboren, dreimal war Rausch mit im Kreißsaal, aber Peter heißt noch keins, es waren alles Mädchen. Mit Crystal-Ala, wie sie ihn nannten, weil der Junge zu viel von dem billigen Pulver nahm, von dem er dachte, dass das Leben dann leichter würde, rannte er zehn Tage umher, bis er einen Platz in der Psychiatrie bekam. Ala war am Heiligabend in die Küche gegangen, hatte alle Herde angemacht, Plastiktöpfe draufgestellt und auf den Tod gewartet. Als Nächstes wollte er sich aus dem Fenster stürzen, Rausch packte ihn ein, das Leben im Heim ging weiter. Wenn einer geht, weil er abgeschoben wird oder weil er anerkannt wurde und eine eigene Wohnung bezieht, fließen manchmal Tränen.

Ein modernes Überwachungssystem hilft Rausch und seinem Team. Meistens werden damit aber die zwei Katzen gesucht.

Ein modernes Überwachungssystem hilft Rausch und seinem Team. Meistens werden damit aber die zwei Katzen gesucht.

Rausch hat eine Hightech-Kameraüberwachung in der Rezeption, mit sehr scharfen Bildern, mit denen er den Vorplatz, das Tor, den Hof und die Gänge im Heim vom Computer aus überwachen kann. Sie gehört zu seinem Sicherheitskonzept, das ihm einen weiteren Teil Ärger vom Hals hält. Die Bilder werden sogar auf sein iPhone übertragen, und man kann die Kameras einzeln drehen. Die Polizei ist ganz beeindruckt, sagt Rausch. Die meiste Zeit des Tages dienen die Kameras ihm allerdings dazu, ausfindig zu machen, wo seine Katzen Waltraud und Edelgard sich wieder rumtreiben. Gegen den kleinen Ärger im Heim hat Rausch seine eigenen Methoden, die bisher ganz gut funktionieren: Wer den Müll nicht in den richtigen Container bringt oder auf dem Zimmer kocht, wird abgemahnt, wen Abmahnungen nicht stören, dem schaltet Rausch das Internet auf dem Zimmer ab. Er ist ja nicht verpflichtet, ein Netz zur Verfügung stellen. Klingt ein bisschen nach Kindergarten-Pädagogik, ist aber effektiv.

Die Polizei kommt regelmäßig, meistens mittwochs. Sie reden über die Sicherheitslage im Heim und um das Heim herum, geben Ratschläge, plaudern, aber sie wissen letztlich alle: Wenn wirklich mal was abgeht, dann wird es eng. Es gibt nur zehn Streifenpolizisten für den Revierbereich Bautzen, für 800 Quadratkilometer, zwei Städte und mehr als 20 Dörfer. Und zwei von den zehn möchten bitte auf den Leitstellen in Bautzen und Bischofswerda bleiben, so will es die Vorschrift. Als die Krawalle in Heidenau waren, gab es zwischen Görlitz und Bautzen keine einzige Streife mehr.

Eineinhalb Jahre ist das Spreehotel inzwischen Flüchtlingsunterkunft. Eine aufregende und aufreibende Zeit für Rausch. Er hat schon immer viel gearbeitet, aber noch nie so viel. Hätte er gern seinen Job als Hoteldirektor zurück? "Nein", sagt Rausch. "Das hier ist das Beste, was mir je passiert ist."

In einigen Geschäften hat man Rausch bedeutet, dass er nicht mehr willkommen ist. Einen Arzt musste er neu suchen.

