Muslime Geldverdienen statt Gebet


Tausende Muslime aus der russischen Föderation und Ex-Sowjetunion haben in Norilsk Arbeit gefunden. Wer in die Industriestadt hinter dem Polarkreis kommt, wo die nördlichste Moschee der Erde steht, hat nur eines im Sinn.

Als der muslimische Geistliche Dawran seine erste Predigerstelle antrat, traf ihn ein Kälteschock. Im warmen Usbekistan hatte er keine Vorstellung davon, was ihn in der nordrussischen Industriestadt Norilsk erwarten würde. Minus 40 Grad schlugen dem Gottesmann bei seiner Ankunft hinter dem Polarkreis entgegen. Zum Gebet erschienen die Gläubigen in Pelzmützen und Fellstiefeln. Auch sonst ist in der nördlichsten Moschee der Welt vieles anders als in den übrigen muslimischen Gotteshäusern auf dem Globus.

In der Teestube der Moschee erinnert sich Dawran mit sichtlichem Vergnügen an seine ersten Wochen in Norilsk. Der Gottesmann, der die reine Lehre des Koran verbreiten soll, landete in einer der dreckigsten Städte des russischen Riesenreiches. Während tiefgraue Dunstschwaden der angrenzenden Nickelfabrik vor den Moscheefenstern vorbeiziehen, wagt Dawran nach sechs Monaten eine erste Bilanz. "Man gewöhnt sich an alles, wenn man Allah dient", betont der Usbeke. Nur wenn der Wind günstig steht, lässt es sich in der Stadt atmen.

In kurzer Zeit viel Geld verdienen

Wer nach Norilsk kommt, hat nur eines im Sinn: in möglichst kurzer Zeit viel Geld zu verdienen, um schnell wieder wegzukommen. In den Erzgruben und den Hüttenwerken sowie auf den Märkten arbeiten tausende Muslime aus den innerrussischen Republiken sowie aus den früheren Sowjetrepubliken. Vor einigen Jahren wurde Norilsk wieder zur geschlossenen Stadt erklärt, um den Zustrom von ungewünschten Händlern und Drogendealern aus dem Süden zu stoppen.

Bei den Gottesdiensten in der Moschee ist von der großen muslimischen Diaspora wenig zu spüren. "Es sind etwa 200 Glaubensbrüder, die regelmäßig zu uns kommen", berichtet Magomed. Der gläubige Geschäftsmann bietet der Damenwelt Pelze an. "Auch unter uns Muslimen denken die allermeisten hier nur ans Geldverdienen. Das Beten haben sie sich für später aufgehoben", bedauert Magomed. Wer beim weltgrößten Nickelproduzenten "Norilsk Nickel" Arbeit gefunden hat, freut sich über ein Gehalt von knapp 1000 Euro monatlich. Das liegt etwa um das Fünf- bis Siebenfache über dem russischen Durchschnittseinkommen.

Starker Frost und heftige Stürme

Ein wohlhabender Geschäftsmann hat die türkisfarbene Moschee im Jahr 1998 im Gedenken an seine Eltern errichten lassen. Doch der starke Frost von bis zu 50 Grad und die heftigen Stürme nagen so sehr daran, dass an vielen Stellen des Minaretts bereits der Putz abgeplatzt ist. Die Stadt Norilsk hat 1,5 Millionen Rubel (knapp 50 000 Euro) für eine Renovierung der Fassade bereitgestellt. Die islamische Gemeinde sieht darin ein Symbol, dass die Stadt an einem friedlichen Nebeneinander von Christen und Muslimen interessiert ist.

Mit der Koexistenz der Religionen sieht es an vielen Orten in Russland viel schlechter aus. In Moskau und anderen Millionenstädten beklagen Muslime aus dem Nordkaukasus und andere nicht originär russische Regionen alltägliche Diskriminierung. Jeder siebte Bürger der Russischen Föderation bekennt sich zum Islam.

"In Norilsk ist es für uns weniger gefährlich als zum Beispiel in Moskau", berichtet Semfira in einem Warteraum der Moschee. Die Lehrerin aus der nordkaukasischen Teilrepublik Dagestan trieb die Armut nach Norilsk. In ihrer Heimat konnte sie von ihrem kargen Gehalt nicht leben. Nun verkauft sie Topfblumen in einem Geschäft und ist zufrieden. Selbst an die eineinhalb Monate Polarnacht, in denen es nie richtig hell wird, könne man sich gewöhnen, beteuert sie.

"Anzeigen wegen Ruhestörung"

Nach einem halben Jahr in Norilsk blieb für den Prediger Dawran bislang ein Herzenswunsch offen. "Ich habe mich noch immer nicht getraut, oben vom Minarett hinab die Gläubigen zum Gebet zu rufen", erzählt der junge Mann. "Wenn ich über Lautsprecher zum Gebet aufrufe, könnte es Anzeigen wegen Ruhestörung hageln", befürchtet er. Ärger mit der christlichen Mehrheit sei das Letzte, was man in der nördlichsten Moschee der Welt haben möchte.

Stefan Voß/DPA DPA

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