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Unfreiwilliger Spendenlauf in Wunsiedel: Diese Organisation trickste die Neonazis aus

In Wunsiedel wurde am Wochenende ein rechter Aufmarsch zu einem Spendenlauf umfunktioniert. So kamen 10.000 Euro für Exit zusammen, ein Nazi-Aussteigerprogramm - das jeden Euro gut gebrauchen kann.

Von Uli Hauser

Er fühlte sich mächtig, als Chef der "Wehrsportgruppe Racheakt". Als Mitbegründer des "Bundes Arischer Kämpfer". Als gefürchteter Schläger im sächsischen Torgau, wo er mit seinen Leuten Hochzeiten aufmischte, eine Dönerbude anzündete und am Ende sogar eine Bank überfiel. Manuel Bauer, heute 35, genoss es, in jungen Jahren Angst und Schrecken zu verbreiten. Jetzt sitzt er in einem Berliner Büro und erzählt aus einem kaputten Leben: "Früher dachte ich, ich sei ein Held. Heute muss ich sagen: Ich war ein Arschloch."

Aufmarsch wird Spendenlauf

Manuel Bauer ist einer von mittlerweile 550 Männer und Frauen, die in den vergangenen Jahren mit Hilfe der Berliner Organisation Exit aus der Neonazi-Szene ausgestiegen sind. Und er ist einer von 20 Aussteigern, die durch die Republik reisen und Vorträge halten, auch in Schulen.

Exit, das ist jene Initiative, die gerade weltweit für Furore sorgt: am Wochenende hatte sie einen Neonazi-Gedenkmarsch im oberfränkischen Wunsiedel in einen Charity-Lauf verwandelt. Seitdem haben über eine Million Menschen sich auf Youtube den Film angeschaut, in den sozialen Netzwerken macht der Coup die Runde und Hunderte Journalisten aus allen Teilen der Welt interessieren sich für die Arbeit dieser bereits mehrfach ausgezeichneten Initiative.

Sie wurde 2001 vom früheren Neonazi-Führer Ingo Hasselbach und dem Berliner Kriminalisten Dr. Bernd Wagner gegründet. Mit Hilfe von Spendengeldern aus der stern-Kampagne "Mut gegen rechte Gewalt" und tatkräftiger Unterstützung durch Wirtschaftsunternehmen, Künstlern wie Udo Lindenberg und Peter Maffay und der Berliner Amadeu Antonio Stiftung. Kriminologe Bernd Wagner hatte sich dieses Projekt ausgedacht, um abseits von Appellen und wohlgemeinten Ratschlägen Rechtsradikalen eine echte Alternative zu bieten. Lebenshilfe statt platter Parolen. Und eine oftmals schmerzende Auseinandersetzung mit der eigenen Biographie.

Raus aus der Szene

Manuel Bauer, verurteilt zu fast drei Jahren Haft, hörte im Gefängnis von dem Projekt. Zuerst dachte er, "meldest dich mal, tust interessiert, vielleicht lassen sie dich dann früher laufen". Aber als er von Kameraden verprügelt wurde, nachdem er angedeutet hatte, vielleicht auszusteigen, und ihm zwei Türken zu Hilfe gekommen waren, geriet sein Weltbild ins Wanken. Die vermeintlichen Feinde standen ihm bei, die vermeintlichen Freunde ließen ihn fallen.

Ein Exit-Mann besuchte ihn, zaghaft die Annäherung. Er interessierte sich mehr für Bauers Lebenslauf als für seine Ideologie. Für den Menschen, nicht den Neonazi. Bauer fasste langsam Vertrauen, die Gespräche wurden intensiv und rissen Wunden auf. Aber sie waren der einzige Weg, wieder zu sich und mit sich ins Reine zu kommen. Ohne zu verharmlosen, was geschehen war. "Ich habe viel gutzumachen", sagt Manuel Bauer. Er hat seine Erfahrungen in dem Buch "Unter Staatsfeinden" aufgeschrieben und hält heute Vorträge in Schulklassen. Einer von 20 Ex-Neonazis, die sich nun für Exit in der "Konterpropaganda" engagieren, wie es der ehemalige Staatschützer Bernd Wagner in feinstem Behördendeutsch ausdrückt.

