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"Wir und Corona" "Profi-Fußballer müssen nicht als gesellschaftliche Vorbilder herhalten" – Kölns Mitgliederrats-Chef zum Bundesliga-Restart


Im stern-Interview spricht Stefan Müller-Römer, Vorsitzender des Mitgliederrats beim Fußball-Bundesligisten 1. FC Köln, über Geisterspiele und die Rolle der Profis. Sportlich müssten sie Vorbilder sein, gesellschaftlich nicht, sagt Müller-Römer.

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Jetzt geht es also wieder los in der Fußball-Bundesliga. Die Deutsche Fußball Liga (DFL) hat mächtig Lobbyarbeit betrieben, hat ein ausgefeiltes Hygienekonzept vorgelegt – und grünes Licht von der Politik bekommen: für Geisterspiele, unter strengen Auflagen. Nur 300 Menschen dürfen jeweils in die Stadien, die Spieler sollen in Privatwagen anreisen oder in Kleinbussen, vorher sind sie ausgiebig getestet worden und mussten sich in eine Art Gruppenquarantäne begeben.

Das alles ist also reichlich aseptisch und hat mit dem Spektakel, für das die Profiliga eigentlich steht, wenig zu tun. Aber es muss offenbar sein, weil viel Geld auf dem Spiel steht – und die wirtschaftliche Existenz eines guten Teils der Vereine. Die bekommen nämlich jetzt trotz allem jene Fernsehgelder, die sie so dringend benötigen. Aber ist es verantwortbar, auch in dieser abgespeckten Variante jetzt wieder Fußball spielen zu lassen? Wie wird das viel diskutierte Hygienekonzept der DFL in den Vereinen konkret umgesetzt? Und wird das Milliardengeschäft Fußball jetzt so richtig, echt, wahrhaft geläutert?

Darüber spricht Stefan Müller-Römer, Vorsitzender des Mitgliederrats des 1. FC Köln, in "Wir und Corona", dem Podcast von stern und RTL. Müller-Römer kennt sich aus mit dem Innenleben dieses Vereins, eine Weile war der Anwalt sogar Interimspräsident. "Ich verfalle nicht in Euphorie darüber, dass es in der Bundesliga jetzt wieder losgeht", sagt Müller-Römer, "weil ich es sehr seltsam finde, Spiele ohne Zuschauer durchzuführen. Aber ich verstehe die wirtschaftlichen Notwendigkeiten. Und ich halte es für verhältnismäßig und für vertretbar, jetzt wieder zu spielen. Aber meine Freude ist sehr, sehr eingeschränkt".

"Künstliche Stimmung ist keine Stimmung" - Müller-Römer spricht sich gegen virtuelles Publikum aus

Müller-Römer gehört zu den unter 300 Menschen, die am Sonntag, wenn der 1. FC Köln zu Hause gegen Mainz 05 spielt, ins Stadion dürfen. Fangesänge aus der Konserve werden dort nicht eingespielt werden. "Beim 1. FC Köln gibt es die klare Linie, dass wir die Fans im Stadion nicht virtuell ersetzen möchten. Wir wollen nicht so tun, als ob Stimmung vorhanden wäre, wenn faktisch keine Stimmung vorhanden ist. Künstliche Stimmung ist keine Stimmung", sagt Müller-Römer. "Im Stadion wird man sich einfach zurückhalten. Das macht es ja spooky. Normalerweise fällt man sich um den Hals, wenn ein Tor fällt oder klatscht sich zumindest ab. Das wird alles nicht passieren. Das ist seltsam und macht mit Sicherheit deutlich, deutlich, deutlich weniger Spaß als ein normales Fußballspiel".

In den vergangenen Wochen hatte es Diskussionen darüber gegeben, ob der "Re-Start" der Liga auch mit ausgefeiltem Hygienekonzept verantwortet werden kann. "Mittlerweile hat wirklich jeder den Ernst der Lage verstanden", sagt Müller-Römer. "Unsere Spieler sind geschult und sind auch von sich aus vorsichtig. Da bedarf es keiner extra Erklärung mehr, um ein vernünftiges Verhalten hinzubekommen". Und weiter: "Ich finde es vertretbar, die Saison jetzt fortzusetzen, wenn das DFL-Konzept durchgehalten worden ist. Und soweit ich weiß, ist es das. Alle sind getestet worden. Deshalb ist es vertretbar, elf Gesunde gegen elf Gesunde spielen zu lassen."

Profifußballer als gesellschaftliche Vorbilder in der Coronakrise?

Argumente, die Bundesligisten hätten den Start der Bundesliga zu diesem Zeitpunkt nur mit aller Lobbymacht politisch durchsetzen können, sieht Müller-Römer skeptisch. "Es ist von Seiten des Profifußballs legitim zu sagen: Wir haben ein Problem, wenn wir nicht mehr spielen dürfen. Also möchten wir gerne spielen. Wir haben ein Konzept entwickelt, das stellen wir euch vor, und wir bitten euch, das sorgfältig zu prüfen. Das ist ein ganz legitimes Vorgehen und hat nichts mit der Macht des Fußballs zu tun".

Zudem warnt der Kölner Funktionär davor, die gesellschaftliche Rolle von Fußballprofis zu überfrachten. "Ich halte die Erwartungen gegenüber Profi-Fußballern in der Coronakrise für übertrieben. Profis müssen Vorbild sein, was sportliche Fairness betrifft, auf dem Feld. Aber sie müssen nicht als gesellschaftliche Vorbilder in der Coronakrise herhalten".

Die Begeisterung über den Spielbeginn hatte sich in der Bevölkerung zuletzt in Grenzen gehalten. Eine Umfrage im Auftrag der ARD hat ergeben, dass jeder zweite Deutsche – also 50 Prozent der Befragten – dagegen ist, dass die Bundesliga mit Geisterspielen fortgesetzt wird. Nur 36 Prozent sind dafür. "Die Akzeptanz des Profifußballs ist im Moment ein bisschen wackelig", sagt Müller-Römer. Deswegen ist es für die Zeit nach der Krise wichtig, dass man überlegt, mit wem man Geschäfte macht und wie man die Geschäfte macht und in welchem Rahmen man sie macht." Die Fans als Konsumenten hätten eine gewaltige Macht. "Es hängt viel davon ab, wie die Fans den Fußball sehen möchten. Wenn sich unter den Fans, den Konsumenten, die der entscheidende Faktor sind für dieses Geschäft, eine Einstellung durchsetzen sollte, dass bestimmte Dinge nicht mehr akzeptabel sind, dann werden die Verantwortlichen entsprechend schnell reagieren", sagt Müller-Römer.


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