Die Asylbewerber haben ihn gerettet, jetzt wird zurückgerettet. Trotzdem ist er Geschäftsmann und nicht Samariter. Millionär ist er allerdings auch nicht gerade geworden. Was kriegt er denn nun, pro Flüchtling, was kostet der Laden, was verdient er? Da hat Rausch kein Problem, bitte schön, zum Mitschreiben: 13 Euro bekommt er pro Tag und Flüchtling, macht bei 240 Leuten rund 93.000 Euro im Monat. Eine Menge Geld. Er zahlt 15.000 Euro Pacht im Monat, da sind die Abzahlungen für die Investitionen schon drin, er hat acht Angestellte mit Personalkosten von ungefähr 35.000 Euro, er zahlt im Monat 4000 Euro Wasser, 3600 Euro Strom, 5000 Euro Gas, 7000 Euro Wachschutz, 1000 Euro Reinigungsmittel, 1600 Euro Müllentsorgung. Zweimal im Monat kommt die Feuerwehr für jeweils 300 Euro, Reparaturen kosten rund 2000, dazu zwei Firmenwagen und die Kosten für Wäscherei. Für ihn bleibt ein Schulrektorgehalt. 1500 davon zahlt er in die Rente. Und das erste Mal seit 15 Jahren verdient er genug, um Steuern zu zahlen.

Die Burker und die Asylbewerber stehen sich auch nach mehr als einem Jahr einigermaßen sprachlos gegenüber. Die Flüchtlinge gehen möglichst nur auf dem Weg zum Einkaufen durch das Dorf, sie sprechen niemanden an, und sie laufen am liebsten in Gruppen. Niemand aus Burk hat ihnen je etwas getan, aber, sagen sie, sie spüren diese Blicke. Von den ehrenamtlichen Helfern, die auch im Spreehotel Kurse machen, mit den Kindern spielen, medizinische Hilfe anbieten oder Kuchen vorbeibringen, stammt niemand aus Burk. Wenn Rausch in seinem nagelneuen Jeep durchs Dorf fährt, gibt es manchmal Gesten, die Hand an der Kehle oder zur Pistole geformte Finger am Kopf. Aber meistens sehen die Leute weg, auch Leute, die Rausch, als er noch Hotelier war, freundlich gesonnen waren. In einigen Geschäften in der Gegend hat man ihm bedeutet, dass er nicht mehr willkommen ist, und einen Arzt musste er sich neu suchen. Die Sportler vom Tennisklub gegenüber grüßen ihn nicht mehr, obwohl er jahrelang für sie den Schlüssel verwahrt hat und sie bei ihm duschen durften. Sie fühlen sich in der Ausübung ihres Sports gestört, weil immer mal Flüchtlinge zum Zugucken hinter dem Zaun stehen. Und wegen der Sache mit den Flaschen. Für manchen Burker sind die meisten von "denen da oben" Wirtschaftsflüchtlinge, Kriminelle oder Sozialschmarotzer. Sie sehen sie durchs Dorf laufen, immer zu mehreren, mit Markenklamotten, von denen sie nicht wissen können, dass die gespendet sind, herumbummelnd am helllichten Tag, alle mit Handys. Die haben, sagt ein Burker, größere Autos als wir.

Eine Kiste blieb zurück mit einem Zettel drauf: "für Chef"

Ja, es gibt den serbischen Asylbewerber, der seinen fetten Mercedes unten am Campingplatz parkt. Ja, es gab die Georgier, vor denen die Polizei Rausch warnte, weil Erkenntnisse vorlagen, die sie mit organisierter Kriminalität in Verbindung brachten, und die plötzlich verschwunden waren. Nur eine Kiste blieb zurück in ihrem Raum, mit einem Zettel drauf: "für Chef". Die wackelte, wenn man sie berührte. Rausch fragte sich kurz, ob er jetzt ein Bombenräumkommando alarmieren müsste, aber dann war doch nur ein Vibrator drin, kleiner Scherz. Manche kommen nur einmal im Monat, wenn es Geld gibt, man munkelt, die seien womöglich in mehreren Bundesländern Asylbewerber und kriegten so mehrfach Geld. Oder vielleicht arbeiten sie irgendwo schwarz. Gemunkelt wird viel, im Heim und auch außerhalb des Heims. Gemunkelt wird in Bautzen zum Beispiel, dass der Notarzt nur noch mit schusssicherer Weste ins Spreehotel geht und dass die Asylbewerber ungestraft klauen dürften, jedenfalls bis 50 Euro, das habe der Kreistag so beschlossen.

