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Nach Datenpanne bei Wikileaks: Assange veröffentlicht geheime Namen selbst

Für Wikileaks ist es der GAU: Die geheimen Botschaftsdokumente aus dem US-Außenministerium kursieren seit einiger Zeit ungeschwärzt im Netz. Nun ist der Plattform-Gründer Assange in die Offensive gegangen und hat die Daten selbst veröffentlicht.

Nach der schweren Datenpanne um geheime US-Depeschen hat Wikileaks-Gründer Julian Assange die Flucht nach vorn angetreten und die heiklen Dokumente selbst ungeschwärzt ins Internet gestellt. Über seine Enthüllungsplattform Wikileaks ist seit der Nacht zum Freitag ein kompletter Datensatz mit mehr als 250.000 internen Berichten und Lagebeurteilungen der US-Botschaften an das US-Außenministerium abrufbar. Damit sind nun auch die Namen von Informanten der US-Botschaften öffentlich, die teilweise sensible Informationen lieferten.

Mit der Veröffentlichung der Dokumente aus dem US-Außenministerium wollte Wikileaks die Machenschaften der Großmacht anprangern. Dabei war Assange bewusst, das etliche Depeschen die Namen von Informanten der US-Diplomaten offenlegen, die bei einer Veröffentlichung um ihre Sicherheit und Freiheit fürchten müssten.

Deshalb hatten er und seine Medienpartner wie "Der Spiegel" sich darauf geeinigt, die Namen derjenigen, deren Sicherheit gefährdet werden könnte, zu schwärzen. Allerdings geriet die verschlüsselte Datei mit den ungeschwärzten Namen in Umlauf. Außerdem nannte der britische Journalist David Leigh in einem Buch über Wikileaks das Passwort zur Entschlüsselung der Botschafts-Telegramme.

Vertrauen von Informanten könnte nachhaltig beschädigt sein

Mehr als 100 Informanten der USA aus Ländern wie Irak, Iran, China und Afghanistan sind seit der Datenpanne in akuter Gefahr. Sie waren von amerikanischen Diplomaten für besonderen Schutz vorgesehen, wie die "New York Times" berichtete. Die Datei kursiert schon seit geraumer Zeit im Netz. Ein Mitarbeiter von Assange soll sie am 7. Dezember 2010 mithilfe der Filesharing-Website Pirate Bay über das BitTorrent-Protokoll verbreitet haben. An diesem Tag hatte sich Assange in London der Polizei gestellt, nachdem wegen der Vergewaltigungsvorwürfe in Schweden mit einem Haftbefehl nach ihm gesucht wurde. Die über BitTorrent verteilte Datei konnte mit dem Passwort entschlüsselt werden, das Assange dem "Guardian"-Journalisten Leigh genannt und dieser später in seinem Buch veröffentlich hatte. Leigh rechtfertigte am Donnerstag die Veröffentlichung des Passworts in seinem Buch mit dem Hinweis, er sei davon ausgegangen, dass es damals nur für wenige Stunden gültig gewesen sei.

Der mutmaßliche Informant von Wikileaks, der US-Soldat Bradley Manning, sitzt ohnehin schon in Haft. Der "Whistleblower" hatte sich Adrian Lamo, einem Informanten der US-Sicherheitsbehörden, in einem Chat anvertraut. Manning wurde im Mai 2010 festgenommen und wartet seitdem auf sein Verfahren.

Für das Auffliegen seines mutmaßlichen Informanten in den US-Streitkräften konnte Wikileaks kaum zur Verantwortung gezogen werden, weil dieser wohl selbst zu gesprächig war. Das katastrophale Leck, das zur Bloßstellung der Informanten der US-Diplomaten in aller Welt führte, könnte nun aber das Vertrauen von potenziellen "Whistleblowern" in die Enthüllungsplattform Wikileaks nachhaltig beschädigen.

Neue US-Depeschen machten kaum Schlagzeilen

Assange versucht mit der Veröffentlichung der kompletten Daten sich diesem Eindruck entgegenzustemmen. Er möchte wieder vom Getriebenen zum Antreiber zu werden. Über den Kurznachrichtendienst Twitter forderte er die Wikileaks-Sympathisanten auf, in einer gemeinsamen Anstrengung die Depeschen aufzuarbeiten und der breiten Öffentlichkeit zu präsentieren.

Es dürfte auch ein Rolle spielen, dass die Zusammenarbeit von Wikileaks und den sorgfältig ausgesuchten Medienpartnern nicht so verlief, wie Assange sich das vorgestellt hatte. Der Australier zeigte sich zuletzt enttäuscht, da nach der ersten großen Welle, die durch "Cablegate" ausgelöst wurde, die weiteren Veröffentlichungen von neuen US-Depeschen kaum noch Schlagzeilen machten. Außerdem erschienen auch bei den Medienpartnern von Wikileaks Berichte über die Vergewaltigungsvorwürfe in Schweden, die Assange nicht gefielen.

Medien wie die "New York Times", der "Guardian" oder "Der Spiegel" sind aber auf die Kooperation mit Wikileaks und dem in Großbritannien festgesetzten Wikileaks-Gründer Julian Assange nicht mehr angewiesen. Zum einen hat Wikileaks-Aussteiger Daniel Domscheit-Berg mit Openleaks eine eigene Whistleblower-Plattform gestartet. Der deutsche Netzaktivist dürfte aber aus der "Cablegate"-Affäre ebenfalle nicht unbeschadet hervorgehen. Neben Openleaks dürften auch andere, neue Enthüllungsplattformen die Chance eröffnen, die Rolle von Wikileaks zu übernehmen.

fro/DPA / DPA