Aussteiger sind "Terroristen"

487 Aussteiger hat die Organisation durch Arbeit oder Ausbildung in die Gesellschaft reintegriert - teils mit neuer Identität, um sie vor Racheakten zu schützen -, seit sich der einstige Kriminalpolizist Bernd Wagner und der Ex-Neonazi-Führer Ingo Hasselbach vor 13 Jahren verbündeten. Nur zehn wurden rückfällig, teils unpolitisch kriminell. "Das Gros der Aussteiger", sagt er, "kommt aus dem militanten Teil der Szene. Das waren Terroristen, Kameradschaftsführer, Offizierskorps sozusagen. Wir haben Leute erlebt, die haben schon an Bomben gebastelt. Viele saßen in Haft".

Der Trauermarsch der Neonazis musste an höchst amüsanten Plakaten vorbei.

Der Trauermarsch der Neonazis musste an höchst amüsanten Plakaten vorbei.

Nazis in der DDR

Ihr Gewaltpotential hatte Ex-Polizist Bernd Wagner bereits zu DDR-Zeiten erkannt. Gerade hat er in seiner Doktorarbeit über "Rechtsradikalismus in der Spät-DDR" dargelegt, wie sich Neonazis im Osten organisierten und nach der Wende mit den Kadern aus dem Westen verbündeten. Nach der Wiedervereinigung wurde er unter Innenminister Peter-Michael Diestel Leiter der Kripo-Abteilung für Extremismus und Terrorismus, nach der Wiedervereinigung Chef der Abteilung Staatsschutz im Gemeinsamen Landeskriminalamt der fünf neuen ostdeutschen Bundesländer.

Rechte Szene hasst Exit

Aber die praktische Arbeit mit Menschen interessierte ihn mehr, und so gründete er nach dem Vorbild des schwedischen Ex-Neonazi Kent Lindahl sein eigenes Projekt. Lindahl, in jungen Jahren fanatischer Skinhead, hatte mit Hilfe seiner Freundin den Weg aus der Gewalt gefunden. Sein deutscher Kollege Bernd Wagner berät heute auch Aussteiger aus dem NSU-Umfeld. Ein Job, für beide Seiten gefährlich. "Wer seine Kameraden verlässt", sagt Wagner, "dem drohen Prügel und Überfälle". So hilft er Aussteigern auch bei der Organisation einer neuen Identität.

Unter Extremismuskennern gilt Exit längst als Vorzeigeprojekt. Und in der rechtsradikalen Szene ist Wagners Initiative verhasst wie keine andere. Immer wieder gelingt es ihm, führende Neonazi-Kader auf die andere Seite zu ziehen; derzeit sind es zwei, deren Namen Wagner aus Sicherheitsgründen nicht nennen kann.

Auch Salafisten wollen aussteigen

Mittlerweile kümmern sich Wagner und seine drei festen Mitarbeiter auch um Salafisten. "Eine anstrengende, aber lohnende Arbeit", sagt Bernd Wagner. "Aber wir könnten so viel mehr tun, wenn wir jedes Jahr aufs Neue so viel Kraft in die Organisation unserer Finanzen stecken müssten."

Derzeit wird Exit jährlich mit 225.000 Euro aus Mitteln der Bundesregierung gefördert. Zum Vergleich: ein Jahr Knast kostet durchschnittlich knapp 35.000 Euro. Soll heissen: wenn Wagner und seine Leute jährlich mehr als sieben Neonazis aus der Szene holen, wird es für den Steuerzahler ein lohnendes Geschäft. Will sagen: Exit ist weiterhin dringend auf Spenden angewiesen.