Im Supermarkt heißt es: Natürlich klauen die Flüchtlinge, aber eben auch nicht mehr als die Deutschen.

Doch wenn man versucht, der Sache auf den Grund zu gehen, war es doch nicht die Tante vom Informanten, die das gesehen hat, sondern nur gehört, und zwar von einem, dessen Namen sie leider nicht weiß. Der Kreistag weiß nichts, die Polizei kennt die 50-Euro-Regel auch nicht, und was die Westen betrifft: Rausch sagt, er habe noch keine Notärzte damit gesehen, und er sieht sie wirklich oft. Die Rettungsstelle sagt: durchstichsichere Westen wurden angeschafft, aber nicht fürs Spreehotel, sondern für Konfliktsituationen aller Art, Schlägereien, Fußballfans, Betrunkene. Im Supermarkt heißt es: Natürlich klauen die Flüchtlinge, aber eben auch nicht mehr als die Deutschen. Und dass Asylbewerber Hausverbot haben, da lacht der Verkäufer bloß, da wären sie ja schön blöd, "die tragen ihre 370 Euro im Monat doch zu 90 Prozent zu uns".

Manches versteht Rausch selbst nicht. Im Frühling hatten sie einen Tunesier abgeschoben, das war zwar auch irgendwie ein lustiger Kerl, sagt Rausch, aber eben einer, der ständig Ärger machte, und Rausch war nicht unglücklich, dass der jetzt weg war. Und neulich steht er beim Bäcker in der Stadt, und da brüllt es über den Platz: Hey, Chef, ich bin wieder da! "Und das kapier ich einfach nicht", sagt Rausch, "wenn der als Mustafa aus Tunesien abgeschoben wird, warum der als Ali aus Marokko wieder einreisen kann. Wieso geht das? Warum nehmen wir dann überhaupt Fingerabdrücke?"

Die Pöbeleien und Bierflaschen in der Nacht haben spürbar abgenommen, seit es so viele andere Heime in der Gegend gibt, vor denen man rumstehen kann und schreien und die besser erreichbar sind. Das Spreehotel ist schon ziemlich abgelegen.

Die Stimmung ist trotzdem schlecht. Neulich stand Marcos Nogueira, der schon zu Hotelzeiten für Rausch gearbeitet hat, in der Kassenschlange vom Marktkauf, als eine Frau auf ihn zustürzte und ihn anbrüllte: "Seit ihr Kopftuchträger hier seid, müssen wir warten, ihr gehört alle vergast." Er hat seinen Korb hingestellt, hat den Laden verlassen und ist nicht mehr wiedergekommen. Marcos hat sich jetzt ein Auto gekauft, er wohnt in Dresden, und im Zug ist es für einen Menschen mit dunkler Haut gerade einfach nicht auszuhalten.

Die Kinder wurden zu oft belogen, dass alles gut wird

Am Abend trifft sich das Bündnis "Bautzen bleibt bunt". Es ist ein wirklich breites Bündnis aus Bautzener Bürgern, eine CDU-Stadträtin ist dabei und sitzt neben einer Linken-Stadträtin, viele ältere Leute, Handwerker, Angestellte, Hausfrauen. Gerade geht es darum, dass man für das neue Asylheim in Bautzen keine Elektrogeräte spenden darf. Ein älterer Herr hat herausgefunden, dass wenn an einer Spende ein Stecker ist, ein Unbedenklichkeitszertifikat erstellt werden muss, und zwar von einem Fachmann, und dass das im Zweifel mehr kostet, als das Gerät wert ist. Ein Kreisrat empört sich, dass der Betreiber des neuen Heims, ein Konzern mit Sitz im Westen, sich die Zimmer ausstatten ließe von Spenden Bautzener Bürger. Er sagt, dass Asylheime, nach Waffenhandel und Prostitution, bald die lukrativsten Methoden sind, das schnelle Geld zu machen. Rausch erzählt von seinem Inder, den er als Hausmeister anstellen wollte, es musste aber erst überprüft werden, ob diesen Job auch ein Deutscher möchte oder ein EU-Ausländer. Rausch lacht und sagt, da habe er eben verlangt, dass der Hindi kann: "So viele Hindi sprechende Hausmeister sollten in Bautzen ja wohl nicht rumlaufen."

