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Nachbarschaftsstreit: Wenn der australische Troll rüberkommt

Das Außenlicht seines Nachbarn schien David Thorne direkt ins Schlafzimmer. Genervt sah der Australier nur eine Lösung: Er baute es ab. Eine bitterböse Mail-Debatte folgte.

Mit der handschriftlichen Notiz von David Thorne (linke Hälfte) begann, was seinem Nachbarn Justin mit jeder weiteren E-Mail (rechte Hälfte) die Hutschnur durchbrennen ließ

Mit der handschriftlichen Notiz von David Thorne (linke Hälfte) begann, was seinem Nachbarn Justin mit jeder weiteren E-Mail (rechte Hälfte) die Hutschnur durchbrennen ließ

Mit einem Zettel, den der Australier David Thorne seinem Nachbarn in dem kleinen Ort Massanutten, im US-Bundesstaat Virginia, dort hingehängt hatte, wo kurz zuvor noch dessen Lampe montiert war, ging alles los. Auf ihm stand neben einer kleinen Zeichnung folgendes zu lesen:

Lieber Nachbar,
da Ihr neues Terawatt-Flutlicht wie eine kleine, aber starke Sonne durch unser Schlafzimmerfenster scheint, habe ich es abgebaut und in Ihren Briefkasten gelegt.
Grüße, David.

Thorne war frisch in die bewachte Wohnsiedlung gezogen und hatte auf dem Zettel seine Mailadresse hinterlassen. Daraufhin entspann sich eine schriftliche Auseinandersetzung – über zwei Tage.

Von: Justin Flecker
Datum: Sonntag, 6. Mai 2012, 18.52 Uhr
An: David Thorne
Betreff: Lampe

Ich habe Ihre Notiz erhalten, aber Sie können nicht auf ein fremdes Grundstück gehen und Dinge entfernen, das ist unerlaubtes Betreten. Massanutten ist ein waldiges Gebiet und ich habe die Lampe zur Sicherheit installiert. Sie ist ein Beitrag zur Sicherheit. Ich kann nichts daran ändern, dass das Licht bis über die Straße fällt, schließen Sie Ihre Gardinen, wenn es Sie stört.

Von: David Thorne
Datum: Sonntag, 6. Mai 2012, 19.41 Uhr
An: Justin Flecker
Betreff: Re: Lampe

Hallo Justin,
danke für Ihre E-Mail. Selbst wenn ich hinnehme, dass Vorhänge der Schlüssel für gemeinschaftliches Einvernehmen sein sollen, müssten sie in diesem Fall aus 20 Zentimeter dickem Bleiblech sein. Vergangene Nacht habe ich bei geschlossenen Vorhängen ohne Nachttischlampe ein Buch gelesen. Ich trug eine Sonnenbrille. Unter der Decke.

Obwohl ich nicht überzeugt davon bin, dass das Blenden der heimischen Tierwelt die beste Lösung ist, verstehe ich das erhöhte Bedürfnis nach sicherem Leben in einem bewaldeten Gebiet, wie es die bewachte Wohnsiedlung Massanutten erfordert. Da ich mein bisheriges Leben in Australien verbracht habe, bin ich mit der hiesigen Tierwelt nicht so vertraut, doch ich habe vergangene Woche meinen ersten Waschbären gesehen. Ich war vors Haus gegangen, um eine Zigarette zu rauchen, da fauchte er mich an, während er weniger als fünf Schritte von mir entfernt neben einem geöffneten Abfalleimer die Reste einer Toskanischen Salami-Pizza verspeiste. Überrascht ließ ich mich zurückfallen, rollte in Richtung Tür, sprang auf meine Füße und hielt die "Willkommen"-Fußmatte über meinen Kopf, um größer zu wirken. Währenddessen war der Waschbär bereits gegangen. Das klingt jetzt nicht so aufregend, wie es sollte, aber dies ist nicht Borneo und ich bin nicht Jack London.

Andererseits habe ich hier auch schon mal eine Schlange gesehen. Ich nahm einen Stock, um sie zu anzustupsen, der entpuppte sich dann auch als Schlange. Panisch machte ich einen Satz zurück, warf sie fort, doch unser Hund dachte, ich will spielen. Ich rannte und sprang über einen Bach, um mich in Sicherheit zu bringen.

Deshalb plane ich, an diesem Wochenende einen Kanister mit Giftgas in meinem Vorgarten aufzustellen, mit einem Industrie-Ventilator dahinter. Ich kann es nicht ändern, wenn etwas Gas über die Straße zieht.

Grüße, David.

Von: Justin Flecker
Datum: Montag, 7. Mai 2012, 14.14 Uhr
An: David Thorne
Betreff: Re: Re: Lampe

Ist das eine Drohung? Machen Sie was in Ihr Fenster, wenn Sie das Licht nicht mögen. Wir waren schon fünf Jahre bevor Sie hergezogen sind hier und sind mit Ryan, der vor Ihnen in Ihrem Haus gelebt hat, bestens ausgekommen. Wir waren bei seinen Barbecues und ich habe ihm meinen Rasenmäher geliehen. Wir verstehen uns mit allen Nachbarn gut. Ich weiß nicht, wie ihr das in eurem Land so macht, aber in unserem Land geht man nicht einfach auf ein fremdes Grundstück und betatscht Dinge.

Von: David Thorne
Datum: Sonntag, 7. Mai 2012, 15.37 Uhr
An: Justin Flecker
Betreff: Re: Re: Re: Lampe

Lieber Justin,
in meinem Land verwenden wir 1000-Watt-Lampen für Verfolgungsjagden der Polizei per Helikopter und um Seeleute vor gefährlichen Klippen zu warnen. Trotz der Tatsache, dass einen praktisch jedes Lebewesen dort in weniger als drei Minuten umbringen kann. Unsere Muttersprache ist Schreien.

