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Nach Amoklauf von Winnenden: Schüler und Lehrer erobern ihre Schule zurück

Kann der Ort eines Blutbads wieder normal genutzt werden? Mit einem beherzten "Ja" beantworten diese Frage Schüler und Lehrer der Albertville-Schule, wo vor zweieinhalb Jahren zwölf Menschen starben.

Noch wird gepinselt, geschraubt, gepflanzt. Die Handwerker werden die Winnender Albertville-Realschule wohl durch die Hintertür verlassen, wenn vorne die Schüler das umgebaute Gebäude zweieinhalb Jahre nach dem Amoklauf zurückerobern. Am 12. September werden mehr als 600 Kinder und Jugendliche in das neue, lichtdurchflutete Glasfoyer strömen und damit einen weiteren Schritt in Richtung Normalität gehen. "Das ist die Heimat der Schüler", sagt Schulleiter Sven Kubick am Freitag beim Presserundgang.

Am 11. März 2009 hatte ein ehemaliger Schüler an der Schule acht Schülerinnen, einen Schüler und drei Lehrerinnen erschossen. Schon wenige Wochen danach fällten Eltern, Schüler, Lehrer und Gemeinde die Entscheidung, die Schule nicht aufzugeben, sondern nach einem Umbau mit neuem Leben zu füllen.

Die Klassen acht bis zehn kehren aus einer benachbarten Containerschule in ihr früheres Domizil zurück; für die Klassen fünf bis sieben ist das für gut sechs Millionen Euro renovierte Gebäude noch ganz neu. Der letzte Jahrgang, in dem Tote zu beklagen waren, legte vor den Sommerferien die Mittlere Reife ab. "Die Grundstimmung ist sehr positiv", betont Kubick, der Ende vergangenen Jahres Rektorin Astrid Hahn abgelöst hatte.

In Kubicks 50-köpfigem Kollegium gibt es noch fünf bis zehn traumatisierte Pädagogen; drei Lehrer haben nach der Bluttat die Schule verlassen. In Einzelfällen brauchen auch noch Schüler psychologische Betreuung. Vor der Wiedereröffnung konnten sich die Pädagogen schon ein eigenes Bild von ihrer umgebauten Wirkungsstätte machen. Peter Heinrich, psychologischer Schulberater vom Regierungspräsidium Stuttgart, berichtet: "Die Schulgemeinschaft wird gut vorbereitet und voller Vorfreude hier einziehen." Auch nach der Rückkehr der Schüler und Lehrer wollen Psychologen präsent sein und ein Gefühl der Sicherheit vermitteln. "Aber das Ziel ist es, sich selber überflüssig zu machen", fügt Heinrich hinzu.

Dem gesteigerten Sicherheitsbedürfnis der Schulgemeinschaft wird Rechnung getragen: In jedem Unterrichtsraum gibt es für den Lehrer leicht erreichbar einen Alarmknopf, mit dem er für das gesamte Gebäude eine Ansage auslösen kann - entweder die Schule zu verlassen oder sich in sichere Bereiche zu begeben. Zudem wird der Alarm direkt an die Polizei weitergeleitet, eine Besonderheit, die sonst nur bei Banken und Juwelieren zu finden ist.

Ein neues Sicherungssystem erlaubt den Lehrern, bei Bedrohung die Klassenräume von innen zu verschließen. Ein Chip-Token macht den Pädagogen überdies das Öffnen von außen möglich, etwa wenn sich Schüler aus Jux einschließen. Farbliche Markierungen und einfach beschriftete Schilder sollen der Polizei bei einem möglichen Einsatz die Orientierung erleichtern. Dass es absolute Sicherheit nicht geben kann und darf, ist den Beteiligten auch klar: "Wir möchten keine geschlossene Einrichtung, sondern ein offener Teil der Gesellschaft bleiben", sagt der Winnender Bürgermeister Norbert Sailer.

Außerdem sind die Zugänge zu den Klassenräumen so konzipiert, dass sie nicht im Rücken der Schüler betreten werden können. Denn bei seinem Amoklauf hatte der Todesschütze Klassenzimmer betreten und von hinten auf die ahnungslosen Schüler gefeuert. In den drei Taträumen soll nie mehr regulär unterrichtet werden; für einen davon plant ein Arbeitskreis von Eltern, Schülern und Lehrern in Zusammenarbeit mit dem Stuttgarter Haus der Geschichte ein Gedenkstätte. Sie soll informieren, aber auch stille Einkehr ermöglichen. Das Herzstück der Schule ist die neue Aula, ein Anliegen der Schulgemeinschaft. Auf dem dortigen Aufzug prangt das Motto der Schule, das mit ihrer Wiedereröffnung neue Bedeutung erlangt: "Ich habe einen Traum".

Julia Giertz, DPA / DPA
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