Das Spreehotel liegt abgelegen, die Flüchtlinge nehmen immer den gleichen Weg ins Dorf.

Das Spreehotel liegt abgelegen, die Flüchtlinge nehmen immer den gleichen Weg ins Dorf.

Überhaupt geht es an diesem Abend viel um Vorschriften, welchen Sinn sie haben und wie man sie umgeht. Es ist nicht alles blöd, was sich umständlich anhört, vieles ist sicher sinnvoll, oder besser gesagt: war es. Zu einer anderen Zeit, in einem anderen Deutschland. In dem Deutschland von heute ist es nicht mehr sinnvoll, dass für einen Flüchtling, beispielsweise aus dem Spreehotel, der zum Hals-Nasen-Ohren-Arzt muss, ein mehrtägiger Staffellauf mehrerer Leute vonnöten ist, der in seiner Kurzversion – und wenn alles gut geht – so aussieht: Ein Betreuer macht einen Termin beim Gesundheitsamt, dort holt der Flüchtling einen Behandlungsschein, geht zum Allgemeinarzt, holt eine Überweisung, macht einen Termin beim HNO-Arzt, geht mit Terminzettel und Überweisung noch mal zum Gesundheitsamt (die das alles mit der Hand ausfüllen), holt einen Behandlungsschein für den HNO-Arzt, denn der andere ist ja schon verbraucht, und wird bis zu seinem Termin hoffentlich nicht krank oder anderweitig irgendwo einbestellt, denn der Schein gilt nur an diesem einen Termin. Sonst geht alles von vorn los.

"Mama" Renate lernt mit der kleinen Daniella. Das Mädchen weiß noch nicht, ob es in Deutschland bleiben darf.

"Mama" Renate lernt mit der kleinen Daniella. Das Mädchen weiß noch nicht, ob es in Deutschland bleiben darf.

Als Rausch ins Hotel zurückkommt, hat Renate ihre Schicht begonnen und macht ihrem Titel "Mama" mal wieder alle Ehre. Die kleine Daniella hockt bei ihr, die mit ihren Eltern und dem kleinen Bruder Alessandro aus Albanien gekommen ist. Sie macht mit Renate Hausaufgaben, wie so oft. Daniella ist ein kluges, wissbegieriges, pflichtbewusstes Mädchen, das in der Grundschule schon eine Klasse hochgestuft wurde und stolz ist auf das, was sie leistet. Aber im Ausweis ihrer Familie ist auch so ein roter Balken. Ob sie weiß, dass sie die Schule, die sie so liebt, nicht beenden wird, wahrscheinlich nicht einmal das Schuljahr?

Die Kinder im Spreehotel, das ist sowieso ein ganz eigenes Thema. Sie sind die Stärksten, sie sind die Schwächsten. Sie werden in der Welt herumgezerrt und sehen Dinge, die ein Kind nicht sehen soll. Und machen aus allem und aus allen das Beste.

Spät ist es wieder geworden, Rausch sitzt immer noch in seinem Glaskasten, der ehemaligen Rezeption. Ein Tunesier hat seinen Bruder aus Leipzig zu Besuch, falls es wirklich sein Bruder ist, und der möchte hier schlafen, aber man hatte ihm schon am Nachmittag gesagt, dass das nicht geht.