Es überrascht mich nicht, dass Sie mit allen anderen Nachbarn gut auskommen. Gleich und gleich gesellt sich gern.

Und nein, das war keine Drohung. Das war eine überzogene Antwort auf Ihre kompromisslose Haltung. Ich habe gelernt, niemals zu drohen, wenn ich nicht bereit bin, es auszutragen und ich bin kein Fan davon, überhaupt etwas zu tragen. Wenn ich sehe, wie andere Leute etwas tragen, fühle ich mich schon unwohl. Hauptsächlich, weil sie mich fragen könnten, ihnen zu helfen.

Ich habe erwogen, ein Flutlicht zu installieren, das ebenso hell ist wie Ihres, aber auch das würde tragen nach sich ziehen, ebenso wie Ahnung von Verkabelung und Zugang zu einem Stromversorger, der diese Kilowatt-Menge liefern könnte. Fusionsenergie womöglich. Ich kriege schon Ärger mit meiner Partnerin wegen Geldverschwendung, wenn ich über Nacht das Licht im Bad anlasse. Ich kann nur spekulieren, wie sie auf eine Stromrechnung reagieren würde, die unser Jahreseinkommen um ein Achtfaches überschreitet, nur für ein Vergeltungsgartenlicht. Sie würde wohl einen dritten Job annehmen müssen.

Es wäre deutlich günstiger, wenn ich mich in meine Auffahrt stellen und Steine werfen würde. Ich könnte es nicht ändern, wenn einige Steine über die Straße fliegen würden. Sie sollten besser etwas in Ihr Fenster machen.

Grüße, David.

Von: Justin Flecker
Datum: Montag, 8. Mai 2012, 10.01 Uhr
An: David Thorne
Betreff: Re: Re: Re: Re: Lampe

Hast du unsere Lampe schon wieder genommen, Arschloch? Welchen Teil von "Geh nicht auf unser Grundstück" verstehst du nicht?

Von: David Thorne
Datum: Sonntag, 8. Mai 2012, 10.32 Uhr
An: Justin Flecker
Betreff: Re: Re: Re: Re: Re: Lampe

Lieber Justin,
nein, ich habe die Lampe nicht schon wieder genommen. Ich habe sie an einen anderen Platz gebracht. Der derzeitige Ort kann ermittelt werden, wenn die folgende Reihe an Hinweisen entschlüsselt wird. Vielleicht laden Sie dazu Ihren Freund Ryan ein und gehen das ganze wie eine Schatzsuche an:
1. Sie ist im Briefkasten
2. Schauen Sie im Briefkasten nach.
Weil das noch zu schwierig ist, gebe ich Ihnen einen dritten Hinweis in Form eines Rätsels: Was brennt mit dem Licht von 1000 Sonnen und ist im Briefkasten?

Grüße, David.

Von: Justin Flecker
Datum: Montag, 8. Mai 2012, 11.15 Uhr
An: David Thorne
Betreff: Re: Re: Re: Re: Re: Re: Lampe

Ich setze eine schwächere Birne ein, damit Sie endlich die Schnauze halten. Mailen Sie mir nicht mehr und wenn Sie je wieder bei uns eindringen, erstatte ich Anzeige.

Von: David Thorne
Datum: Sonntag, 8. Mai 2012, 12.02 Uhr
An: Justin Flecker
Betreff: Re: Re: Re: Re: Re: Re: Re: Lampe

Lieber Justin,
was ist, wenn ich ein Barbecue veranstalten und Ihnen eine Einladung schicken möchte? Ist es in Ordnung, wenn ich Ihnen dann eine Mail schicke?

Grüße, David.

Von: Justin Flecker
Datum: Montag, 8. Mai 2012, 12.18 Uhr
An: David Thorne
Betreff: Re: Re: Re: Re: Re: Re: Re: Re: Lampe

Nein, das ist nicht in Ordnung.

Von: David Thorne
Datum: Sonntag, 8. Mai 2012, 12.27 Uhr
An: Justin Flecker
Betreff: Re: Re: Re: Re: Re: Re: Re: Re: Re: Lampe

Lieber Justin,
und wenn ich mir Ihren Rasenmäher ausleihen muss? Ich kann nicht Leute zum Barbecue einladen und erwarten, dass sie im hohen Gras stehen. Es könnte jemand von einer Schlange gebissen werden. Das ist eine Frage der Sicherheit.

Grüße, David.

Von: Justin Flecker
Datum: Montag, 8. Mai 2012, 15.26 Uhr
An: David Thorne
Betreff: Re: Re: Re: Re: Re: Re: Re: Re: Re: Re: Lampe

Fuck off back to Austria. (Verpissen Sie sich zurück nach Österreich.)

Als Thorne unsere Anfrage, ob wir seinen Text übersetzen dürften, bejahte, versicherte er ebenfalls, dass diese E-Mail-Konversation wörtlich so stattgefunden habe. Gleichzeitig schrieb er aber auch, dass der Konflikt ja nun schon etwas länger her sei und er und sein Nachbar inzwischen gut miteinander auskämen.

David Thorne, der 1972 in Geraldton, Australien, geboren wurde, muss also weder dorthin zurück noch nach Österreich, sondern darf im hübschen Massanutten, Virginia, bleiben. Thorne betreibt die Website 27bslash6, ist Bestseller-Autor und hat in seinem jüngsten Buch "I'll Go Home Then; It's Warm and Has Chairs" bislang unveröffentlichte E-Mails herausgebracht.

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