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Muslime in Deutschland: "Kopftuch ist Kindesmisshandlung"

Wer in der Schule ein Kopftuch trägt, grenzt sich aus. Das behauptet der Zentralrat der Ex-Muslime. Deren Vorsitzende Mina Ahadi diskutierte nun mit Günter Wallraff und Ralph Giordano in Köln - gänzlich ohne Kopftuchträgerinnen.

Von Zacharias Zacharakis

In der Schule tritt der Konflikt zwischen strenggläubigen Muslimen und der deutschen Gesellschaft deutlich zu Tage: Eltern verbieten ihren Kindern an Klassenfahrten teilzunehmen, besonders Mädchen werden vom Sport-, Schwimm- oder Sexualkundeunterricht ferngehalten. Den Schulen bleibt oft nur der vergebliche Versuch, auf die Eltern einzuwirken. Doch wie wird mit Kindern aus muslimischen Familien umgegangen, wenn sie sich äußerlich von ihren Mitschülern unterscheiden? Wenn Mädchen zum Unterricht in der Grundschule mit Kopftuch erscheinen?

"Kinder, die unter diesen Voraussetzungen erzogen werden, haben kaum eine Chance, sich in der modernen Gesellschaft zu integrieren", sagt Mina Ahadi, die Vorsitzende des Zentralrat der Ex-Muslime, jetzt bei einer Podiumsdiskussion an der Kölner Universität. Der Verband hatte Mitte November erstmals "ein generelles Kopftuchverbot für Lehrerinnen und Schülerinnen" gefordert. Es sei zwar nicht ganz unproblematisch, dass der Staat in die Kleiderordnung seiner Bürger eingreife, zugunsten einer offenen Gesellschaft müsse diese Einschränkung jedoch hingenommen werden.

"Keine Provokation, sondern Normalität"

An der Kölner Uni gehören Kopftuchträgerinnen zum alltäglichen Bild. Zur Diskussion mit Günter Wallraff und Ralph Giordano verirrte sich jedoch keine einzige Frau mit Schleier in die Aula. Mit seinen Äußerungen gegen den Moscheebau in Köln hat vor allem Giordano in jüngster Zeit eine kritische Position gegen den Islam in Deutschland bezogen. Wallraff sorgte mit seiner Forderung für Aufsehen, die "Satanischen Verse" von Salman Rushdie in der Moschee lesen zu lassen - als Beweis der Toleranz der muslimischen Gemeinde gegenüber dem Autor.

In der Kopftuchfrage war also weniger eine Diskussion als eine Manifestation zu erwarten. "Das Kopftuchverbot ist nicht als Provokation oder radikale Aussage" zu verstehen, sagte Mina Ahadi, gegen die im Iran ebenfalls ein Todesurteil ausgesprochen wurde. Die Forderung solle lediglich zur Schaffung von "Normalität" beitragen. Wenn Kinder dazu gezwungen würden, ein Kopftuch zu tragen, sei das "eine mentale Kindesmisshandlung".

"Entwürdigung der Frau"

Bei Giordano rannte sie damit offene Türen ein. Er begründete seine Zustimmung zur Verbotsforderung mit einer grundsätzlichen Ablehnung des Islam: "Ich habe den Koran gelesen, und ich kann nur hoffen, dass die Gläubigen nicht danach handeln." Die Geschichte des Islam sei von Anfang an "eine einzige Entwürdigung der Frau" und die Integration der Muslime ohnehin längst gescheitert. Aus dem Plenum gab es dafür Applaus.

Günter Wallraff versuchte sich zwischenzeitlich als Anwalt für die im Saal offenbar nicht anwesende religiöse Minderheit. "Ich habe mich kundig gemacht, und mit Eltern, Lehrern und Mädchen gesprochen. Es gibt viele Mädchen, die das Kopftuch aus einer pubertären Protesthaltung heraus probieren oder die es als eine Art Mode tragen." Wallraff gab zu bedenken, dass "durch ein generelles Verbot unter Umständen das Gegenteil erreicht" würde.

Weder Kopftuch noch Baseballkappe

Vielleicht wäre es an dieser Stelle hilfreich gewesen, eine Kopftuchträgerin selbst um ihre Meinung zu fragen. Die Sprecher auf dem Podium wollen aber vor allem vermeiden, dass Kinder zumindest in der Schule zum Kopftuchtragen gezwungen werden können. Wie diese Forderung gesetzlich umgesetzt werden kann, darüber hat der Zentralrat der Ex-Muslime noch keine genauen Vorstellungen. Ein generelles Verbot von Kopfbedeckungen in der Schule wird dazu in Betracht gezogen. Die Baseballkappe im Unterricht wäre dann auch tabu.

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