Peter Rausch arbeitet fast rund um die Uhr. Hier ist er genervt von illegalen Übernachtungsgästen.

Peter Rausch arbeitet fast rund um die Uhr. Hier ist er genervt von illegalen Übernachtungsgästen.

Jetzt soll er das Heim verlassen, will aber nicht, wird laut, geht dann irgendwann, kommt von hinten über den Zaun wieder rein, bestens gefilmt von Rauschs Kamera. Rausch also wieder hoch, Bruder unterm Bett, Bruder wieder raus, großes Palaver, andere mischen sich ein, Tor auf, Tor zu … Manchmal fragt sich Rausch, ob er wirklich ein Asylheim leitet oder doch eher eine Jugendherberge, die Villa Kunterbunt, eine Klassenfahrt oder einen Jugendknast. Manchmal fragt sich Rausch, ob er der Hölle näher ist oder dem Paradies. Neulich musste Fatima zum Zahnarzt, sie kam vor zwei Monaten aus Syrien mit Mann und vier Kindern, das jüngste ist eins. Das wollte sie mitnehmen zum Arzt, die anderen nicht. Aber die anderen Kinder, die schrien und tobten vorm Heim, als Mama in das Auto stieg, sie weinten und traten um sich, und es brauchte drei Leute, sie festzuhalten, weil sie trotz aller Beteuerungen wohl fürchteten, dass sie Mama nie wiedersehen werden. Was sie erlebt haben, weiß Rausch nicht, aber dass man sie zu oft belogen hat, dass alles gut wird, war offensichtlich.

Gewisse Fragen stellt er einfach nicht mehr. Sich nicht, den Bewohnern nicht. Er hat Angst vor den Antworten.

Manche der Bewohner zeigen ihm Bilder von zerfetzten Kinderkörpern und erzählen ihre Geschichten dazu. Manchmal dreht er sich dann weg und will einfach nicht mehr. Es gibt Sachen, die muss man sich nicht vorstellen. Die Bombe im Haus von Chalids Familie oder die Flucht von Mazin und Marwa, deren zweijährige Zwillingstöchter Mira und Maria das ganze Heim verzaubern, mit Schleifchen im Haar und winzigen Schuhen über die Gänge tippeln und "Herr Rausch, Schokolade!" rufen. Will man sich vorstellen, wie diese beiden Winzlinge auf einem Seelenverkäufer übers Mittelmeer geschippert sind, zweieinhalb Tage lang, dem Tode näher als dem Leben? Will er wirklich wissen, wo eigentlich die Mutter ist von dem erschöpften Neunjährigen mit dem schmalen Gesicht, der mit seinem Vater kam und danebengriff, als Rausch ihm Süßigkeiten anbot, weil er seine Brille verloren hat auf der Flucht, und wahrscheinlich nicht nur sie?

Manche Fragen stellt er einfach nicht mehr. Sich nicht und den Bewohnern nicht, denn er hat Angst vor den Antworten. An manchen Tagen geht er mal kurz raus, weinen.

Der Bus von Schmetterling-Reisen steuert verschiedene Asylunterkünfte an.

Der Bus von Schmetterling-Reisen steuert verschiedene Asylunterkünfte an.

Spät in der Nacht startet der Bus von "Schmetterling-Reisen" seinen Motor wieder, die Lichter in Hamids Zimmer gehen aus, die Lichter in Rauschs Büro sind noch an, und der Bus verlässt das Spreehotel. Es ist keine heile Welt in Bautzen. Es ist die Welt.

Veröffentlicht am 30. Dezember 2015

Frauke Hunfeld, Autorin im Berliner stern-Büro, hat mehr als 15 Monate die Entwicklung des Spreehotels verfolgt.

Auch Fotograf Philipp Spalek fuhr immer wieder in das Heim nach Bautzen, dabei hat er auch gefilmt.

Video: Stefan Petrat, Philipp Weber

Redaktion: Florian Gossy, Patrick Rösing, Nikolas Stein