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Vergewaltigt, geschlagen, vernachlässigt: Nach dem Albtraum: Wie die Mattisburgen schwer traumatisierten Kindern helfen

Sie sind vier bis zwölf Jahre alt, viele haben Entsetzliches erlebt: In den Mattisburgen finden aufs schwerste traumatisierte Kinder Schutz und Ruhe - manche zum ersten Mal in ihrem Leben.

Die Hamburger "Mattisburg": Im Schnitt verbringen die kleinen Patienten hier sechs bis zwölf Monate

Die Hamburger "Mattisburg": Im Schnitt verbringen die kleinen Patienten hier sechs bis zwölf Monate

stern

Sie werden vergewaltigt, geschlagen, vernachlässigt: Es gibt Kinder, deren Zuhause die Hölle auf Erden ist. Wenn solch eine Hölle entdeckt wird, das Jugendamt eingreift und die Kinder rausholt aus ihre Horrorfamilien, dann stellt sich ziemlich schnell die Frage: Wohin mit ihnen? Manche kommen in Pflegefamilien, andere in Heime, aber einige dieser Kinder sind so schwer traumatisiert, dass sie keiner aushalten kann. Weil sie um sich schlagen, sich selbst oder andere verletzen, nicht ansprechbar sind, nicht essen wollen. Weil das Grauen, das sie erlebt haben, sie zu kranken kleinen Menschen gemacht hat, die seelisch zerstört sind, die niemandem mehr trauen.

Für einige dieser Kinder gibt es seit zehn Jahren eine Zuflucht, einen Ort, an dem sie Schutz und Hilfe finden. "Mattisburgen" nennen sich diese Häuser in Hamburg und Hannover, nach der gleichnamigen Burg in Astrid Lindgrens Klassiker "Ronja Räubertochter". Gebaut wurden sie von der Stiftung "Ein Platz für Kinder", die Johanna Ruoff gründete. Die PR-Beraterin war 2004 dem Tsunami in Asien entgangen, weil sie einen Flug ins thailändische Khao Lak um zwei Tage verschoben hatte. Ruoff beschloss, in Thailand zu helfen, sammelte Spenden für ein Waisenhaus und gründete ihre Stiftung, die schließlich auch im eigenen Land Not leidenden Menschen zu helfen begann. Zum Beispiel mit den Mattisburgen.

Waschbecken aus Gummi und Plexiglaswände

In den beiden Häusern arbeiten speziell geschulte Therapeuten und Pädagogen. Sie müssen das oft destruktive Verhalten ihrer Schutzbefohlenen aushalten. Manche neigen zu unkontrollierten Gewaltausbrüchen, andere beschmieren vielleicht ihre Zimmer mit Kot, weil sie aus bitterer Erfahrung wissen, dass sie sich so vor Missbrauch schützen können - mach dich und dein Umfeld eklig, dann kommst du womöglich davon. Es braucht Zeit und Geduld, die Vier- bis Zwölfjährigen zu erreichen und Vertrauen aufzubauen, um dann behutsam mit therapeutischen Maßnahmen zu beginnen.

Am wichtigsten ist, dass die Kinder sich wieder beschützt fühlen können. Und deshalb haben die Mattisburgen tatsächlich etwas von Burgen: Türen und Fenster sind gesichert, Besucher müssen sich anmelden, werden gecheckt, dürfen sich den Kindern auch danach nicht ohne Weiteres nähern. "Es reicht, wenn ein Besucher zufällig das Eau de Toilette eines Vergewaltigers benutzt, um eine unkontrollierte Reaktion des Kindes auszulösen", sagt Britta Wilkens, die für die Öffentlichkeitsarbeit in Hamburg zuständig ist. Man müsse auch aufpassen, wie man sich ausdrücke. "Sätze wie. 'Stell dich nicht so an' oder 'Das ist doch nicht so schlimm' klingen harmlos. Wenn aber ein Vergewaltiger genau diese Sätze dauernd zu seinem Opfer vor der Tat gesagt hat, dann sind sie Trigger, die einen Überlebenskampf-Modus auslösen können."

Die Therapeuten wissen mit diesen Situationen umzugehen. Sie lernen eine spezielle Technik, um die Kinder zu trösten und sie gleichzeitig festzuhalten. "Wir hatten mal einen Sechsjährigen", erzählt Wilkens, "der hat vor Angst eine fest verankerte Heizung aus der Wand gerissen." Die Mattisburgen sind wegen solcher Vorkommnisse speziell eingerichtet. Die Kinder sollen vor Verletzungen geschützt werden. Die Waschbecken sind aus stabilem Hartgummi, die Wände mit abwaschbarem Plexiglas verkleidet. Es gibt einen Wut-Raum - eine Art freundlich eingerichtete "Gummizelle", in der die Kinder ihre Aggressionen ausleben können.

Meist sind Vater, Mutter oder Geschwister die Täter

Die Mattisburg in Hamburg ist eine Kooperation der Stiftung "Ein Platz für Kinder" und der Großstadtmission Hamburg, die als Betreiber fungiert. Auch die Urban-Stiftung aus Hannover unterstützt die Mattisburgen. Finanziert werden die Projekte durch Spenden und das Jugendamt. Die ärztliche und therapeutische Betreuung zahlen die Krankenkassen.

Die Kinder sind vier bis zwölf Jahre alt. Viele haben Entsetzliches erlebt, manche neigen zu Gewaltausbrüchen

Die Kinder sind vier bis zwölf Jahre alt. Viele haben Entsetzliches erlebt, manche neigen zu Gewaltausbrüchen

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Das erste Ziel der Helfer in den Häusern ist es, die Leidensgeschichte der Kinder zu erfahren - um ihnen danach gezielt helfen zu können. Im Schnitt sind die kleinen Patienten sechs bis zwölf Monate da, ehe sie in Pflegefamilien, Wohngruppen oder eventuell wieder zu einem Elternteil ziehen.

Meist, aber nicht immer, sind Vater, Mutter oder Geschwister die Täter. Wilkens erzählt von einem achtjährigen Mädchen, das auf einmal sehr still wurde und nichts mehr aß. Die Eltern wussten sich nicht zu helfen. Erst in der Mattisburg kam heraus, was los war: Das Kind wurde einmal die Woche von seinem Onkel in dessen Wohnung betreut.  Diese Betreuung bestand darin, dass der Onkel das Kind für pornografische Aufnahmen "vermietete", bei denen es regelmäßig missbraucht wurde. Es hatte einfach keine Worte, um sich zu Hause mitzuteilen, auch weil der Onkel es gedrängt hatte, nichts über die "Fotospiele" zu erzählen.

Vergewaltigungen, Misshandlungen physischer und psychischer Art, extreme Vernachlässigung, Fast-verhungern-Lassen - die Mitarbeiter der Mattisburgen sind mit den tiefsten Abgründen unserer Gesellschaft konfrontiert. Und mit den wehrlosesten Opfern, die es gibt. "Aber eines ist trotzdem immer schön", sagt Britta Wilkens. "Wir sind so etwas wie ein kleines Happy End. Wenn die Kinder zu uns kommen, wird ihnen endlich geholfen, finden sie Schutz und Geborgenheit. Einige von ihnen zum ersten Mal im Leben."

In Kürze wird in Halle eine neue Mattisburg eröffnet. Mit Ihrer Spende unterstützt der stern die Schutzräume für Kinder. Wenn Sie helfen möchten, überweisen Sie an: Stiftung stern, Stichwort Mattisburgen, IBAN DE90 2007 0000 0469 9500 01, BIC DEUTDEHH; www.stiftungstern.de