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Gastbeitrag

Deutscher Kinderverein: Nach Tod von Kita-Kind Greta: Das muss sich in der Erzieher-Ausbildung ändern

Nach einem Kita-Besuch in Viersen ist die dreijährige Greta gestorben. Mutmaßlich wurde sie schwer von ihrer Erzieherin misshandelt. Gewalt in Kitas ist zwar nicht die Regel, sie kommt aber immer wieder vor. Drei Forderungen an die Ausbildung von Erzieherinnen und Erziehern.

Ein Gastbeitrag von Rainer Rettinger, Geschäftsführer des Deutschen Kindervereins in Essen

Kita in Viersen; Rainer Rettinger

Die übergroße Mehrheit von Erzieherinnen und Erziehern leistet hervorragende Arbeit, meint Rainer Rettinger vom Deutschen Kinderverein in seinem Gastbeitrag für den stern. Doch es gibt auch dunkle Seiten.

Als Vater von Zwillingen (Mädchen) erinnere ich mich gerne an die Kita-Zeit meiner Kinder. Bärbel und Sabine waren der Hit. Gut ausgebildete Erzieherinnen, warmherzig, den Kindern zugewandt, Pädagoginnen mit Herz und Feingefühl. Sie haben es aber auch verstanden, den Kindern Grenzen zu setzen, haben sie ein wenig miterzogen, aber dies niemals lautstark, sondern immer voller Liebe und Respekt den Kindern gegenüber. Es ist hier mal an der Zeit dafür öffentlich Danke zu sagen. Unsere Kinder fühlten sich rundum wohl und der Abschied fiel ihnen damals sehr schwer, uns Eltern aber auch.

Der Beruf Erzieher*in (es sind eben meist Frauen) ist ein anspruchsvoller und anstrengender, bei schlechter Bezahlung und schwierigen Arbeitsbedingungen. Immer geht es laut her, jedes Kind will Aufmerksamkeit, man ist permanent auf Sendung. Ruhepausen? Kaum möglich! Eine große Kunst, wie ich finde. Zudem ist man auf mehreren Ebenen unterwegs. Einmal ist man Spielkamerad, dann wieder Ersatzmutter oder -vater, Krankenschwester, Trostspender, Streitschlichter, Erzieher und Benimm-Pädagoge. An jedem Tag gefordert. Gerade zu Corona-Zeiten zwischen Homeoffice und Betreuung der Kinder wird es einem bewusst, welch hochwertige Arbeit tagtäglich in Kitas geleistet wird.   

Das ist die helle Seite der Kitas, die man jedem Kind wünscht und nicht, wie Rainer Becker es von der Deutschen Kinderhilfe fordert, per Webcam überwacht werden muss. Das haben Erzieherinnen nicht verdient, die sich intensiv für den Kinderschutz einsetzen, mehr als es manche Schule und manches Jugendamt tun!

Doch es gibt auch dunkle Seiten, wie es die Autorin, Pädagogin und Psychologin Dr. Anke Elisabeth Ballmann in ihrem Buch "Seelenprügel" beschreibt. Sie besuchte im Rahmen von Fortbildungs-, Beratungs- und Prüfungstätigkeiten mehr als 300 Kitas und wurde Zeugin von psychischer Gewalt. Kinder, so Ballmann, werden eingeschüchtert, gedemütigt, zurückgewiesen, beleidigt, erpresst, feindselig behandelt, verängstigt, ausgegrenzt, lächerlich gemacht, bedroht, isoliert und ignoriert. Ihre kindlichen Bedürfnisse, und Rechte, so Ballmann weiter, werden damit massiv missachtet und sie bekommen mit Sicherheit nicht jenes emotionale Gerüst, das sie für ein rundum gesundes und emotional stabiles Aufwachsen brauchen. Allerdings, so schränkt sie ein, handelt es sich nie um ein ganzes Team, das psychisch misshandelnd unterwegs war, sondern um Einzelpersonen mit weitum vergiftender Wirkung.

Drei Forderungen für die Erzieher-Ausbildung

Hier sind also Konzepte gefragt, die sich mit der psychologischen und emotionalen Eignung dieser Menschen für ihren Beruf beschäftigen. Die Einrichtungen stehen unter dem Druck, Personal zu finden und sind gleichzeitig auf ein positives Bild in der Öffentlichkeit angewiesen. All das begünstigt Stillschweigen und Tabuisierung, wenn es um Fehlverhalten pädagogischer Fachkräfte geht – der Menschen, denen wir unsere Kinder anvertrauen. 

Was also muss sich nun konkret ändern? Seit Jahren weist Maud Zitelmann, selbst staatlich anerkannte Erzieherin, Diplom-Pädagogin und nun Professorin mit dem Fachgebiet "Jugendhilfe und Kinderschutz" an der Frankfurt University of Applied Sciences auf die Lücken in der Erzieher-Fachausbildung hin. Notwendig, so Zitelmann, ist zum einen Hilfe für angehende Erzieher*innen, die eigene schwierige Kindheitserfahrungen mitbringen, um das Risiko einer Re-Inszenierung von Ohnmacht und Überwältigung zu verringern.

Zum zweiten brauche es Fachwissen über sexuellen Missbrauch, Vernachlässigung und Misshandlung, um betroffene Kinder zu erkennen, ihnen die Mitteilung schlimmer Erlebnisse durch pädagogische Angebote zu erleichtern und um professionell bei der Abklärung eines Verdachtes vorzugehen.

Zum dritten benötigen Fachkräfte, die im Kindergarten oder Kinderheimen mit traumatisierten Kindern arbeiten ein tiefes Verständnis, wie diese Kinder die Welt erleben, welchen Sinn ihr Verhalten macht und wie ihnen bei der Verarbeitung der erlittenen seelischer Gewalt geholfen werden kann. 

Bei allen Diskussionen aber hoffe ich vor allem, dass wir die Eltern von Greta nicht vergessen, ihren Schmerz und für uns kaum vorstellbare Traurigkeit und Verlust. Es gilt auch, die Eltern zu schützen, denn jeder Satz, der über das traurige und grausame Schicksal von Greta berichtet, ist ein Satz, den man kaum aushalten kann.

wue